Kreative Freiheit für den Geist der Gams

Der Strommast, die Jagdtrophäen – und das Augenzwinkern.

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Einmal ehrlich, das haben Sie noch nie gesehen. Eine Gämse, die einen Strommast hochklettert! Fotos: Klaus Dapra

Kunst? Sepp Kalser und Klaus Dapra lachen. Nein, als Kunstwerk sehen sie ihre „Trophäenrückführung“ nicht, obwohl die ganze Sache schon etwas Aktionistisches hat, einen Hauch von Anarchie und Performance, in jedem Fall aber einen kräftigen Schuss Humor. Der Schindelmacher und passionierte Jäger Josef Kalser und der Grafiker und Fotograf Klaus Dapra stiegen jedenfalls kürzlich bis auf 1880 Meter Seehöhe den Wallfahrerweg von Leisach zum Kofel hinauf, dem höchsten Punkt, um „den Gams freizulassen“, wie Kalser es nennt. Genaugenommen haben die beiden eine ausgestopfte Gämse auf den unübersehbaren Strommast gehängt, der hier seit den fünfziger Jahren steht. Was ultrakomisch ausschaut!

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An einem der letzten Herbsttage wird vor der Herta-Jagdhütte die „Trophäenrückführung“ vorbereitet.

Und nicht nur das. Gezählte 21 Gams-Trophäen packten Kalser und Dapra auch gleich ins Auto, versahen jede davon auf der Herta-Jagdhütte mit einem praktischen Loch in der Stirn und drapierten die Relikte früherer Jagdabenteuer rund um den Stamm einer jahrhundertealten Lärche – „mit einem herrlichen Blick über das Tal, genau an dem Ort, wo sie gelebt haben“, wie Kalser erklärt, ganz ohne die Mundwinkel zu verziehen. Für ihn haben die Tiere und die Bäume eine Seele.

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Mitten in der Wildnis und deshalb schwer zu finden ist der Platz, den sich Sepp Kalser ausgesucht hat. Mit herrlichem Blick über Wald und Berge.

Dann huscht doch ein schalkhaftes Schmunzeln über das Gesicht des Jägers. Dieser Mann hat es natürlich faustdick hinter den Ohren, das wissen alle, die ihn kennen, Kalser ist urig, irgendwie schräg und doch kerzengerade in seinen Ansichten.

Mit einem Selfie und einem Schluck Pregler belohnen sich Sepp Kalser und Klaus Dapra für das fertige Werk.
Mit einem Selfie und einem Schluck Pregler belohnen sich Sepp Kalser und Klaus Dapra für das fertige Werk.

Als der alte Hanserhof in Leisach von der Abrissbirne zerbröselt wurde, kam den Jägern rund um Kalser auch ihr Refugium abhanden, das „Jägerstüberl“, in dem manches Latein gesponnen wurde, inmitten von allerhand Trophäen und einem Zufallsgast. „Den Gams“, erklärt Sepp Kalser, „den hat mir der Hannes Neuhold zu unserer Jagdausstellung geschenkt. Ich hab nie ein Tier präparieren lassen. Der ist von einem Flohmarkt und noch nach der alten Methode ausgestopft, mit Sägespänen.“ Das ist ein paar Jahre her und mit dem Abriss des alten Gebäudes verlor „der Gams“ sein Quartier, weshalb ihm Kalser jetzt noch einen letzten Ausflug in die Berge gönnte.

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Vom Flohmarkt zurück in die Berge – das ist schon eine Karriere. Ein letzter Streichler und dann wird wieder geklettert.

Aber warum ausgerechnet der Strommast? „Weil sich die Gamsen da heroben schon immer gefragt haben, was das für ein seltsames Gestell ist, da mitten in ihrer Natur. Und was das für einen Sinn hat? Zaun ist es keiner, dachten sich die Gamsen, weil man drunter durchgehen kann. Unser Gams wollte sich das alles genau anschauen und auch einmal hinaufklettern. Schließlich sind die Osttiroler ja bekannte Mastensteiger.“  Da ist es wieder, das Augenzwinkern vom Kalser Sepp.

Was das wohl ist? Das haben sich die Gämsen angesichts des Strommastens auf dem Kofel immer schon gefragt.
Was das wohl ist? Das haben sich die Gämsen angesichts des Strommastens auf dem Kofel immer schon gefragt.

Er hat jedenfalls die ausgestopfte Gams ins Auto gepackt und den Berg hochgeschleppt, mit Draht und Drapras Hilfe auf den Strommast montiert und dort wartet sie – oder er – jetzt auf die Wallfahrer, die erst wieder im Frühjahr hier vorbeikommen werden, auf dem Weg in die Luggau. Und die werden nicht schlecht staunen, wenn sie das Kunstwerk sehen. Es ist nämlich doch eines, wie wir finden.

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Leb wohl Gams und komm gut durch den Winter. Der kleine Gipfel im Hintergrund ist übrigens – nicht zufällig! – das sogenannte „Gamsalpl“.

Bleibt nur zu hoffen, dass der Verbund genug Humor hat und „den Gams“ belässt, wo er offensichtlich hingehört, auf seinem Aussichtpunkt mit direktem Blick auf das Gamsalpl, einen kleineren Gipfel nahe dem Spitzkofel. Falls alles wieder abmontiert wird, ist das für Kalser und Dapra auch kein Beinbruch. „Es soll ja nix Ewiges sein“, meinen die beiden und sind sich einig: „Es war ein wertvoller Tag“. Eines ist jedenfalls fix: Osttirol hat neben anderen Einzigartigkeiten jetzt auch den originellesten Strommasten der Welt.

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6 Postings bisher
Der Dichter vor 2 Jahren

Der Kalser Sepp, ist kein Depp, nicht nur Historiker, sondern auch "Humoriker"!

Tolle Aktion mit viel Humor, kommt auch nicht alle Tage vor, eine guterhaltene Gams am Kofelpass, ich finde, das ist ein echter Spass!

:-)

arlingriese vor 2 Jahren

Dem „Pfeifer Seppl“ und dem „Stadtner Dapra Klaus“ ein Danke für die tolle Aktion! Freue mich im kommenden Jahr, beim Weg übern Kofl, von der Gams begrüßt zu werden. Der Verbund hat sicher den Humor und lässt die Gams, mit Blick zum „Gamsalpl“, am Stromasten. Aber die anderen Leisacher-Jäger??

caum12 vor 2 Jahren

Sieht man wieder einmal, wie schnell man in Osttirol verschnufft, verschnupft ist, weil man das Augenzwinkern nicht (interpretieren) kann. Humorlosigkeit ist wohl eine Eigenschaft, die dem Osttiroler in hohem Maße eignet...

schnuffi vor 2 Jahren

Also sorry! Was denken sich die 2 Männer nur mit dieser Aktion? Wenn das Jugendliche gemacht hätten, würde wieder wild debatiert werden. Warum erlegt man Tiere um sie später dann ausgestopft an Bäume und Strommasten zu hängen??? Also nun ein Appell an unsere Jugend - bitte UNBEDINGT nachmachen!!! Da kann man nur den Kopf schütteln.......

1lienzer vor 2 Jahren

Gute Idee! Würde auch andere Wanderweg gut schmücken!

gaukler vor 2 Jahren

Gfallt mia - klasse Aktion!!!