Ohne sie gäb’s kein Ergebnis: Die Stimmenzähler.

Mario Schwaiger schildert uns seinen Tag als Wahlbeisitzer in Lienz.

Mein Name ist Mario J. Schwaiger, ich bin im „richtigen Leben“ Ingenieur der Softwareentwicklung und war am Wahlsonntag einer der vielen Österreicher, die eine Wahl überhaupt ermöglicht hatten. Ich spreche hier allerdings nicht über die Wählerinnen und Wähler (und auch nicht über die Politiker …), sondern über die Wahlbeisitzer. Wenn man die Wahlen vor dem Fernseher oder in der Zeitung verfolgt, ist einem verständlicherweise vielleicht nur im Großen und Ganzen klar, wie das alles zustande kommt. Die Details verbergen sich hinter den nach 16 Uhr verschlossenen Türen des Wahllokals.

Aber wie wird man eigentlich Beisitzer? Man fragt (oder wird gefragt) bei der Partei seines Vertrauens nach, ob sie einen nominieren können. Ausgenommen von dieser Option ist das BZÖ, das zwar in Lienz das Recht, bzw. die Pflicht gehabt hätte, Beisitzer zu nominieren, davon jedoch Abstand genommen hat. Wer jetzt, nach dem Ausfall des BZÖ an die Reihe kommt, wird mit dem D’Hondt’schen System ermittelt. Nach seiner Nominierung als Beisitzer bekommt man einen RSA-Brief und somit auch von staatlicher Seite den Auftrag, sich an diesem Tag in die Dienste der Republik zu stellen. Mein Wahltag begann mit der Vereidigung und einem Gelöbnis. Wirklich auskosten ließ man mich das nicht, recht bald machten die ersten Wähler von ihrem Recht Gebrauch. Vielleicht ist es einem beim Überreichen der Wahlverständigungskarte aufgefallen, dass sich die Beisitzer und die Schreibkraft Nummern zurufen. Die eine ist die Nummer im Wählerverzeichnis, die andere die fortlaufende Nummer, mit der der Wahlvorgang registriert wird. Soweit die Theorie. In der Praxis erwies sich das Farbband der Schreibmaschine als Montagsproduktion und fiel nach dem vierten Wähler aus. Als Anfänger ist das eine erste Aufregung. Doch wenn erfahrene Beisitzer daneben stehen, wird umdisponiert und ich mutierte vom Beisitzer zur Schreibkraft. Statt den Schreibmaschinenlettern findet man die Namen der ersten Wähler diesen Tages in meiner Handschrift. Immerhin war das nur von kurzer Dauer. Nach wenigen Minuten hatten wir sicherheitshalber zwei neue Farbbänder und der „Status quo ante bellum“ ward wiederhergestellt.

Der Abgleich mag monoton klingen, doch wenn in Spitzenzeiten plötzlich zehn Personen auf einmal das Lokal stürmen, kann das durchaus etwas brenzlig werden. Insbesondere dann, wenn sich manche mit anderen Dokumenten ausweisen oder mit einer Wahlkarte auftauchen. Erheiternd fand ich mein „Wahlzuckerl“. Unser Vorsitzender ließ die Gelegenheit nicht aus, mir als jüngstem aller Beisitzer quasi als Einstiegsgeschenk in die Politik eine kleine Süßigkeit zu geben. Eines der wenigen Wahlzuckerln, die sich nicht im Budget niederschlagen werden.

Als Wähler sieht man meist nur die Hälfte der Beisitzer. Während des Wahlvorganges braucht man (noch) nicht so viele Hände. Die andere Hälfte macht meist einen fliegenden Wechsel. Kurz vor Mittag entschloss auch ich mich, dieser Hälfte anzugehören und verabschiedete mich für eineinhalb Stunden in die Pause. Zumindest solange, bis mir einfiel, welcher Tag heute war. Der Weg nach Hause änderte sich rapide zum Weg in meinen eigenen Wahlsprengel. Es hatte etwas Ironisches, jetzt selbst vor der Wahlleitung zu stehen, meinen Schein abzugeben, die herumjonglierten Nummern zu hören und schließlich selbst in die Wahlkabine zu gehen. Der Wahlzettel, der inzwischen die Ausmaße eines Posters angenommen hat und auch in der Anzahl der Qualität der Vorzugsstimmen angewachsen ist, schreckt einen dann nicht mehr so sehr, wie vielleicht als „regulärer“ Wähler.

