Ferialarbeit ist für HAK/HAS-SchülerInnen Pflicht

300 Arbeitsstunden sind Voraussetzung für die HAK-Matura.

Die Handelsschule und Handelsakademie sind seit jeher praxisorientierte Schulen, in denen die Schülerinnen und Schüler neben dem klassischen Unterricht bei Projektarbeiten und in Übungsfirmen den späteren Berufsalltag recht realitätsnahe simulieren. Jetzt geht die Ausbildung in diesen Schulformen österreichweit noch einen Schritt weiter und macht die Simulation zur Realität.

Nicht weniger als 300 Arbeitsstunden in einem Unternehmen müssen AbsolventInnen der HAK bis zur Matura künftig nachweisen, damit der Schulabschluss positiv möglich ist. Für HAS-AbsolventInnen gibt es diese Pflicht schon seit dem Vorjahr, dort sind 150 Praxisstunden gefordert, die großteils in den Ferien abgeleistet werden sollten.

Direktor Josef Pretis, Prof. Birgit Hippacher, die Schülerinnen Verena Etzelsberger, Nadine Stotter und Stefanie Schneider und Prof. Verena Eder-Zanier präsentierten in Theorie und Praxis, wohin die Reise von HAK und HAS in Zukunft geht. Fotos: Dolomitenstadt/Pirkner
Direktor Josef Pretis, Prof. Birgit Hippacher, die Schülerinnen Verena Etzelsberger, Nadine Stotter und Stefanie Schneider und Prof. Verena Eder-Zanier präsentierten in Theorie und Praxis, wohin die Reise von HAK und HAS in Zukunft geht. Fotos: Dolomitenstadt/Pirkner

Drei Handelsschülerinnen erzählten Osttiroler Medienvertretern im Rahmen der Präsentation des Modells am 20. Jänner in der Schulbibliothek von ihren Erfahrungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Vom Kinobuffet über die Altenpflege bis zum Bürojob in der Abfallwirtschaft reichte bei diesen Mädchen das Spektrum der Tätigkeiten. Im Fall von Nadine Stotter gab es sogar ein Aha-Erlebnis, sie wollte – passend zum schulischen Schwerpunkt – in ein Büro, fand aber keinen Arbeitgeber für ihre Pflichtstunden. Nadine entschloss sich, im Wohn- und Pflegeheim mit anzupacken – mit soviel Geschick und Engagement, dass daraus vielleicht eine Berufskarriere wird.

Für den Direktor der Schulen, Josef Pretis, wäre das der Idealfall: „Die Schüler und Schülerinnen sollen einerseits Arbeitsluft schnuppern, andererseits vielleicht auch Neigungen und Interessen entdecken und den einen oder anderen Arbeitgeber so beeindrucken, dass nach der Schule ein Jobangebot wartet.“ Zunächst wird es aber wohl darum gehen, ausreichend freie Arbeitsplätze für die Jugendlichen zu finden.

Derzeit sind allein im aktuellen Jahrgang der 2. HAK-Schulstufe 72 junge Menschen auf der Suche nach einem Praktikumsplatz, um ihr 300 Stunden-Pensum bis zur Matura abzubauen. Im nächsten Schuljahr kommen mehr als 80 weitere SchülerInnen allein in der HAK dazu. 300 Stunden sind rund zwei Arbeitsmonate, in denen die SchülerInnen, geht es nach den Vorstellungen des Bildungsministeriums, regulär in einem „facheinschlägigen Arbeitsverhältnis“ angestellt und laut Kollektivvertrag bezahlt werden sollten.

Knapp 1.300 Euro brutto pro Monat ist laut Arbeiterkammer Lienz der kollektivvertragliche Mindestlohn für Angestellte, „die schematische oder mechanische Arbeiten verrichten, die als einfache Hilfsarbeiten zu werten sind, zum Beispiel kaufmännische, administrative und technische Hilfskräfte.“ In Osttirol sind sowohl Ferialarbeitsplätze als auch klassische Lehrplätze für junge Bürokaufleute bereits jetzt schwer zu finden. Verena Eder-Zanier zählt zu jenen LehrerInnen der Schule, die mit den Jugendlichen an Interessensprofilen und entsprechend gezielten Bewerbungen arbeitet. Sie führt Liebherr, Durst und diverse Gemeinden als Arbeitgeber an, die bereits SchülerInnen beschäftigen.

Verena Eder-Zanier bereitet die SchülerInnen auf die erfolgreiche Bewerbung bei Unternehmen vor, ihre Kollegin Birgit Hippacher hält Multimedia-Ausbildung für einen Zukunftsbereich der Handelsschule.
Verena Eder-Zanier (links) bereitet die SchülerInnen auf die erfolgreiche Bewerbung bei Unternehmen vor, ihre Kollegin Birgit Hippacher hält Multimedia-Ausbildung für einen Zukunftsbereich der Handelsschule.

Direktor Pretis und seine Lehrkräfte an der BHAK/BHAS sind zuversichtlich, dass das Pflichtpraktikum als Einstieg in die Arbeitswelt und Erweiterung des Schulwissens zu einer wichtigen Zusatzqualifikation für die AbsolventInnen ihrer Schulen wird.

Zeitgemäße Zusatzkompetenzen neben den klassischen „Bürofächern“ sollen ab dem kommenden Schuljahr die Handelsschule aufwerten. Im laufenden Jahr war es nicht gelungen, die nötigen 15 SchülerInnen für eine erste Klasse zusammenzubringen.

