Im Kriechgang durch's Einkaufsparadies.

Riesige Parkgaragen baut man nicht für den Citybus.  Ein Kommentar.

foto: photocase/benicce

Am Dienstag, 31. Jänner, wird der Lienzer Gemeinderat eine neue Flächenwidmung für das „Kaufhaus Lienz“, alias M99 beschließen. Nötig ist das, weil unter anderem die Garage des Einkaufscenters größer werden soll als geplant.

2008 gab der Südtiroler Projektant des M99 ein Verkehrsgutachten in Auftrag. Die Verkaufsfläche des Centers wurde damals mit 6.940 m2 angegeben, heute sollen es mehr als 8.000 m2 sein. Damals waren 334 Parkplätze für das M99 geplant, 157 davon in einem mehrgeschossigen „Garagenturm“ auf dem ehemaligen Greiderer-Gelände. Dieser Plan ist gefallen.

Jetzt geht's unter die Erde. Unter dem Shoppingcenter, aber auch unter der Bundesstraße und dem Greiderer-Areal sollen 400 Parkplätze in einer dreigeschossigen Tiefgarage angeboten werden. Zum Vergleich: die großen Parkplätze auf beiden Seiten der Tirolerstraße fassen vom Bahnhof bis zur Kreuzung Amlacherstraße oberirdisch ca. 460 Autos.

Obwohl die Architektur des Kaufhauses Lienz durch den Wegfall eines Bürogeschosses „Verkleinerung“ suggeriert, wurden Verkaufsflächen und Stellplätze gegenüber dem Entwurf von 2008 eher ausgeweitet. Wo viele Parkplätze sind, fahren viele Autos hin. Niemand baut zu gewaltigen Kosten eine Tiefgarage, damit sie leer steht. Auch die Hobag AG nicht.

Schon 2008 errechneten die Verkehrsplaner – wohlgemerkt im Auftrag der Bauwerber – beeindruckende Zuwächse des Verkehrsaufkommens. Zusätzlich zum heutigen Verkehr müsste die B100 im Bereich der Andreas-Hofer-Straße 220 Fahrzeuge pro Stunde je Richtung als „induzierten Neuverkehr in Spitzenzeiten“ verkraften, 3240 neue Kfz-Fahrten pro Tag.

Rechnet man mit 1,5 Personen, die im Schnitt in einem Pkw sitzen, wären das 2160 Menschen. Gut 100 Citybusse müssten täglich fahren, um sie alle zu transportieren. In anderen Worten: Ein so großes EKZ wie das Kaufhaus Lienz macht mit einem Schlag alle Bemühungen zunichte, die Pkw-Flut durch Lienz zu reduzieren. Alle City- und Talbodenbusse zusammen könnten nicht einmal den Zuwachs bewältigen, geschweige denn die Situation verbessern.

Wer ein Center haben will, bekommt auch den Verkehr dazu. SP-Mandatar Andreas Hofer fordert heute lautstark den Citybus. Am 31. Jänner wird er – vermutlich mit einer Mehrheit der Gemeinderäte – für das Kaufhaus Lienz die Hand heben und damit auch für dramatisch mehr Autoverkehr stimmen.

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6 Postings bisher
MelissaM

@anton2009 - wenn die Berechnungen tatsächlich vom Betreiber stammen, wage ich sie auch zu bezweifeln. Dann wird vermutlich sogar noch tief gestapelt.

anton2009

Der City-Bus wird das Verkehrsproblem rund um das EKZ nicht lösen! Zukünftige Kunden aus den Tälern werden keinen City-Bus brauchen! Und ob die Berechnungen des zusätzlichen Verkehrsaufkommens stimmen, wage ich zu bezweifeln! Vielleicht verringert sich dann der Verkehr zwischen Lienz und Debant? Und noch etwas: Verkehr = Leben!

roland

es scheint mir wichtig zu sehen, dass die Angelegenheit verschiedene Dimensionen hat: a) bedeutet eine große Tiefgarage viel Verkehr? nur dann, wenn viele Leute sie benutzen; b) wenn viele Leute die Tiefgarage benutzen, fragt man sich: was wollen die bloß alle da? die Nutzer der Tiefgarage werden sie in den meisten Fällen nicht zum Karten spielen verwenden, sondern um einzukaufen c) die Frage lautet also: wollen wir, dass viele Leute nach Lienz zum Einkaufen fahren? wenn ja, wird man ein gewisses Maß an Verkehr in Kauf nehmen müssen; wenn nein, sollte man das auch laut sagen: "Leute, fahrt bitte nicht nach Lienz zum Einkaufen, fahrt lieber woanders hin; wir wollen kein wirtschaftliches Zentrum für die Region sein" d) meine persönliche Meinung: Lienz könnte ein kleines Stück Urbanität durchaus gebrauchen; das Modell "verschlafene Kleinstadt" ist ja ganz idyllisch, aber ob das eine Zukunftsperspektive ist?

Es ist Zeit für eine öffentliche Debatte zur Lienzer Stadtentwicklung

hergru

"Kaufhaus Lienz", sollte es je dazu kommen, würde für unsere Stadt ein überdimensioniertes Monster werden, so wie es die hässlichen "Ämterhäuser" geworden sind. Abgesehen von dem unlösbarem Verkehrsproblem, zerschlägt es die gewachsene Wirtschaftsstruktur unserer schönen Kleinstadt. Beispiele hiefür gibt es zur Genüge!

nasowas

Auf den Punkt gebracht! Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen! Bravo!

boarium

Würde gerne die Zahlen im Original sehen, denn die hier kolportierten "Neufahrten" verwirren mich etwas. Einerseits gibt es 3240 Fahrten zusätzlich pro Tag (bei 440/h in Spitzenzeiten, und davon müsste es dann viele täglich geben). Gehe ich allerdings von den später erwähnten 2160 Personen a 1,5 Personen pro PKW aus, sind es 1440 zusätzliche Fahrten pro Tag. Soll das jetzt bedeuten, dass bei einer Eröffnung des EKZs täglich 1440 zusätzliche PKW bei gleichzeitigen 1800 neuen LKW-Zulieferungen entstehen würden (denn nur so erhalte ich die vorher angegebenen Fahrtenzahlen)? Irgendwo ist da doch der Wurm drin in der Rechnung, entweder bei mir oder in obigem Artikel. Bitte darum, mich zu belehren und aufzuklären...

P.S.: 100 Citybusse wird es wohl nicht brauchen, geht man von mehreren Linien und einem passenden Takt aus. Es würden auch deutlich weniger Busse reichen, die nicht nur eine Runde täglich fahren ;)))