Der Schein des alternativen Gipfels in Bolivien

Klimagipfel der indigenen Völker versus Ausbeutung natürlicher Ressourcen.

Werbung für den alternativen Klimagipfel in Bolivien. Fotos: Sarah Kollnig
Werbung für den alternativen Klimagipfel in Bolivien. Fotos: Sarah Kollnig

„Wir sind die Hüter der Mutter Erde!“, ruft Evo Morales mit stolzgeschwellter Brust, als er das zweite Treffen der indigenen Völker zum Klimawandel eröffnet. Das Publikum, bestehend aus bunt gekleideten Indigenen aus ganz Südamerika und aus ausländischen Alternativen, jubelt ihm zu. So stelle ich mir das zumindest vor. Denn uns normal Sterblichen wurde der Zugang zum alternativen Klimagipfel, der im Oktober 2015 außerhalb von Cochabamba stattfand, verwehrt. Man müsse sich vorher im Internet anmelden, sagt der Verantwortliche mit dem heiß ersehnten Ausweis der zum Gipfel Zugelassenen um den Hals. Das hatte ich mir schon vorher gedacht, deswegen suchte ich verzweifelt im Internet nach einer Homepage des Klimagipfels. Die ist aber so gut versteckt, dass nur Eingeweihte sie finden. Wir müssen also zusehen, wie Massen von bolivianischen Regierungsanhängern Einlass zum alternativen Klimagipfel finden.

Dort zeigt sich die bolivianische Regierung von ihrer besten Seite – als Vorreiter im Kampf um die Rechte der Mutter Erde. Die Industrienationen sollen zur Verantwortung gezogen werden. „Wir Völker des Südens stehen nicht in der Schuld mit Mutter Erde, deswegen dürfen wir Autobahnen bauen und die Landwirtschaft ausweiten“, meint der bolivianische Vizepräsident. Wer kritisch hinhört, erhascht schon einen ersten Hinweis auf die bolivianische Realität. Diese Realität wird auch in den Tagen des alternativen Klimagipfels debattiert. Außerhalb des Geländes des von der Regierung organisierten Treffens, in einem kleinen Gasthaus, trifft sich in diesen Tagen die „Mesa 18“, eine Gruppe von Menschen, die von der Realität der bolivianischen Umweltpolitik berichtet. Wir schließen uns dieser Gruppe an und was wir erfahren, lässt den alternativen Klimagipfel als zynische Geste einer kaltblütigen Regierung erscheinen.

Eine Debatte der Alternativdiskussion zum Alternativgipfel: "Mesa 18"
Eine Debatte der Alternativdiskussion zum Alternativgipfel: „Mesa 18“

Die Menschen der „Mesa 18“ berichten: von der Ausbeutung wertvoller Mineralien in allen Gegenden Boliviens, die Wasseradern verschmutzt und Tiere verenden lässt. Erst vor Kurzem gab es ein Massensterben von Fischen in einem von Bergbauabwässern verschmutzten See. Wer die Bergbauunternehmen verantwortlich macht, wird eingeschüchtert. Doch die Vertreter der Indigenen und der Organisationen, die sich in diesen Tagen als Alternative zum alternativen Klimagipfel versammeln, bleiben stark. Sie zeigen ihr Gesicht und sprechen aus ihrer eigenen schmerzvollen Erfahrung. Eine Frau aus dem Volk der Guaraní berichtet, dass Dorfbewohner, die sich einem Projekt zur Erdgasförderung entgegenstellten, von der Polizei verprügelt und verhaftet wurden. Zur gleichen Zeit spricht der Präsident nur ein paar Häuserblocks weiter wahrscheinlich von den Rechten der indigenen Völker.

Nahe einem Bergwerk in Bolivien: Müll vermischt sich mit giftigen Abwässern, dennoch versuchen Menschen, daraus wertvolle Mineralien zu filtern.
Nahe einem Bergwerk in Bolivien: Müll vermischt sich mit giftigen Abwässern, dennoch versuchen Menschen, daraus wertvolle Mineralien zu filtern.

Diese Rechte werden in Bolivien, obwohl sie konstitutionell verankert sind, mit Füßen getreten. Bolivien ist stark vom Export wertvoller Rohmaterialien wie Gold, Silber, Erdgas und Erdöl abhängig. Obwohl die Vorräte dieser Rohstoffe in Bolivien extrem groß sind, weiß die Regierung, dass sie früher oder später zur Neige gehen werden. Deswegen wurde vor Kurzem ein Gesetz verabschiedet, das die Ausbeutung natürlicher Ressourcen in Nationalparks erlaubt. Kritikern gegenüber behauptet die Regierung, in den letzten Jahren fast alle großen Unternehmen, die natürliche Ressourcen ausbeuten, verstaatlicht zu haben. Doch in vielen Fällen dienen staatliche Unternehmen nur als Strohmänner für internationale Konzerne. Und auch die Erlöse, die tatsächlich in die Staatskassen fließen, werden nicht für das Wohl der Bevölkerung eingesetzt. Sie fließen aller Wahrscheinlichkeit nach in die Taschen korrupter Staatsmänner und in Prestigeprojekte wie den ersten bolivianischen Satelliten. Die Menschen, die sich in der „Mesa 18“ versammelt haben, kämpfen dafür, dass sich diese Situation verändert. Denn sie, und nicht die Regierung von Evo Morales, sind die wahren Hüter der Mutter Erde.

Soviel zum Umweltschutz: Dieser Nationalpark in Cochabamba könnte bald Geschichte sein, denn ein großes Wasserkraftwerk ist geplant.
Soviel zum Umweltschutz: Dieser Nationalpark in Cochabamba könnte bald Geschichte sein, denn ein großes Wasserkraftwerk ist geplant.
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