Ein Multimedia-Schwerpunkt soll deshalb künftig die Attraktivität dieser Schulform steigern, erklärt Birgit Hippacher, Koordinatorin für die Qualitätsentwicklung der kaufmännischen Schulen. Grafikdesign, Bildbearbeitung, Videoschnitt, Webdesign und Social Media-Skills werden künftig als Ausbildungsschwerpunkt auf dem Stundenplan der HandelsschülerInnen stehen. „Die Jugendlichen fahren auf das ab“ erklärt Hippacher, die auch einen Bedarf für junge Multimedia-SpezialistInnen in Osttirols Unternehmen ortet.

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6 Postings bisher
alice vor 2 Jahren

Grundsätzlich ist die Einführung eines Pflichtpraktikums an der HAK/HAS zu begrüßen, waren sie doch die einzigen berufsbildenden Schulen ohne Praktikum. In den HTL's und den humanberuflichen Schulen ist die Absolvierung eines Pflichtpraktikums seit langem Usus.

Ob genügend Praktikumsstellen zur Verfügung stehen wird man sehen. Die geforderte Entlohnung in dieser Höhe halte ich eher für kontraproduktiv. Welcher Arbeitgeber ist schon bereit für einen Praktikanten, der praktisch nach der Einarbeitungszeit den Betrieb wieder verlässt, diesen Betrag aufzuwenden. Außerdem wäre noch zu hinterfragen, warum Schülerinnen und Schüler der Tourismusschulen, im Rahmen ihres Pflichtpraktikums "nur" eine Lehrlingsentschädigung (je nach Schuljahr) erhalten.

schnuffi vor 2 Jahren

Ich finde es toll wenn nun auch die Schüler der BHAK/BHAS ein Pflichtpraktikum über die Sommerferien machen müssen. Bei der HLW/HF ist es ja auch so. Die Schüler sammeln viele Erfahrungen für später. Man muss aber auch bedenken das Schüler der Oberstufe wirklich etwas leisten. Die Schulstunden pro Woche belaufen sich auf ca. 35 Stunden. Dann kommt noch Hausübung, Projekte vorbereiten, lernen usw. dazu. Sie kommen also locker auf über 40 Stunden pro Woche. Mehr als so mancher Arbeiter und Angestellte im Bezirk. Wir haben 5 bzw. 6 Wochen Urlaub 😎. Die Schüler haben sich auch eine Pause verdient 😴....Muss anmerken das ich bin kein Lehrer bin 👍.

schlumpfi vor 2 Jahren

Ich finde es auch einen guten Ansatz die Schulabgänger höhern Schulen auf das Berufsleben vorzubreiten. Meine Frau hat auch vor vielen Jahren die Handelsschule abgeschlossen und versucht am Arbeitsmarkt einzusteigen und machte es wie jeder andere brave Schüler und schrieb Bewerbungen und absolvierte Bewerbungsgespräche. Absage über Absage über Absage flatterte zurück mit den Antworten das ihr Praxis fehle. Frage: Wo soll ein Schüler / Schülerin Praxis erwerben, wenn die Eltern nicht, wie skeptiker es richtig schreibt, keine Beziehungen hat? Meiner Meinung nach ist es eine gute Idee das Abgänger einer höher Schule auch Praxis sammeln sollten und könne wie es im Polytechnischem Lehrgang der Fall ist um Ihnen die Möglichkeit zu geben leichter ind Berufsleben einzusteigen.

senf vor 2 Jahren

bluba@ ich glaube du verstehst den sinn der sache nicht. die schüler sollen praxisnahe lernen, dass man dabei auch geld verdienen kann soll nebensache bleiben. das wär sonst wohl die falsche motivation. ----- den angekündigten multimedia-schwerpunkt sollte man allerdings nur als schnuppern sehen, denn für grafikdesign, viedoschnitt und dergleichen gibt es spezielle ausbildungsmöglichkeiten, alles andere ist halbe sache. wenn jemand tatsächlich interesse hat, kann er sich ja bei einschlägigen unternehmen zur praxisorientierung bewerben und sich später bei gefallen fachlich ausbilden, denn es gibt kaum in einer anderen sparte so viele "pfuscher" die meinen, mit bildbearbeitungskenntnissen ist man gelernter grafiker, webdesigner oder marketingguru. so nebenbei: wer bildbearbeitung macht, muß auch fotografieren können, die heutige massenbildproduktion per handy reicht da sicher nicht aus. --- ich denke, der ansatz von frau hippacher ist schon richtig, die schüler sollen die möglichkeiten des digitalen marktes kennenlernen, immer am aktuellen stand sein, aber ncht unbedingt selber den tausendsassa spielen müssen.

skeptiker vor 2 Jahren

@blubla Ist es selbstverständlich im Sommer mind. 1 Monat zu arbeiten? Dann bring mal die Ferialjobs für die Jugendlichen. Heute ist es praktisch unmöglich ohne Beziehungen einen vernünftigen Ferialjob für die Jugendlichen zu bekommen.

blubla vor 2 Jahren

warum wird das eigentlich als Erfolg gewertet? ist doch selbstverständlich dass man im Sommer mindestens 1 Monat arbeitet um sich sein Taschengeld aufzubessern. In 5 Jahren 2 Monate zu arbeiten dürfte auch der Faulste aller Faulen schaffen