Sau „Lotte“ gräbt eine Höhle für ihre Ferkel

In Oberlienz leben besondere Schweine – zum Unmut der Behörde.

Bruno und Corinna Neumayr halten in Oberlienz ganz besondere Schweine. Fotos: Peter Werlberger
Bruno und Corinna Neumayr halten in Oberlienz ganz besondere Schweine. Foto: Peter Werlberger

Bruno Neumayr hat eine Leidenschaft und ein Leiden. Die Leidenschaft sind seine Schwäbisch Hällischen Landschweine, angeführt von Eber Eberhard, der aus dem selben Ort kommt wie Marcel Hirscher. Das Leiden ist die Behörde, die alles, was nicht nach Strich und Faden ins Schema F passt, für eine Schweinerei hält. Schweine, die nicht im Stall sondern im Wald leben, passen nicht ins Schema F.

Dabei ist Eber Eberhard ein Outdoor-Freak, wie man neudeutsch sagen würde und seine Schwäbisch Hällischen Freundinnen brauchen auch keine Genossenschaftswohnung, sie sind eine „alte Rasse“ und schlafen lieber unterm Sternenzelt. Das ist romantisch und bringt Eberhard auf allerhand Ideen. Gerade hat Lotte von ihm Nachwuchs bekommen, neun kleine „Mohrenköpfchen“, wie man im Schwäbischen zu diesen Schweinen liebevoll sagt.

Der württembergische König Wilhelm I. importierte 1820 chinesische Maskenschweine, sie wurden mit heimischen Rassen gekreuzt und das Schwäbisch Hällische Schwein war geboren. 160 Jahre später, in den frühen 1980er Jahren, galten die „Schwäbisch Hällischen“ als ausgestorben. Engagierte Landwirte begannen 1984 mit nur sieben Mutterschweinen und einem Eber eine neue Zucht. Heute sind die robusten Tiere wieder gefragt, weil sie exzellente Fleischqualität liefern.

Doch in Oberlienz steht die Existenz der genügsamen Nutztiere auf der Kippe. Verantwortlich dafür ist eine Gesetzeslage, die Lösungen außerhalb der Norm nicht kennt. Wer einen Wald nutzt, will Bäume fällen. Wer Bäume fällen will, braucht eine Rodungsgenehmigung. Diese Regel wird weitgehend sinnentleert auch auf den Schweinehalter Neumayr angewendet. Obwohl er im Wald Schweine züchtet und nicht Holz fällt, braucht er eine Rodungsbewilligung und die bekommt er nicht, weil sein Wald als Schutzwald und Erholungsgebiet gilt.

Die frischgebackene Muttersau Lotte interessiert das alles nicht. Sie will in keinen Stall, nicht einmal in eine der kleinen Hütten, die Bruno Neumayr seinen Tieren für den Winter und die Geburt von Nachwuchs gebaut hat. Lotte, das robuste Schwäbisch Hällische Frischluftschwein, grub sich in einer Ecke des Geheges einfach selbst eine Höhle und brachte dort neun Ferkelchen zur Welt, die Dolomitenstadt-Kameramann Peter Werlberger an ihrem zweiten Lebenstag besucht hat. Wir empfehlen Tierfreundin Olga Reisner, auch einmal bei Lotte und ihren hübschen Babies vorbeizuschauen. Die Bezirkshauptfrau würde vielleicht erkennen, dass diese Sau nicht ins Schema F passt.

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5 Postings bisher
mischmaschin vor 3 Jahren

Nach dem Artikel über die Gedenktafel im Antoniuspark lässt auch dieser hier den Amtsschimmel nun ganz deutlich wiehern. Genauso wie eine Schwimmbadschließung aufgrund eines 30 Jahre alten Bescheides, welcher nicht der letztgültige ist, das Beschilderungsverbot an den Straßen (nicht nur das Plakatierverbot) welches im benachbarten Kärnten wo es nicht existiert, scheinbar nich zu erhöhten Unfällen führt und und und...

