Asylwerber als Opfer der Gerüchteküche

Es gab keine „Demonstration“ vor der Liebburg. Ein Kommentar.

„Fama crescit eundo“ sagten schon die alten Römer, das Gerücht wächst im Gehen, sprich mit seiner Verbreitung. Im Zeitalter sozialer Netze wird diese Weisheit zum Fluch, weil Gerüchte sich mit einer Geschwindigkeit verbreiten, die ebenso atemberaubend wie wahrheitsfeindlich ist. Nichts ist schneller in die Welt gesetzt, als eine Diffamierung und falls die üble Nachrede auch noch auf die üblichen Vorurteile trifft, verstärkt sich das Ganze binnen kürzester Zeit zu einem Gemisch aus Vermutungen, Verleumdungen und verzerrten Halbwahrheiten.

Irgendwann verliert das Gerücht dann seinen Flüstercharakter, wird nicht mehr mit einem „ich hab gehört“ versehen, sondern als verbriefte Wahrheit serviert. Die Rufschädigung ist perfekt – und zielte schon immer gerne auf Minderheiten, sprich auf Gruppen, die anders sind, als der große Haufen der Gerüchteköche. Vor 30 Jahren konnte kein Chinalokal aufsperren, ohne dass binnen kürzester Zeit ein Einheimischer schwor, er habe eine Maus aus der Küche laufen sehen.

Und heute sind Flüchtlinge, die gerade dem echten Kugelhagel in ihrer Heimat entgangen sind, bei uns plötzlich einem Sperrfeuer an falschen, diffamierenden und mit boshafter Penetranz immer wieder multiplizierten Unterstellungen ausgesetzt. Jüngstes Beispiel – nachzulesen auch in Postings auf dolomitenstadt.at – ist die Behauptung, Flüchtlinge hätten vor der Lienzer Liebburg „demonstriert“. Von einem „Aufmarsch auf dem Hauptplatz“ will ein Poster wissen, bei dem „gegen die weibliche Führung der Angerburg“ protestiert worden wäre, oder gar gegen die Bürgermeisterin der Stadt!

„Das ist einfach nicht wahr“, erzählte mir heute Vormittag die Lienzer Bürgermeisterin Elisabeth Blanik. „Eine Abordnung der Asylwerber war bei mir, begleitet von Dekan Bernhard Kranebitter. Sie waren sehr nett, sehr höflich, haben von ihren Familien erzählt, die in Lagern in der Türkei warten und hatten nur ein einziges Anliegen: Seit zehn Monaten hat sie niemand von der Behörde kontaktiert. Keine Registrierung, kein erstes Interview. Das wollten die Männer aufzeigen. Sie fühlen sich schlichtweg vergessen. Es gab keine Beschwerde wegen der Unterbringung, sondern ein sehr nettes Gespräch, bei dem ich gebeten wurde, mich in Innsbruck dafür einzusetzen, dass auch in Osttirol die Verfahren beschleunigt werden. Nichts ist für diese Menschen schlimmer, als die Ungewissheit.“

Ich glaube Elisabeth Blanik diese Schilderung. Und bitte um rasche Verbreitung in den sozialen Netzen.

"Hast du schon gehört ...." Wir lieben Gerüchte, auch wenn sie falsch sind. "Der Tratsch" heißt diese Skulptur von Jos Pirkner im Hof der Lienzer Polizei. Foto: Wolfgang C. Retter
„Hast du schon gehört ….“ Wir lieben Gerüchte, auch wenn sie falsch sind. „Der Tratsch“ heißt diese Skulptur von Jos Pirkner im Hof der Lienzer Polizei. Foto: Wolfgang C. Retter
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8 Postings bisher
Gertrude vor 2 Jahren

Lieber Realist,

Sie sprechen mir aus der Seele. Ich betreue ehrenamtlich junge, männliche Flüchtlinge. Dies würde ich jedem empfehlen, der sich vor Asylanten ängstigt. Auch ich trage öffentlich im Fitnessstudio mein Refugees Welcome T-Shirt und lass mir meine Haltung gegenüber Asylanten nicht vorschreiben. Diese "meine" Männer sind höflich, dankbar und froh, dass ich sie so annehme wie sie sind. Wir alle heben die gleichen Sehnsüchte: Ein bisschen Glück und Geborgenheit.Helfen wir einfach durch Menschlichkeit.

Der Dichter vor 2 Jahren

@realist: tolles posting und tolle Einstellung Ihrerseits. Doch was auch wichtig ist, dass die Flüchtlinge sinnvoll ihre Zeit verbringen können, solange sie bei uns bleiben dürfen. Habe gelesen, die Stadt könnte sie ja für verschiedene Arbeiten einsetzen, gerade das Überpinseln dieser sinnlosen Sprayereien überall in der Stadt wäre ein toller Beitrag, das Stadtbild wieder um ein Stück zu verbessern.

@Herr Pirkner, falls man bei Dolomitenstadt auch mal Fotos mit dem Kommentar mitveröffenltichen könnte, würde ich doch glatt so einige Beispiele dieser häßlichen Schmierereien hier reinstellen. Vielleicht sieht dann die Stadtpolitik auch mal, dass hier einiges zu tun wäre!!! Und dass auch diese wohl sehr gelangweilten und "rebellischen" Jugendlichen auch mal sehen, was sie eigentlich damit so anstellen. Offenbar gefällt ihnen dieser Gettolook, mir jedenfalls nicht!

realist vor 2 Jahren

@ bergfex

für mich zählt eigentlich in der ganzen Diskussion nur der Mensch! Leider wird das immer vergessen und Asylsuchende / Kriegsflüchtlinge werden wie eine Ware behandelt - unabhäng welche Schicksale dahinter stecken!

