Viele Frauen in Lateinamerika werden in informelle Tätigkeiten gedrängt. Diese hier verkauft auf der Straße Süßigkeiten. Fotos: Sarah Kollnig

Viele Frauen in Lateinamerika werden in informelle Tätigkeiten gedrängt. Diese hier verkauft auf der Straße Süßigkeiten. Fotos: Sarah Kollnig

Wir wollen keine Rosen und keine Schokolade!

Dieser Ruf schallte am Frauentag durch die Straßen von La Paz.

„Wir wollen keine Rosen und keine Schokolade! Wir wollen ein Ende der häuslichen Gewalt, der Vergewaltigungen und der Frauenmorde!“ Dieser Ruf schallte am internationalen Frauentag durch die Straßen von La Paz.

In Bolivien gibt es keine vertrauenswürdigen statistischen Daten zur Gewalt an Frauen, aber laut Nichtregierungsorganisationen wird ungefähr alle drei Tage eine Frau umgebracht, meist von einem (ehemaligen) Partner. Unzählige Frauen werden von ihrem Partner geschlagen, vergewaltigt oder entführt und zur Prostitution gezwungen.

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Die Bewegung gegen Gewalt an Frauen hat in ganz Lateinamerika viel zu tun, denn Gewalt an Frauen ist in der ganzen Region an der Tagesordnung.

Es gibt in Bolivien Gesetze zum Schutz der Frau, und im Rahmen dieser Gesetze werden auch Kampagnen zur „Verbesserung der Situation der Frau“ durchgeführt. Deswegen macht mir auch Fernsehen Angst: Stündlich und in allen Kanälen gibt es Einschaltungen zu diesem Thema, die sich ausnahmslos an Frauen richten und drastisch schildern, was mit Frauen tagtäglich in Bolivien passiert. Die Botschaft: Geh nicht allein auf die Straße, vertraue keinem Fremden, melde jeden Fall von Gewalt an die Behörden. Das schürt Angst, doch vermindert es die Gewalt an Frauen? Niemand kommuniziert an die Männer, dass Gewalt an Frauen – und jegliche Gewalt – verachtenswert ist.

Im Gegenteil, familiäre Gewalt wird in der bolivianischen Gesellschaft als normal angesehen. Eine Ode an die bolivianische Frau beinhaltet den Satz: „Der ständige blaue Bluterguss an ihrem Auge ist Ausdruck ihres Familienstandes, mehr noch als der Ring oder der gewölbte Bauch.“ Der gewölbte Bauch. Ungeplante Schwangerschaften stehen in Bolivien an der Tagesordnung, und ungefähr 15 % der Schwangerschaften betreffen Minderjährige. In der Realität betreffen die Schwangerschaften oft ausschließlich die Mutter, weil der Vater keine Verantwortung für das Kind übernimmt. Empfängnisverhütung ist ein Tabuthema in Bolivien, und die katholische Kirche vertritt Abstinenz unter Unverheirateten als einzige Lösung zum Problem ungewollter Schwangerschaften.

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Das Graffiti der bolivianischen Frauenbewegung „Mujeres Creando“ spricht Bände. „Nehmt eure Rosenkränze aus unseren Eierstöcken“ lautet die Übersetzung.

Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass sich nicht alle Frauen in Bolivien in der gleichen Situation befinden. Als Ende 2015 eine Frau aus einer wohlhabenden Familie vermutlich von ihrem ehemaligen Freund umgebracht wurde, startete die Polizei eine umfassende Untersuchung des Falles, und der Mann wurde sofort festgenommen. Indigene Frauen haben oftmals nicht die nötigen politischen Beziehungen und wirtschaftlichen Mittel, um sich Gehör zu verschaffen. Jahrhundertelange Diskrimination, als Frauen und als Indigene, hat dazu geführt, dass sich viele Aymara- oder Quechua-Frauen nicht dessen bewusst sind, dass sie nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte haben.

Die Ironie der Situation zeigt sich darin, dass die derzeitige Regierung ein indigenes Konzept zur Verteidigung der Rechte der Frau verwendet: „Chachawarmi“, die Philosophie der Komplementarität des Männlichen und des Weiblichen. Viele, auch Feministinnen, sehen in der vorkolonialen und frühkolonialen Zeit ein „goldenes Zeitalter“ für Frauen, in dem Frauen eine tragende Rolle in der Gesellschaft spielten. Eine der Hauptstraßen in Cochabamba trägt den Namen „Die Heldinnen“ und erinnert an die wichtige Rolle der Frauen im Kampf gegen die Kolonialherren. Doch auch heute haben die Frauen eine tragende Rolle in der bolivianischen Gesellschaft inne, nur ihre Stimme, die ist verstummt.

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Sarah Kollnig, geboren 1984, Nußdorferin, studierte Umweltwissenschaften. Nach einigen Jahren Berufserfahrung arbeitet sie als Doktorandin an der Universität Lund in Schweden. Ihr Fachgebiet ist die Humanökologie. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit sozialen Ungleichheiten und Nachhaltigkeit im bolivianischen Ernährungssystem. Derzeit lebt sie für ein Jahr Feldforschung in Cochabamba, Bolivien.

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