Ich hatte kurz vor 16 Uhr einen stärkeren Anstieg der Wähler erwartet. Auch dachte ich ein paar Mal daran, wie viele Langschläfer wohl erst kurz nach dem Schließen anklopfen würden. Geschehen ist davon nichts in erwähnenswertem Ausmaß und wir beförderten Punkt 16:00 die verschlossene Urne in den Nebenraum. Unser Sprengel erreichte eine Wahlbeteiligung von über 60% und dementsprechend voll war der Holzkasten. Bisher war alles ruhig, ab sofort arbeitete die Zeit gegen uns. Die ersten Hochrechnungen taten ihr Übriges, um die Stimmung etwas anspannen zu lassen und die Gemütlichkeit des Wahlsonntages wich dem Stimmenauszählen.

Vor uns lag ein hübscher Haufen an blauen Umschlägen. Wir bildeten Zehnergruppen und hatten eine Gleichheit von Soll und Ist der Stimmenanzahl. Ein durchaus motivierender Moment. Der nächste Schritt war vielleicht der Spannendste: Das Öffnen der Kuverts. Zuerst schichteten wir Stimmen pro Partei und schon bald zeigte sich auch bei uns der österreichische Trend: Volkspartei und Sozialdemokraten waren annähernd gleichauf. Die Freiheitlichen folgten sehr, sehr knapp dahinter. Die Liste Frank überraschte. Piraten und Kommunisten … eher nicht. Auch hatte ich mehr „lustige“ Sprüche auf den ungültigen Stimmen erwartet. Stattdessen waren es nur vier Fälle. Alle eindeutig ungültig. Keine Diskussion. Keine Abstimmung über Gültigkeit.

Ebenso hatte ich ein paar Stimmen erwartet, die votiert hatten, indem sie alle Parteien, bis auf ihren Favoriten gestrichen hatten. Die Stimme ist in diesem Fall gültig – und hin und wieder ging mir der Gedanke durch den Kopf, welche Leute so stimmen würden. Es war kein einziger. Vielleicht sogar österreichweit. Nach Zählung der Stimmen waren Soll und Ist wieder identisch. Wir kamen gut voran. Gleich, nachdem das Ergebnis stand, gaben wir es in die Liebburg durch und es war offiziell. Ein erstes Aufatmen ging durch die Runde.

Einige Diskussionen gab es dann bei der Auswertung der Vorzugsstimmen. In manchen Fällen landete der Lieblingskandidat im falschen Feld, in einigen Fällen war selbst ein amtierender Minister nicht auf der Bundesliste zu finden … Über einen Kandidaten mokierte man im Wahlkampf, dass nicht einmal seine Partei seinen Namen wisse. Auch auf dem Wahlzettel war er nicht korrekt geschrieben … Sehr häufig bekam nur der Listenerste in der Regionalliste eine Vorzugsstimme. Nicht jedoch auf Bundes- oder Landesebene. Ein solches Votieren hat nur in sehr seltenen Fällen einen Effekt. Der Listenerste kommt ohnehin bei Erreichen eines bestimmten Prozentsatzes in den Nationalrat. Vorzugsstimmen würden ihm nur dann helfen, wenn der Listenzweite wie im Falle bei der Europawahl 2009 – Othmar Karas – einen Vorzugsstimmenwahlkampf gegen den Listenersten führen würde. In diesem Fall würde der Listenerste sehr wohl Vorzugsstimmen benötigen, um seine Position zu halten. Ansonsten ist eine Vorzugsstimme für den Listenersten eher eine pro forma Angelegenheit.