Muss mich eigentlich ja nicht rechtfertigen vor dir - aber zu deiner Beruhigung:

* Habe für die Kriegsflüchtliche Geld gespendet - hast du? * Habe an Kleidersammlungen mitgemacht - hast du? * Habe einer Flüchlingsfamilie Grundhygienemittel gekauft, da Sie wirklich gar nichts hatte - hast du? * Habe Schulutensilien organisiert - hast du? * Habe Spielsachen für Kleinkinder gespendet - hast du? * Und wenn ich Platz hätte würde ich auch jemanden aufnehmen - würdest du? * Habe mit vielen Kriegsflüchtlingen gesprochen und mich auch für deren Schicksale interessiert – hast du?

Und ja ich habe Flüchtlinge tatsächlich willkommen geheißen!

Nebenbei ist reiner Zufall dass du hier geboren bist - und nicht in Syrien, im Irak , ......

Lege eh keinen Wert auf diese ewig gleichen Aussagen - nur bitte bedenke folgendes:

* Was würdest du in dieser Situation machen? * Würdest du versuchen deine Familie in Sicherheit zu bringen? * Würdest du z.B. versuchen dich alleine auf den beschwerlichen und extrem gefährlichgen Weg zu machen - und danach deine Familie nachholen? * Würdest du nicht auch hoffen, dass es Menschen gibt denen dein Schicksal nahe geht und dich unterstützen? * Würdest du nicht auch versuchen das beste für deine Zukunft/dein weiteres Leben zu erreichen?

usw. usw. usw.

Gerade bei uns im "heiligen" Land Tirol hört die Nächstenliebe und Menschenfreundlichkeit in vielen Fällen leider nach dem Gottesdienst an der Kirchentür auf.

Ich werde auch in Zukunft weiter so leben und handeln - und würde mir wünschen, dass dies auch andere so tun.

# RefugeesWelcome

bergfex vor 2 Jahren

austrojerk • 18. November 2015 um 17:52 @nanny. Gegen Essen haben die Flüchtlinge nicht protestiert, aber am Hauptplatz gab es einen Aufmarsch, dort wurde gegen die weibliche Führung in der Angerburg demonstriert. Wenn das nun die Dankbarkeit der Flüchtlinge ist, dann ist es traurig.

Wenn ein Redakteur soetwas liest und es nicht der Wahrheit entspricht, (was in der heutigen Zeit in ein paar Minuten zu erruiren ist) kann er 1.) den Kommentar sofort löschen (solche Postings haben mit Meinungsfreiheit nichts zu tun) 2.) den User sperren.

Ich lese in dem Artikel aber nicht , das Herr Pargger sowas behauptet hat.

....Sie waren sehr nett, sehr höflich, haben von ihren Familien erzählt, die in Lagern in der Türkei warten und hatten nur ein einziges Anliegen: Seit zehn Monaten hat sie niemand von der Behörde kontaktiert. Keine Registrierung, kein erstes Interview. .....

Dazu von mir kein Kommentar, da er wieder falsch ausgelegt wird.

@realist. #RefugeesWelcome...haben sie schon welche aufgenommen und willkommen geheisen????

Blitz Donner vor 2 Jahren

Zu diesem Bericht passt sehr gut der gerade laufende Bericht im ORF (Sendereihe "Am Schauplatz"). Auch hier geht man Falschaussagen und Gerüchten auf den Grund. Und, ach Wunder, nix wars mit den Lügen, die wohl absichtlich von ewig gestrigen verbreitet wurden. Man kann nur jedem, der solche Dinge in die Welt setzt wünschen, dass es ihn nie kalt erwischt und er/sie flüchten muss, wo man dann auch diffamiert wird!

Felix vor 2 Jahren

Sehr geehrter Hr. Dr. Pirkner,

sind nicht gerade auch Sie dafür verantwortlich, dass Personen laufend diffamiert werden und mit Rufschädigung zu kämpfen haben???

Oder werden anonyme Postings, welche in diese Kategorie fallen, versehentlich vom "Moderator" freigeschaltet?

Oder geht es Ihnen einfach nur darum, möglichst viele Klicks zu generieren und damit den Werbewert Ihrer Seite zu steigern - auf Kosten anderer???

nanny vor 2 Jahren

Dem Sager von der Demo habe ich auch geglaubt, habe mich geirrt, bedaure es, und begrüße natürlich die Forderung nach schnelleren Asylverfahren. Ist für alle wichtig. Weniger erfreulich finde ich es, dass man über Ängste, Vorbehalte, Sorgen und Unsicherheiten weiter Bevölkerungskreise, sprachlich elegant aber unfair, "drüberfährt". So als wäre einfach alles nur eitel Wonne - und nur ganz ganz böse Menschen haben Bedenken. So schwarz-weiß kann man die ganze Problematik wirklich nicht darstellen!

realist vor 2 Jahren

@ Pirkner Sehr treffender Kommentar! DANKE!

@ Pargger Schon befremdlich wie Sie versuchen aus der aktuellen Situation der Kriegsflüchtlinge Kapital zu schlagen! Die paar Stimmen, die vielleicht dann weniger zur FP oder zu anderen Parteien wandern sind es doch nicht wert, sich auf solch ein Niveau herabzulassen! Oder? Bitte kümmern Sie sich um Themen die in Lienz tatsächlich akut zu lösen sind! Kleiner Tipp - Nur mit der "Strategie des Anpatzens und Schlechtreden" gewinnt man sicherlich keine Stimmen! Aber so wie ich die Lage sehe spielt die VP aufgrund Aussichtslosigkeit die "Bauernopfer - Karte" aus - und nach den Wahlen wird neu gestartet - mit einem neuen (schon bekannten) Gesicht!

#RefugeesWelcome