Braucht Osttirol zwei Notarzt-Hubschrauber?

Leserbrief von Dr. Franz Krösslhuber – Notarzt, Bergrettungsarzt und ehemaliger Flugarzt.

Auf Grund meiner 30-jährigen Erfahrung als Mitglied der Flugrettung, des bodengebundenen Notarztsystems, des Roten Kreuz Osttirol und des Österreichischen Bergrettungsdiensts möchte ich zu diesem immer wiederkehrenden Thema eine fachliche Stellungnahme abgeben. Alle unten angeführten Punkte können durch Einsätze in Osttirol belegt werden:

1. Es darf hier nicht darum gehen, ob 1, 2, 3 oder wie viele Hubschrauber auch immer in Osttirol bereit stehen (oder in der Luft auf Einsätze warten!) sollen, sondern es geht in erster Linie um die möglichst optimale medizinische Hilfe für den Patienten und um die Sicherheit der Rettungskräfte oder umgekehrt.

2. Optimale medizinische Hilfe ist nicht nur eine kurze Hilfsfrist, in den allermeisten Fällen ist die medizinische Qualität der Helfer noch wichtiger als die Schnelligkeit.

3. Medizinische Qualität hängt in hohem Maße von Erfahrung, Aus- und Fortbildung, Engagement, Technik usw. ab, das gleiche gilt in vermutlich noch höherem Maß für Piloten, Bergretter, Rettungs- und Notfallsanitäter.

4. Jedes zusätzliche Rettungsmittel benötigt zusätzliches medizinisches und technisches Personal und reduziert dadurch die Erfahrung des Einzelnen. Es ist ein großer und möglicherweise lebensentscheidender Qualitätsunterschied ob ein Notarzt 10 x im Jahr notfallmäßig intubiert oder nur 1 x alle 10 Jahre.

5. Auch Gebietskenntnis ist Erfahrung und reduziert Einsatz bzw. Hilfsfristen. Crews, die mehr Einsätze im gleichen Gebiet fliegen, sind schneller und weniger stressbelastet am Einsatzort als Notfallteams, die nur halb so viele Einsatzmöglichkeiten haben.

6. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen zur Zahl der Einsätze/Tag: ein Optimum an Zufriedenheit und Einsatzqualität ist bei 3-4 Einsätzen/12 Stundendienst und 5-6 Einsätzen/24 Stunden gegeben. Zu wenige Einsätze führen letztlich zu Frustration oder gefährlicher Übermotivation und falschem Risikomanagement.

7. In Osttirol kümmern sich mindestens 4.5 Notarztsysteme um maximal 5 Einsätze/Tag, dazu kommen noch als „backup“ Notarzthubschrauber aus den Nachbarregionen, Bergrettungsärzte, Notärztepools für Krankenhausüberstellungen und niedergelassene Ärzte. (Übrigens: zwei Hubschrauber für Osttirol und Oberkärnten würden 200 Hubschrauber für Gesamtösterreich entsprechen.)

8. Zu erwähnen ist auch, dass die durchschnittliche Schwere der Verletzungen oder Erkrankungen in Osttirol geringer als in den meisten Regionen Europas ist, was ebenfalls zu einem weiteren Mangel an notärztlicher Erfahrung führt.

9. Bei der strategischen Planung einer guten notärztlichen Versorgung von Osttirolern und ihren Gästen sollte zudem auf gegenseitige Ergänzung und nicht auf eine Hubschraubermonokultur geachtet werden.

10. Schlechtwetter, Nacht, rechtliche Bestimmungen schränken Hubschraubereinsätze ein, Notfälle kommen aber unabhängig davon vor, also müssen Einsatzmittel vorgehalten werden, die auch in diesen prekären Situationen eingesetzt werden können (bodengebundenes Notarztsystem, Bergrettung mit speziell ausgebildeten Bergrettungsärzten, Notarztbereitschaftssystem für Sekundärtransporte/Krankenhausüberstellungen).

11. Unter Berücksichtigung dieser Punkte haben wir in Osttirol ein sehr gutes Gesamtsystem der Notfallversorgung, das uns auch ermöglicht, das angrenzende Kärnten mit zu betreuen (eine win-win Situation); wir sollten es nicht durch zusätzliche Einsatzmittel verwässern und schwächen.

12. Gesundheitsökonomisch ist es bereits jetzt sehr luxuriös, anscheinend haben wir viel Geld, wer unbedingt weiteres Geld darin investieren möchte, sollte es in Aus- und Fortbildung der menschlichen Ressourcen stecken. Auf Grund unserer bereits jetzt bestehenden notfallmedizinischen Überversorgung ist hier der größte Nachholbedarf.