Neu war bei dieser Wahl, dass die einzelnen Sprengel mit mehr Verantwortung bedacht worden sind. Die Vorzugsstimmenauszählung lag bei uns. Das war der anstrengendste Teil, da man, wie zuvor kurz erwähnt, zwischen drei Arten von Vorzugsstimmen zu unterscheiden hatte und diese auch differenziert gemeldet wurden. Region, Land und Bund. Ich war überrascht, wie viele Vorzugsstimmen aufgrund von mehrfachem Ankreuzen ungültig wurden. Allerdings denke ich auch, dass die Lösung hinter diesem Phänomen gar nicht kryptisch ist. Wie drückt man am einfachsten aus, dass bei dieser Wahl Stimmen auf Bundes-, Landes- und Regionsniveau zu verteilen sind? Indem man in den Medien erzählt, dass diesmal drei Vorzugsstimmen möglich sind … Man kann leicht missverstehen, wie die drei Vorzugsstimmen abzugeben sind.

Trotz dieses Stresses hatten wir alle hervorragende Arbeit geleistet. Auch bei der letzten Auszählung stimmen Soll und Ist überein. Das Klima war deutlich gelöster. Während das Protokoll geschrieben wurde, wagten wir einen Blick auf die Auszählung österreichweit. Wenn man das Tiroler Wahlverhalten berücksichtigt, hatten wir tatsächlich in etwa den österreichweiten Schnitt erreicht. Insgesamt waren lediglich Neos und Stronach besser als hier.

Damit war der Tag praktisch vorüber. Die letzten Minuten verbrachte ich noch damit, die Urne in die Liebburg zu befördern. Einige Sprengel waren schon vor uns hier gewesen und die Urne Nummer 7 fand ihren Platz neben ihnen. Mein Tag als Wahlbeisitzer endete also mit dem Erfolg, gemeinsam mit meinen Kollegen korrekt gezählt zu haben. Den Abschluss bildete die Wahlparty, der Weg dahin war eher von Gedanken über das Endergebnis geprägt.

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3 Postings bisher
Macki vor 4 Jahren

Genau wie du sagst, irgendetwas bekommt man immer wenn man hilft.

Auch der Wähler einer Partei hofft, dass diese das umsetzt, was er sich vorstellt und seine Ansichten vertritt. Persönliche Vorteile spielen sicher auch oft eine Rolle und sind meiner Meinung nach nicht pauschal als schlecht zu bewerten.

Wirklich schlimm ist es, dass manche Parteien keinen oder nur wenige Beisitzer beisteuern. Hier gehört auch die Parteienförderung darauf abgestimmt (wer erstmals antritt, ist natürlich ausgenommen), wer etwas für den Ablauf der Wahl leistet und wer nicht.

Abschließend ein Lob und Dank an die Beisitzer, die heuer bereits 4 Sonntage geopfert haben.

senf vor 4 Jahren

Bessawissa: Lob tur immer gut, ich zweilfle nicht an der Hilfsbereitshaft. Seneca, der römische Dochter und Philosoph hat es bereits vor 2016 jahren auf den Punkt gebracht "Keiner, der den anderen hilft, nützt nicht zugleich sich selbst" und Ringel hat es so definiert: Mit einer positiven, menschenfreundlichen Einstellung geleistete Hilfe macht Freude, beruhigt das Gewissen und läßt die eigene Not geringer erscheinen. Grundsätzlich: viele spenden an die Parteien Millionen und unterstützen sie ideell durch ihre Wahlhilfe und jeder erwartet sich im Stillen eine Gegenleistung (Lobbing...), oder lieg ich da komplett daneben?

Bessawissa vor 4 Jahren

Wirklich lobenswert, dass sich junge Leute für diesen unbezahlten Job zur Verfüguung stellen und damit einen Beitrag zum demokratischen Geschehen in Österreich leisten.