Aus dem Heulen wird ein drohendes Grollen …

Petra Heinz-Prugger hat das Auge des Hurrikans „Gonzalo“ auf Bermuda erlebt.

Im letzten Beitrag ihres Blogs „Bermuda-Shorts“ hat uns die Osttirolerin Petra Heinz-Prugger den ersten Teil ihres Hurrikan-Tagebuches geschickt. Sie und ihre Familie auf Bermuda hatten gerade den Wirbelsturm „Fay“ überstanden und warteten auf Hurrikan „Gonzalo“. Die Story auf dolomitenstadt.at ist deshalb so aktuell, weil die Welt für große Stürme klein ist. Gonzalo hat den Atlanik überquert und Schnee in die Alpen gebracht. Hier ist der zweite Teil von Petras Tagebuch, in dem sie das Gefühl im Auge des Hurrikans beschreibt … 

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Ich habe mich wieder an den vorhandenen Luxus eines elektrischen Haushaltes gewöhnt. Die Kinder sind in der Schule, schon den zweiten Tag in dieser Woche und ich finde Zeit, alles für den herannahenden Gonzalo vorzubereiten. Und Zeit brauche ich auch: Die Geschäfte quellen über vor Leuten, das große Horten hat eingesetzt. Lebensmittel werden im Überfluss eingekauft, ein sehr eigenartiges Verhalten, wenn man bedenkt, dass die Stromversorgung bald wieder zusammenbrechen wird und die guten Dinge dann der feuchten Wärme erliegen und entsorgt werden müssen. Ich kaufe nur ein paar Lebensmittel für die nächsten zwei Tage und dann einige nahrhafte Dinge, die ungekühlt unbedenklich einige Zeit überdauern und verzehrt werden können wie Avocados, Bananen, Äpfel, Knäckebrot, Mandelmilch, Crackers etc…

Ich backe noch schnell ein paar Laibe Brot zum Einfrieren, damit wir die ersten Tage wenigstens noch gutes Brot essen können, bevor wir auf das gummiartige hiesige Toastbrot zurückgreifen müssen.

Wassercontainer werden wieder aufgefüllt, Wäsche gewaschen bis zum Schluss. Im Baumarkt, wo ich noch einen Eimer Chlor besorge, falls das Wasser im Tank später aufbereitet werden muss, stehe ich in einer nicht enden wollenden Menschenschlange an der Kasse. Die Regale mit Batterien sind völlig leergekauft. Preise für Bretter und Spanplatten zum Sichern von großen Fensterfronten klettern sprunghaft in die Höhe. Angebot und Nachfrage eben, das ist angewandte Wirtschaftswissenschaft, von der ich ohnehin keine Ahnung habe.

Beim Abholen der Kinder erfahre ich, die zwei Schultage sollten es diese Woche wohl gewesen sein, danach heißt es wieder: sturmfrei. Das Wort, das ich früher eigentlich immer sehr gemocht habe, kriegt hier eine ganz andere Bedeutung, die ursprüngliche denke ich mal. Die anderen Mamas sitzen angespannt vor der Schule und warten auf ihre Kinder, die Aufregung und Angst, was der nächste Sturm wohl bringen mag, ist ihnen anzusehen. Mir geht’s nicht anders, aber ich versuche gegenüber anderen cool zu wirken, schlimmer als „Fabian“ wird „Gonzalo“ wohl hoffentlich nicht werden.

Wir sind jedenfalls sehr gut vorbereitet. Bekannte haben uns vorgeschlagen, die Zeit des Sturmes über bei ihnen zu verbringen, erleichtert nehme ich das Angebot an. Ihr Haus liegt die Straße hoch, weiter weg vom Meer und nicht so ausgesetzt. Mein Mann, der eigentlich auf Geschäftsreise fliegen müsste, verschiebt kurzerhand noch seinen Flug auf Sonntag. Ob er wirklich wegkommt, wissen wir noch nicht, egal – welche Erleichterung!

Donnerstag, 16. Oktober, 2014

Sturmfrei, mal wieder!

Die Kinder lieben es und erleichtern einem die letzten Vorbereitungen nicht unbedingt. Sie freuen sich schon so darauf, dass wir bei ihren Freunden übernachten werden – ein sleepover sozusagen, nur eben mit Mama und Papa, für unsere Kleine ist diese Variante ohnehin noch viel interessanter.

Die letzten Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, überall wird gehämmert, gebohrt, zugenagelt, Möbel geschleppt und von Fenstern weggerückt. Wir verstauen wichtige Gegenstände, Computer und Dokumente in Plastikcontainern und schaffen sie in geschützte Bereiche des Hauses, die Dachöffnungen, die zum Wassertank führen, werden sorgfältig zugestopft, ein Fenster verbarrikadieren wir mit Holzplanken. Das Auto bringen wir noch schnell in die Tiefgarage des Bürogebäudes in der Stadt, dort sollte es zumindest vor Bäumen geschützt sein.

