Ein Koffer voller Bücher für Bolivien

In Lateinamerika sind Bücher ein Luxusgut – das Luxusgut Handy ist allerdings beliebter.

Bücher gelten in Bolivien als Luxusgute und die Lesenden als Teil eienr "gehobeneren" Schicht. Fotos: Sarah Kollnig
Bücher sind teuer in Bolivien und sinnerfassend lesen zu können, ist nicht selbstverständlich. Fotos: Sarah Kollnig

Beim Kofferpacken wird alles von mir minimiert – Kleidung gibt es auch in Bolivien, und alle gängigen Marken der Kosmetikindustrie sind ebenfalls anzufinden. Nur eines ist Mangelware: Bücher. Deswegen packe ich jedes Mal einen Koffer voller Bücher ein, wenn ich nach Bolivien fliege. Ich nehme Texte aus der Soziologie und der Ökologie für meine Arbeit mit, und bringe allen Kindern in der Verwandtschaft meines Freundes Bücher.

In Bolivien kostet ein Buch durchschnittlich zehn Euro und ist somit ein Luxusgut. Lesen ist ein Statussymbol. Wer viel liest, muss schon einer „gehobeneren“ gesellschaftlichen Klasse angehören, denn nur so hat jemand Zeit und Geld fürs Lesen.

Wissenschaftliche Bücher sind nicht einfach zu erhalten, und das Lieblingsbuch muss sowieso in den Koffer.
Wissenschaftliche Bücher sind nicht einfach zu erhalten, und das Lieblingsbuch muss sowieso in den Koffer.

Natürlich wird in bolivianischen Schulen gelesen, doch in Klassen mit 40 bis 60 Schülern fällt es nicht auf, wenn einige zurückbleiben. Der bolivianische Präsident Evo Morales verkündet immer voll Stolz, dass es in Bolivien keine Analphabeten mehr gibt, doch das ist Auslegungssache. Es gab in der Tat Kampagnen, in denen Erwachsenen Lesen und Schreiben beigebracht wurde, doch der Effekt war nicht sehr tiefgreifend. Die meisten Menschen in Bolivien können heute ihren Namen schreiben, doch ein kritisches Leseverständnis und Schreibvermögen können nur wenige aufweisen. Es gibt in allen Ländern einen gewissen Prozentsatz an Analphabeten, aber in Bolivien wird das Problem durch Propaganda vertuscht, anstatt es zu lösen.

Für die Urvölker, wie die Quechua und die Aymara, sind Lesen und Schreiben nicht Bestandteil ihrer Kultur. Es waren die Europäer, die sich eine geschriebene Form für die Sprachen und Geschichten der Urvölker einfallen ließen. Für die Nachfahren der Urvölker wird Wissen daher nicht nur in Büchern vermittelt. Es existiert ein Erfahrungswissen, das mehr zählt, als das geschriebene Wort. So gibt es für die Urvölker bestimmte Orte – Berge etwa – die das Wissen der Ahnen vermitteln. Mein Doktorvater arbeitet mit Schamanen der Aymara und die weisen ihre Schüler an, bestimmte Kraftorte zu besuchen, um zu lernen, wie man ein Heiler wird.

Für viele Bolivianer bedeuten diese Traditionen allerdings nichts mehr. Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung identifiziert sich nicht als indigen. Für sie zählt die europäische Dominanz des geschriebenen Wortes. Doch das Lesen verliert auch in diesem Teil der Bevölkerung an Bedeutung. So muss ich mich immer erst daran gewöhnen, dass in vielen Häusern der Fernseher den ganzen Tag eingeschaltet ist. Und auch in Bolivien ist Internet am Mobiltelefon der letzte Schrei – zu europäischen Preisen, also wiederum ein Luxusgut.

Die bolivianischen Urvölker kannten keine Schrift, sie wurde ihnen von den Kolonisatoren aufgedrängt.
Die bolivianischen Urvölker kannten keine Schrift, sie wurde ihnen von den Kolonisatoren aufgedrängt.
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