KW-Virgental: Hohe Kosten, kaum Widerstand

200 Bürger kamen zum Infoabend. Geschätzte Kosten: 144 Mio. Euro.

Das Interesse an den Kraftwerksplänen für Virgen und Prägraten war groß.

Die ersten Weichen für das Mammutprojekt wurden im März in den Gemeinderäten gestellt. Nun luden Virgen und Prägraten zu einer Infoveranstaltung mit anschließender Diskussion über das geplante Kraftwerk Virgental. Ein Thema, das die Bürger bewegt: Der Kultursaal Virgen füllte sich am Abend des 8. April gut, wenn auch nicht zur Gänze.

Die Kraftwerks-Troika: Planer Wolfgang Widmann (INFRA) und die Bürgermeister Steiner (Prägraten) und Ruggenthaler (Virgen)

Die Bürgermeister der beiden Gemeinden, Dietmar Ruggenthaler und Anton Steiner, gaben mit dem Geschäftsführer des Projektentwicklers INFRA, Wolfgang Widmann, den aktuellen „Fahrplan“ bekannt: Das UVE-Konzept ist eingereicht, im Juni wird mit der Antwort der Behörde gerechnet. Das Ergebnis der UVP dürfte Ende 2013 vorliegen. Bis zur Inbetriebnahme des Werks würden dann noch weitere vier Jahre verstreichen.

Als nächster Schritt steht die Gründung einer Projektgesellschaft an, wobei den Gemeinden ein Anteil von mehr als 25 Prozent am Projekt verbleiben soll, die INFRA hingegen mit Inbetriebnahme des Kraftwerks völlig ausscheidet.

In den kommenden Jahrzehnten sind die Kosten hoch und der Ertrag klein, zeigt der INFRA-Planer. Erst ab 2051 soll sich das ändern.

Aufhorchen ließen einige der umfangreich, aber durchaus transparent servierten Daten. Ein kurzer Auszug: Allein die Projektentwicklung wird bis zur Genehmigung 7,2 Millionen Euro verschlingen. Die Gesamtkosten belaufen sich ohne Bauzinsen auf 144 Millionen Euro, puls/minus 20 Prozent wohlgemerkt. Die Amortisierung werde, so der Geschäftsführer des Projektentwicklers INFRA, 23 Betriebsjahre in Anspruch nehmen.

Derzeit ist vorgesehen, dass die Wasserfassung mittels 250.000-Kubikmeter-Tagesspeicher in Hinterbichl erfolgt. Die Ableitung führt durch einen Stollen mit einem Durchmesser von drei Metern – übrigens der kostenintensivste Teil –  bis zum Krafthaus in Mitteldorf. Geschätztes Jahresarbeitsvermögen: satte 140 GWh.

Dietmar Ruggenthaler möchte "unabhängig und selbstbestimmt sein". Das 140-Millionen-Projekt soll dazu betragen.

Die beiden Bürgermeister argumentierten über weite Strecken mit der sinkenden Finanzkraft der Gemeinden. Dietmar Ruggenthaler nannte den besorgniserregenden Einbruch der Einnahmen in den letzten zwei Jahren von 11 Prozent, bei laufend steigenden Ausgaben. „Wenn wir ausgeglichen bilanzieren wollen, müssen wir unabhängig und selbstbestimmt sein und die eigenen Ressourcen zum Vorteil der Bewohner nutzen. Das Kraftwerk wird ein Vorzeigeprojekt in jeder Hinsicht.“ Die Isel sei, so Ruggenthaler, kein unberührter Gletscherfluss, denn nach mehreren Hochwasserereignissen sei sie massiv verbaut und in ein enges Bachbett gedrängt worden.

Bei der anschließenden Diskussion wurden von Bürgern u.a. mögliche Kostenüberschreitungen sowie die negativen Auswirkungen des Projektes auf die Landschaft und den Fremdenverkehr hinterfragt. „Die Gemeindeführungen tragen den Tourismus zu Grabe“, machte sich etwa ein Kritiker aus Prägraten Luft.

Die Diskussion verlief im Großen und Ganzen dennoch sachlich. Die Pro-Stimmung im Saal überwog bei weitem und fand durch zwischenzeitlichen Applaus ihren Ausdruck. Lautstarke Proteste von Kraftwerksgegnern blieben aus. Die Wogen gingen nicht allzu hoch an diesem Abend, der Widerstand gegen das Großprojekt blieb gering.

Wenn Bürgermeister träumen: Aus dem Gletscherfluss soll eine sprudelnde Geldquelle werden. Fotos: Brunner Images
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10 Postings bisher
stephan

Auslastung liegt um die 35%, Durchflussmengen findet ja man unter http://www.wasser-osttirol.at/media/m_mitt_isel_hib_gr.jpg Das Kraftwerk mit 15m3/s zu betreiben grenzt an eine Sinnlosigkeit, auf die Restwassermenge bin ich ja gespannt. Weiters werden eventuell andere Bäche in den Tagesspeicher hineingepumpt, wohl nicht mit dem produzierten Strom, wenn Atomstrom weitaus billiger ist. Die Finanzierung ist ein Witz, so wie infra plant, müsste man Zinsen in der Nähe von 0 zahlen. Auf Anfragen bekommt man keine klaren Antworten, nicht einmal die Präsentation wird einem zur Verfügung gestellt. Dafür wird auf eine Informationsveranstaltung (die erste in Prägraten) verwießen, die natürlich nach Einreichung der UVP, im Herbst ist. Das ganze Projekt ist so kurzsichtig, selbst Kleinstkraftwerke arbeiten doppelt so effizient (halb so hohe spezifische Kosten). Und wer will schon wissen, wie die Energiewirtschaft in 40 Jahren ausschaut. Wenn dann Kernfusion funktioniert oder andere Energiequellen wie Sonnenenergie effizienter arbeiten, wird man sich über dieses Projekt nur mehr ärgern. Abgesehen von der Tatsache, dass der "Energieversorger" mit 75% Mehrheit sagen kann, in welche Richtung das Kraftwerk geht, zB. Vergrößerungen. Unter http://kraftwerk-virgental.at/Unterzeichnen/ kann man sich gegen das Kraftwerk aussprechen, hoffentlich wird es rechtzeitig verhindert.