Dann siedeln wir um, ein letzter Blick auf das mit Möbeln vollgeräumte Wohnzimmer und die leere Terrasse und wieder dieses mulmige Gefühl im Bauch: Hoffentlich sieht es noch so aus, wenn wir wieder zurückkommen. Das Meer rauscht bereits verdächtig laut und es bläst schon recht ordentlich.

Wir verbringen einen netten Abend mit unseren kanadischen Freunden, das Meeresrauschen hören wir hier nicht mehr, die Anspannung aber bleibt.

Freitag, 17. Oktober 2014: 

Ich werde wach, es ist zwar windig, aber nicht wirklich schlimmer geworden, eigentlich sollte Gonzalo jetzt bald kommen. Vielleicht hat er abgedreht? – ein leichter Hoffnungsschimmer keimt auf. Doch ein Blick auf die Website verrät, gleiche Zugrichtung, nur größer und langsamer geworden der Monstersturm – damn it! Also wird aus der einen Übernachtung eine zweite. Hilft nichts, wir machen das beste daraus. Da es noch nicht so schlimm ist, machen wir einen Spaziergang zum Meer. Der Strand ist erstaunlich voll. Viele Leute wollen nochmal Luft holen und draußen sein, bevor es richtig losgeht. Die Kinder und die Hunde brauchen ja ihren Auslauf.

Unsere Kinder haben genügend Unterhaltung, die Familie, die uns aufgenommen hat, hat vier Kinder und sie kennen sich alle von der Schule. Unser Nachbar mit Hund ist auch dabei, seine Frau hat die Kinder gepackt und ist kurzerhand in die USA zu ihrer Familie geflogen, man muss schließlich nicht alles durchmachen.

Am Nachmittag kommt Regen auf, die Böen werden etwas kräftiger, wir kommen in das Windfeld mit tropischer Sturmstärke, sprich Windgeschwindigkeiten von bis zu 120km/h. Um 16.30 Uhr Ortszeit wird es dunkel im ohnehin düsteren Haus, dessen Fenster alle durch Fensterläden geschützt sind, der Strom ist weg. Wir haben Gewissheit – Gonzalo ist da, um 19 Uhr sollen die heftigsten Winde kommen und um 21Uhr herum sollen wir im Auge sein. Es wird immer lauter, es heult rund ums Haus herum, aus dem grässlichen Heulen wird ein drohendes Grollen. Immer wieder kommt es zu ganz eigenartigen Druckwellen im Haus, immer wieder rüttelt eine Böe an einem Fensterladen. Einmal drückt es Wasser bei der einen Türe herein, einmal bei der anderen. Das Grollen hört nicht auf, es ist ständig da und es wird mehr. So lange man noch etwas sieht, setze ich mich ans Fenster, es ist irgendwie weniger angsteinflößend, wenn man sieht wie sich die Bäume biegen und was draußen so vor sich geht. Es wird dunkel, bald sieht man nichts mehr, was bleibt ist das zornige Grollen.

Um 18 Uhr wird es beängstigend laut im Haus, wir beschließen allesamt, fünf Erwachsene, sechs Kinder und ein Hund, in das etwas tiefer gelegene Gästeappartement zu gehen, in dem meine Familie schläft, das sollte der sicherste und ruhigste Platz sein.

Mit Taschenlampen ausgerüstet gehen wir runter, Kerzen werden in den Fluren aufgestellt und in einigen Badezimmern. Mit Wasser gefüllte Eimer stehen neben den Toiletten bereit. Wir essen unser Abendessen – alles was der Kühlschrank so hergibt, bevor es schlecht wird. Es kracht irgendwo im Haus, irgendetwas muss eingeschlagen haben. Wir finden heraus, dass ein Stück Decke vom Vordach abgebrochen ist und zwei Fensterläden weggerissen sind.

Es ist 20.40 Uhr, es wird ruhiger, dann weht kein Lüftchen mehr. Das Auge – es ist hier. Wir können das tosende Meer bis hierher hören, aber keinen Wind mehr. Die kleinen treefrogs, einen Zentimeter kleine Baumfrösche, nehmen ihren zirpenden Gesang wieder auf oder vielleicht haben sie auch die ganze Zeit gequakt, wer weiß das schon…Wir kriegen eine e-mail über Handy von der „geflohenen“ Nachbarin, es zeigt ein Radarbild mit unserer kleinen Insel im Auge des Wirbelsturms. Schon irgendwie spannend, ich denke an meinen Bruder und die Faszination, die ihn als Meteorologen immer packt, wenn er solche Wetterereignisse verfolgt. Ich kann ihn schon verstehen, wenn ich nur nicht mittendrin säße!