sosasi vor 3 Jahren

Endlich einmal glückliche Schweine die Platz haben und Ferkel die bei ihrer Mutter bleiben dürfen! Tolle Sache Herr Neumayr! Nur nicht aufgeben! Angezeigt werden sollten die Schweinemastbetriebe!!

chilli vor 3 Jahren

Bravo Familie Neumayr, wir haben bei Lotte und co. schon öfter vorbeigeschaut und sind begeistert! Wir hoffen, dass die Behörden ihren Hausverstand dazuschalten und so was endlich unterstützen!

sonnenstadtler vor 3 Jahren

@atomsix So wie sich dein Beitrag liest, ist Sachkompetenz vorhanden und ich würde der Darstellung gerne 100% zustimmen. Die Schweine, wenn es noch dazu schwäbische sind, sollen in der "Gmoane" bleiben können, keine Frage. Wertschöpfung wo sonst nichts passieren würde und das nochdazu mit so viel Herz und Freude, wer soll das verhindern wollen? Überdimensionierung der Anlage oder Nachahmung fast ausgeschlossen, also weitermachen! Artenschutz noch dazu, ...wird sicherlich ein guter Erlebnisraum für Stadtkinder und ihre Eltern :-))

Einzig deinen Hinweis am Schluss möchte ich versuchen einwenig zu relativieren. Ich habe im Zuge meiner Tätigkeit viel auf Behörden zu tun, auch in anderen Bezirken und möchte für den Part "Kundenservice" im Sinne von Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, usw. ... der BH-Lienz eine echt gute Note geben. Nicht jeder Kleinbetrieb hat so einen netten, aufmerksamen Umgang mit seinen Kunden.

Was deine Bemerkung "mehr Hirnschmalz" betrifft, na ja ... Was uns in Lienz bei der Auslegung von so Kaugummiparagraphen und veralteten Gesetzen so sehr im Wege steht, das sind wir selber. Wir - mit der Oschttiroler Mentalität!!! Wir - und somit auch die Beamten - sind ehrgeizig, verantwortungsbewusst, ... aber auch extrem obrigkeitshörig! Wir wollen perfekt sein und dabei geht der Überblick verloren - die Wertigkeiten treten in den Hintergrund. Um was geht es denn überhaupt? Ist das für die Allgemeinheit ein Problem oder könnte man sogar einmal was entscheiden, was mit Logik argumentierbar wäre?

Die regionalen Öffentlichen Stellen und ihre Beamten sind oft - viel zu oft - "papstlicher als der Papst" So bremsen wir uns als Region selber, wo eigentlich "Gleiten" oder "Schwung holen" angesagt wäre. Das sollte uns mehr bewusst werden, ...besonders den Führungsleuten an den Entscheidungsstellen!

atomsix vor 3 Jahren

Einfach nur zum Kopfschütteln! Das 40 Jahre alte Forstgesetz, welches in Sachen Rodung absolut übertrieben und veraltert ist, gehört seit Jahren novelliert. Die überzogenen Bestimmungen werden von vielen Beamten (und ihren Einsagern) leider oft so streng und auch völlig unverständlich für jeden logisch denken Menschen ausgelegt, dass Rodungswerber damit richtiggehend schikaniert werden können. Auch die damit zusammenhängenden Verwaltungsstrafen sind nicht ohne. In diesem Fall sieht man deutlich, dass sich das Areal zumindest zum Teil unter einer Hochspannungsleitung befindet, wo niemals richtige ortsübliche Bäume wachsen können und dürfen. Auch geht aus dem Bericht hervor, dass das betreffende Grundstück zur sogannannten "Gemoane" zählt, wo viele Oberlienzer eingetragene Weiderechte besitzen und die augenscheinlich - in erster Linie durch Rinder - auch genutzt werden. Niemand käme hier auf die Idee, für die seit jeher geübte Praxis, hier Rinder zu weiden, eine Rodungsbewilligung zu verlangen.

Das ganze Theater ist einfach nur peinlich für unseren Verwaltungsapparat. Bleibt zu hoffen, dass die nächste Instanz in Innsbruck mehr Hirnschmalz zeigt.