nasowas

Es „ehrt“ Bgm. Ruggenthaler, dass er nicht kurzfristig denkt, sondern langfristig, schließlich wird er vermutlich in 40 Jahren – wenn sich das Kraftwerk endlich rentieren soll - nicht mehr Bürgermeister sein. Sollte es also Gewinne geben, kann sie ein anderer für Virgen lukrieren. Allerdings neigt Osttirol dazu, aus Fehlern anderer nicht zu lernen bzw. beim Nachhinken und Nacheifern Fehler anderer gerne nachzumachen. Das Projekt kommt mir angesichts der rasanten Entwicklung auf dem Technologie- und Energiesektor (siehe BloomBox, Fortschritte in der Photovoltik etc.) also ziemlich kurzsichtig vor. Anders sähe es aus, wenn wir dringend Strom brauchen würden. Aber so könnte man – überspitzt gesagt - genauso den Schuldendienst bzw. die Projekt- und Baukosten 40 Jahre lang auf die hohe Kante legen und dann von den Zinsen der Gemeinde zuschießen. Man könnte auch, wenn man schon Geld für die Projektierung übrig hat, dieses in weniger naturzerstörende Technologien investieren. Wenn die Lebensqualität nicht mehr stimmt, kann man sich auch von seinen Bürgern und Touristen verabschieden….

rolandius

nach einigem suchen etwas sehr tolles gefunden.

http://www.wasser-osttirol.at/media/m_mitt_isel_hib_gr.jpg

auf der Website mit Quellenangaben: http://www.wasser-osttirol.at/?Sel=2

und jetzt nochmal kurz die daten des kraftwerks studiert so sieht ein jeder, dass der ausbaudurchfluß einmal im Jahr erreicht wird und nur unter der annahme, dass das gesamte wasser entnommen wird.

JVS

Seit über 25 Jahre machen wir 2x im Jahr 3 Wochen Urlaub in Hinterbichl. Hauptgrund : die herrliche unberührte Natur. Zukunft : Staumauer Oberhalb Hinterbichl, Flüsse mit Restwasser, Jahrenlange Bauarbeiten... Hätte nie gedacht dass wir das sagen würden, aber wir kommen nicht mehr...!

Detektor

Fata Morgana? Warum soll von Gemeindebürgern großer Widerstand zu erwarten sein, wenn man ihnen in den rosigsten Farben einen Geldesel vorstellt? Die Planer werden ihr Geld schon bekommen - so oder so. Ob die Gemeinden dann wirklich irgendwann einmal profitieren oder der große - bisher unbekannte - Dritte die Sahne abschöpft, ist mehr als fraglich. Fraglich ist auch, wie die europäische Stromwirtschaft schon in wenigen Jahren aussehen wird und welche Erlöse dann überhaupt erzeilbar sind. Sicher dagegen ist, dass bislang noch jedes größere Bauprojekt (oft sehr viel) teurer geworden ist als vorher angenommen, sicher ist auch eine gewaltige Belastung der Region während der Bauzeit und sicher ist auch, dass ein Kraftwerkstal für den Tourismus keine Attraktion sein wird.

rolandius

danke für die info!!

veronika

...15m³/sec. schein mir wohl etwas viel in dem oberlauf, ... aha, verstehe: spitzenstrom?! ... kann mir jemand sagen, was man in diesem fall unter spezifischen kosten versteht? wie kommt diese kennzahl zustande? danke!

Claudia Funder

@ rolandius: Mir bekannte technische Daten: Ausbaudurchfluss: 15 Kubikmeter/sec Leistung: 47 MW Jahresarbeitsvermögen: 140 GWh (Strom für ca. 40.000 Haushalte) Kosten: 144 Mio. Euro (7,2 Mio. Euro Projektentwicklung, 137 Mio. Euro Bau) Spezifische Kosten: 1,03 Euro/kWh Einzugsgebiet an Wasserfassung: 142 Quadratkilometer

Zeitlicher Ablauf: März 2011: Einreichung UVE-Konzept Juni 2011: Stellungnahme der Behörde 3. Quartal 2011: Prüfung und Entscheidung zum Weitermachen 2. Quartal 2012: Einreichung UVP 4. Quartal 2013: Ergebnis 2014: realistischer Baubeginn 3. Quartal 2017: Inbetriebnahme

rolandius

an die redaktion: sonstige kennzahlen bekannt??? auslastung in Prozent verteilung des regelarbeitsvermögens über das jahr???

nanny

Was die "sprudelnde Einnahmequelle" für die Gemeinden betrifft - also da beschleichen mich Zweifel. Was die - gerade weil über Jahre sich hinziehend - sich "spudelnd erhöhenden Kosten" für Projekt, Erschließung und Bauausführung betrifft - da bin ich mir sicher!