Wir werden über Polizeifunk per Handy informiert, dass jeder, der sich während des Auges auf der Straße aufhält, festgenommen wird. Mein Mann schleicht sich trotzdem ohne mein Wissen hinaus und geht zu unserem Haus, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Die Kinder sind alle eingeschlafen ob der plötzlichen Ruhe und völlig erschöpft von der Aufregung und dem vielen Spielen.

Wir gehen alle raus. Die Stimmung ist gespenstisch. Die Luft strotzt vor Feuchtigkeit, es ist irgendwie nebelig, feinste Wassertröpfchen legen sich auf die Haut, sehr erfrischend. Wir inspizieren die Schäden am Haus und an den Pflanzen, schließen lose Fensterläden, versuchen eine Laterne abzuschrauben, die die zweite Hälfte des Sturmes wohl nicht durchhalten wird – vergebens, die Schrauben sind verrostet.

Es ist schon sehr unwahrscheinlich, dass ein Sturm Bermuda genau trifft, die Stecknadel im Heuhaufen, der kleine Punkt im großen Ozean – aber gleich zweimal in einer Woche, das grenzt schon fast an einen Sechser im Lotto.

Mein Mann kommt zurück, Gottseidank, scheinbar alles in Ordnung soweit an unserem Haus und den Häusern unserer Nachbarschaft. Ich bin beruhigt, die zweite Hälfte des Sturms kommt aus der anderen Richtung und sollte unser Haus zumindest nicht mehr so tangieren.

Wir gehen alle rein, man weiß nie so genau, wann der Wind wiederkehrt und es kann dann ganz schnell gehen. Die Verschnaufpause dauert fast 1,5 Stunden, dann kommt der Wind wieder, aus der anderen Richtung, noch tobender als vorher, das Heulen steigert sich wieder zu einem Grollen, dumpf und permanent mit gelegentlichen Schrecksekunden, wenn ein Windstoß besonders stark ist. Um Mitternacht bringen wir die schlafenden Kinder in ihre Betten zurück, sie haben die zweite Hälfte Gonzalos komplett verschlafen. Das Unwetter tobt noch bis in die frühen Morgenstunden, aber wir sind alle zu erschöpft, um den ganzen Sturm lang durchzuhalten.

Samstag, 18. Oktober 2014

In der Früh blinzelt sogar schon wieder die Sonne durch die Fensterläden herein. Welche Erleichterung, es ist vorbei, alles unverletzt überstanden, jetzt kommt der unangenehme Teil: Aufräumen, Putzen, kein Strom, kein Wasser, Ameisen und Ungeziefer wo man hinschaut und viel Schwitzen, aber das kennen wir ja schon von voriger Woche.

Gonzalo hinterlässt auf der Insel eine Spur der Verwüstung: Strände ohne Sand, Bäume ohne Blätter, Palmen, die wie Zahnstocher in den Himmel ragen. Es herbstelt, etwas das es hier sonst nicht gibt. Man hat Ausblicke, die man vorher nicht hatte. Die Insel ist ziemlich kahl geworden, aber die subtropische Pflanzenwelt wird sich sicher wieder erholen.

32000 von 36000 Kunden sind anfangs ohne Strom, das ist fast die ganze Insel. Die Straßen sind gesperrt, es ist nirgendwo ein Durchkommen, überall wird aufgeräumt und gearbeitet. Hubschrauber kreisen über Bermuda – ein seltsames Geräusch, wir haben nämlich keine Hubschrauber hier, sie kommen von einem Kriegsschiff der US Marines, die zu Hilfe gekommen sind. Schiffe der britischen Armee sind auch da, alle um zu helfen.

Keine Toten, kaum Verletzte, erhebliche Sachschäden, aber nicht in dem Ausmaß wie nach Fabian – alles in allem haben wir riesiges Glück gehabt. Ein Teil dieses Glücks war Fay, der Sturm der Vorwoche, er hat die Insel schon mal vorgefegt, durchgeblasen sozusagen und die Leute aufgerüttelt und vorbereitet auf den großen Gonzalo mit seinen Windgeschwindigkeiten von 200km/h und Spitzen weit darüber.

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Wir haben zwar wieder Strom in unserer Straße, aber weder Telefon noch Internet. Mein Mann konnte auf seine Geschäftsreise gehen, zwar etwas verspätet, aber immerhin. Ich bin momentan etwas abgeschnitten von der Welt, disconnected, wie wir hier sagen. Ich gehe einfach ab und zu zu einer Freundin, die wieder Internet hat und lese nach, was so passiert in der Welt und schicke mein Sturmtagebuch und ein paar Fotos in die Dolomitenstadt. Ausläufer Gonzalos, lese ich, haben schon Europa erreicht und sollen dort ziemlichen Schaden angerichtet haben, wie es scheint, sind wir also doch nicht so weit weg von zuhause.

Und so sieht es derzeit in meiner Umgebung aus:

Ein Posting verfassen

Sie müssen angemeldet sein, um ein Posting zu verfassen.
Anmelden oder Registrieren