Dr. Franz Krösslhuber
(Notarzt und LNA, Notarztkoordinator NEF Lienz, Bergrettungsarzt, ehemaliger Flugrettungsarzt)

Vientiane, Laos am 2.10.2015

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6 Postings bisher
chiller336 vor 2 Jahren

sieht man sich die dichte im nordtiroler oberland an - stützpunkte zams, sölden, hochgurgl, innsbruck - die flächenmässig ca die fläche von osttirol abdecken, dann stellt sich die frage nicht, ob man reduzieren soll. ich finde, dass auch bei uns durchaus ein zweiter heli gerechtfertigt ist, denn im fall des falles sollte ein menschenleben ÜBER den kosten eines weiteren helis stehen. ganz nebenbei weiss ich aus meiner beruflichen erfahrung als pistenretter in eben diesen schigebieten, dass bei einer anforderung über die landesleitstelle - sofern verfügbar - immer zuerst ein gelber engel geschickt wird, es sei denn sie sind im einsatz, dann kommen die roten und blauen engel zum einsatz. dass diese rettungseinsätze ein lukratives geschäft sind, an dem jeder anbieter verdienen möchte, ist klar. jedoch ist der kuchen für alle groß genug und wie bereits gesagt: im ernstfall ist man um rascheste hilfe froh - egal ob gelb oder blau oder rot

Michi89 vor 2 Jahren

Herrn Dr. Krösslhuber schätzen wir alle sicher sehr, aber hier hat er sich einfach zu einem Leserbrief für seinen ehemaligen Arbeitgeber hinreißen lassen. Man kann Osttirol (und Oberkärnten) mit den Hohen Tauern und dem Wintertourismus doch nicht mit z.B. dem Burgenland vergleichen. Und das viele Einsätze die Teams motivieren mag schon sein...hilft aber alles nix wenn sie zu spät kommen weil zugleich ein anderer Einsatz war. Mir ist schon klar das jemand der in Lienz wohnt das Thema anders sieht wie ein Bergbauer in Prägraten oder St. Jakob. Dort regt sich sicher niemand über 2 Hubschrauber auf. Wenn man sich die Hubschrauberdichte in Nordtirol anschaut (diese wurde nicht verringert) können wir uns in Osttirol mit ruhigem Gewissen 2 Hubschrauber "leisten". Das dies dem ÖAMTC und allem die ihm nahestehen nicht gefällt ist klar.

reloritreffok vor 2 Jahren

@Beobachter - Nein Einer ist genug, man sollte die Mittel in die Qualifikation der Ersthelfer stecken. Dass Knauss da nur abcashen will ist ja offensichtlich. Den Wasserträger den darf dann der ÖAMTC-Hubi machen das Jahr über.

bk1 vor 2 Jahren

Soviel ich verstanden habe geht es nicht nur um Osttirol, sondern auch Oberkärnten! Also ich denk ein Hubschrauber allein für Östtirol würde grad und grad gehen, aber Oberkärnten auch noch dazu versorgen? Ich denk z.B. eine Frau bringt irgendwo auf der Alm im Deffreggental ein Kind zur Welt und zugleich passiert angenommen ein schwerer Unfall im Mölltal, wie ist dann die Rettungskette? Ist da ein Hubschrauber genug, oder kommen zwei Hubschrauber zur Alm, weil das Unfallopfer im Mölltal nicht versichert ist?.............

schnuffi vor 2 Jahren

Unser kleines Osttirol benötigt sicher keinen 2. Notarzthubschrauber. Der ÖAMTC NAH ist binnen kürzester Zeit in jedem "Zipfel" Osttirols. Ich würde mir auch nie erlauben über unser Notarztteam zu urteilen. Egal ob der Arzt bei den Einsätzen 1x oder 10x intubiert hat. Das Team muss oft in kürzester Zeit Entscheidungen setzen. Das ist sicher nicht immer einfach! Man darf nie vergessen das auch das alles nur Menschen sind. Sie geben bei den Einsätzen stets ihr Bestes und möchten helfen wo sie nur können!!!!!

beobachter52 vor 2 Jahren

Braucht Osttirol nun einen zweiten Hubschrauber oder nicht? Herauslesen kann ich das aus dem Leserbrief eigentlich nicht (wenn ich mir auch denken kann, was Dr. Krösslhuber möchte). In den letzten Jahren waren in den Tourismusmonaten ja immer 2 Hubschrauber stationiert - und außer von "ÖAMTC-Anhängern" habe ich nie gehört, dass einer zu viel da war. Nur zu einem Punkt: Wenn jemand intubiert werden muss, ist mir lieber, es kommt ein Notarzt, der das 5mal im Jahr macht (Dr. Krösslhuber schreibt ja, dass es bei einem Hubschrauber 10mal gebraucht wird) gleich als man muss eine halbe Stunde, Stunde ... auf den Notarzt warten, der das 10mal im Jahr macht ....