Ein letzter Blick auf das kleine Ardersier

Kurz vor der Heimreise nach Osttirol noch ein paar Tipps aus „unserem Schottland“.

Natürlich ist Schottland nicht nur mystisch schön, doch die Big Sands Rocks haben ihren eigenen Zauber. Fotos: Jörg Schnell
Natürlich ist Schottland nicht nur mystisch schön, doch die Big Sands Rocks haben ihren eigenen Zauber. Fotos: Jörg Schnell

Ardersier, der kleine Ort, in dem wir seit Februar leben, hat kaum 1.000 Einwohner. Viele sind schon seit Generationen hier und werden es auch gerne weiterhin bleiben. Warum? Ardersier ist einfach großartig! Es ist klein und überschaubar, die Menschen hier sind offen, herzlich, einladend und es gibt alles, was man sich wünscht und noch viel mehr.

Etwa 20 Minuten von der Hauptstadt der Highlands – Inverness – entfernt liegt das Örtchen ganz beschaulich in der Bucht von Ardersier. Für Vogelkundler ein richtiges Paradies, denn es tummeln sich nicht nur die allgegenwärtigen Möwen in großen Kolonien, sondern allerlei andere Vögel, die ich vorher noch nie gesehen habe. In den letzten 20 Jahren sind hier einige neue Häusersiedlungen entstanden, die ein wenig an die Wisteria Lane in Desperate Housewives erinnern. Alle Häuser einer Siedlung sehen grundsätzlich zunächst gleich aus, was die Besitzer dann verändern, ist ihr Geschmack, ändert aber am Grundriss meist nichts. Es sind oft „semi-detached-houses“ zwei aneinandergeschweißte Bungalows. In solch einem Haus wohnen auch wir. Von den Nachbarn Wand-an-Wand wissen wir bisher nichts und das wird sich auch nicht mehr ändern. Dafür ist gegenüber einiges los, da steht mindestens dreimal pro Woche ein Polizeiauto vor der Türe. Ganz so spannend ist es natürlich nicht, denn der Besitzer ist Polizist und kommt mittags zum Essen und um seinen Hund rauszulassen. Die Verbrechensquote ist hier quasi unerheblich.

Ardersier selbst ist eher verschlafen, obwohl es alles gibt, was man für ein beschauliches Leben braucht, auch eine wirklich gute Grundschule, die unsere Jungs besuchen. Davor liegt ein großer neuer Spielplatz, den eine Gruppe von Frauen mit Spendengeldern selbst gebaut hat, zwei kleine Geschäfte, in denen es das Nötigste gibt, eine winzige Bücherei, zwei kleine Cafés, eine Gemeindehalle, in der regelmäßig Veranstaltungen stattfinden, sowie einen Community Garden, den die Bürger als ihr Schmuckstück betrachten und gemeinschaftlich hegen und pflegen, ein Ärztehaus und nicht zu vergessen das imposante Fort George ganz am Ende der Straße.

Dieses Fort George ist etwas ganz Besonderes. Nach der großen Niederlage der Jakobiter am Culloden Battlefield 1746 wurde das Fort gebaut, um die Highland Clans zu binden und die Highlands zu befrieden, aber auch, damit die Engländer mitten in den Highlands einen Stützpunkt hatten, von dem aus sie angreifen konnten, sollte sich erneuter Widerstand gegen die englische Krone formieren. So entstand die größte Befestigungsanlage Großbritanniens. Tatsächlich ist sie noch fast original erhalten, mit dicken Befestigungswällen, Blick über die gesamte Bucht und das vorgelagerte Festland. Wer viel Glück hat, kann Delphine beobachten! Auch heute noch ist Fort George ein aktiver Militärstützpunkt, in welchem die „Highlander“ stationiert sind. Ein großer Teil des Forts kann besichtigt werden und es lohnt sich, auch wenn man militärgeschichtlich gänzlich uninteressiert ist, so wie ich. Außerdem kann man das Highlander Museum und die Garnisonskapelle besuchen, die wohl einzige, mit einem Dudelsack-spielenden Engel. Wer sich an diesem Punkt schon die Historic-Scotland Karte besorgt hat, erhält kostenlosen Eintritt, außerdem gibt es im Fort-George-Café zehn Prozent Ermäßigung. Die Tagessuppe war bisher immer sehr empfehlenswert.

Abby hat ihr Café mit viel Liebe eingerichtet. Genauso liebevoll kümmert sie sich um ihre Kunden.
Abby hat ihr Café mit viel Liebe eingerichtet. Genauso liebevoll kümmert sie sich um ihre Kunden.

Entweder auf dem Weg ins Fort oder von dort zurück sollte man in der High Street in Ardersier ins „On the Highstreet“ einkehren. Es wurde erst neu eröffnet und Abby, die Besitzerin, steckt viel Liebe in ihr selbstgemachtes Eis (unbedingt das mit dem Siobhan-Fudge probieren!), in ihre hausgemachten Kuchen und kleinen Gebäcke sowie Snacks. Es gibt nicht sehr viel Platz, aber Abbys Café ist ein Highlight. Man kann außerdem Süßigkeiten aus dem Glas kaufen, ganz nach dem Geschmack der Schottischen Kinder.

Zuckerln, Fudge und alles, was ein süßes schottisches Kinderherz begehrt ...
Zuckerln, Fudge und alles, was ein süßes schottisches Kinderherz begehrt …

Sechs Meilen weiter östlich von Ardersier ist der Badeort Nairn, wo Charlie Chaplin häufig seine Urlaube verbrachte. Wobei Badeort jetzt wärmer klingt, als es hier üblicherweise ist. Es gibt fast unendliche Sandstrände, die man, vor allem bei Ebbe, wunderbar entlangwandern kann. Auch im Örtchen selbst lässt es sich gut verweilen, viele viktorianische Gebäude sind noch erhalten und es gibt einen kleinen Jachthafen.

In südöstlicher Richtung in wenigen Minuten gut zu erreichen ist das wunderschöne Cawdor Castle, ein im Privatbesitz befindliches Schloss mit bezaubernden Gartenanlagen und einem Irrgarten, der leider nur für Familien mit Kindern geöffnet wird. Shakespeares Macbeth soll in diesem Schloss gestorben sein. Ein Hauch von (Literatur-)Geschichte umweht einen bei jedem Schritt, den man macht. Im Eintrittspreis inbegriffen sind die umliegenden, Lady Cawdor gehörenden, Wälder, die man auf markierten Wegen durchwandern kann. Gut und gerne vergeht hier ein dreiviertel Tag, wenn man will.

Es gäbe noch so viel zu erzählen und so viel zu beschreiben, doch leider ist unser Aufenthalt hier zu Ende und wir fahren wieder Richtung Heimat. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge, wie ich gestehen muss. Für unsere Jungs wäre es schön, wenn sie ihr Englisch noch ein wenig mehr vertiefen könnten und auch wir haben hier Freunde gefunden. Aber ich freue mich auf „meine“ Bücherei und wer Lust hat, kann ab August vorbeikommen und mich alles fragen, was in den Blogs offen geblieben ist. Bis bald!

Ein letzter dieser unvergleichlichen Sonnenuntergänge in Ardersier, ehe wir Richtung Osttirol aufbrechen.
Ein letzter dieser unvergleichlichen Sonnenuntergänge in Ardersier, ehe wir Richtung Osttirol aufbrechen.
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