Ein 264 Jahre altes Kunstwerk der Auferstehung

Jahr für Jahr wird in St. Andrä das Heilige Grab aufgebaut und bespielt.

Alle Jahre wieder, rechtzeitig vor Ostern, wird in der Pfarrkirche St. Andrä nicht gebetet, sondern richtig geschuftet: Mehrere Traktorfuhren Eisenstangen, die im Jugendheim lagern und bemalte Holzbretter und bemaltes Leinen aus dem Widum werden in die Kirche geschleppt und dort verschraubt und verknüpft. Heuer wollten wir unbedingt dabei sein und miterleben, wie ein 264 Jahre altes Kunstwerk, das in dieser Form tirolweit einzigartig ist, wieder entsteht und wir wollten herausfinden, welchen fleißigen Händen wir diesen temporären Kunstgenuss alljährlich zur Osterzeit eigentlich verdanken.

Zwei Abende helfen der Krippenverein Lienz und Kolping Lienz – hauptsächlich Patriasdorfer – vom Lehrling bis zum Pensionisten zusammen, um in mühevoller Schwerstarbeit das Heilige Grab zu erschaffen. So wie es vor ihnen andere Männer schon vor 250 Jahren getan haben, um – damals wie heute – den Menschen die mystische Erlösungsbotschaft Christi zu vermitteln. Nach dem Aufbau und nach dem Abbau lädt der Pfarrer zur Jause ins Widum, der Rest ist Gottes Lohn.

Das Heilige Grab in der Lienzer Stadtpfarrkirche St. Andrä ist eines der ältesten, monumentalsten und künstlerisch wertvollsten Werke dieser Art im gesamten Alpenraum. Mit seiner gewaltigen Höhe von 10,2 Metern, seiner Breite von 6,6 Metern, seiner Tiefe von 6,5 Metern und mit den ausgezeichneten perspektivistischen bzw. illusionistischen Malereien wird dieses barocke Heilige Grab tatsächlich seit vielen Generationen seiner Bestimmung gerecht: Die „passio gloriosa“, das glorreiche Leiden für das Volk erlebbar zu machen, durch das nach christlichem Glauben die Menschheit erlöst und der Tod besiegt wurde.

Mindestens seit dem 9. Jahrhundert werden im ganzen christlichen Abendland wichtige Stätten des Heiligen Landes in Kopien errichtet, besonders die Grabeskirche und das Grab Christi. Die Nachbildungen hatten den Charakter einer Reliquie, also konnten die andächtigen Besucher an diesen Stätten die selben Gnaden erhoffen wie in Jerusalem selbst.

Die Verehrung des Heiligen Grabes in Jerusalem erreichte zur Zeit der Kreuzzüge ihren Höhepunkt. Das Hl. Grab als das zentrale Heiligtum der Christenheit aus den Händen der „Ungläubigen“ zu befreien, nannte Papst Urban II. ausdrücklich als Ziel des Kreuzzugsunternehmens. Es wurde viel Blut vergossen, aber Jerusalem wurde nie wieder eine christliche Stadt.

Am Ende des Mittelalters kam immer mehr der Brauch auf, am Karfreitag einfache Heilige Gräber aufzurichten, die später im Barock durch Ausschmückungen weiterentwickelt wurden, bis dann die ersten Gerüste und großartigen Aufbauten entstanden. Auch unser Heiliges Grab in der Pfarrkirche St. Andrä geht auf jene Zeit der besonderen Volksfrömmigkeit zurück. Das religiöse Leben in Lienz erfuhr einen  ungeheuren Aufschwung, die Lienzer wurden sogar als besonders fromm und gottestreu gelobt. Trotzdem dauerten die Bemühungen, statt dem einfachen Heiligen Grab ein neues bauen zu lassen, 30 Jahre.  Aber 1752 war es dann soweit: der Maler Anton Zoller bekam den Auftrag, das 400 Gulden teure Projekt umzusetzen.

Aber wer war dieser Mann, der uns heute noch mit seiner illusionistischen Malerei so fasziniert? Meister Anton Zoller ist im Jahre 1695 als Sohn eines Bauern aus Telfs geboren und begann 15-jährig – seine Mutter war gerade kurz nach der Geburt ihres zehnten Kindes verstorben – eine Lehre beim Hof- und Theatermaler in Innsbruck. Auf seinen Wanderjahren kam er nach Salzburg und Innerösterreich und bekam schließlich am Klagenfurter Jesuitenkolleg als Theatermaler eine feste Anstellung. Seine acht Kinder kamen in Kärnten zur Welt, vier davon starben noch im Kindesalter. Einer seiner Söhne, Josef Anton Zoller, trat später in seine Fußstapfen und hat als 22-Jähriger höchstwahrscheinlich auch am Lienzer Heiligen Grab mitgearbeitet.

Mit der Hoffnung auf eine wirtschaftliche Verbesserung übersiedelte Zoller mit seiner Familie 1753 nach Hall in Tirol. Aber er hatte Pech. Gerade zu jener Zeit wirkte in Tirol der aus Rodaun bei Wien stammende Maler Josef Adam Mölck, der es zum k.k. Hofkammermaler in Tirol brachte. Bei Kollegen war Mölck verhasst. Er übernahm nämlich sogar Gesamtrestaurierungen, galt als Schnellmaler, was Kosten einsparte und schaltete so fast jegliche Konkurrenz in Tirol aus. Zoller bezeichnete ihn sogar einmal als den „Windbeutel aus Wien“. Er ärgerte sich, als er bei der Barockisierung der Pfarrkirche St. Andrä im Jahr 1761 nur das Altarblatt ausführen durfte, während Mölck im selben Jahr die gesamten Gewölbefresken schuf. Aber schlussendlich konnte sich auch Zoller durch die Zusammenarbeit mit dem Pfarrer-Architekten Franz de Paula Penz über eine sehr gute Auftragslage freuen und zahlreiche Kirchen in Tirol, wie z.B. die prachtvolle Pfarrkirche von Obertilliach ausschmücken. Meister Anton Zoller erkrankte an Wassersucht und starb am 16. April 1768.

Sein Sohn Franz Carl Zoller schreibt 1827 über das Heilige Grab in Lienz, dass es „… wegen seiner täuschenden Perspektive jedermanns Verwunderung auf sich zog, und wovon man sagt, dass ein Bauer gerade auf die gemalte Stiege zuging, und wirklich darüber hinaufsteigen wollte.“
Ähnlich einem barocken Kulissentheater spielen sich zwischen Gründonnerstag und Ostermontag wechselnde Szenen ab. Die Kulisse, als Hof im Palast des Pilatus, ist auf das Karfreitagsgeschehen abgestimmt, der bedeutungsmäßige Höhepunkt eines jeden Heiligen Grabes und besonders bei uns in St. Andrä sehr figurenreich und dramatisch dargestellt.

Mehrere verschiedene, auswechselbare figurale Szenen werden auf der breiten Bühne gezeigt. Am Gründonnerstag das Abendmahl, am Karfreitag/Karsamstag Ecce homo, am Karsamstag/Ostersonntag die drei Frauen am Grabe und am Ostermontag Christus als Gärtner – mit einer Schaufel!

Viele Ausdrucksformen der barocken Volksfrömmigkeit stießen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bei Anhängern der Aufklärung auf Unmut und wurden unter Kaiser Josef II sogar verboten. Das führte zur Zerstörung zahlreicher Heiliger Gräber, aber unseres hat sogar jene Zeit überstanden. Nach dem festlichen Auftakt am Palmsonntag, der in Lienz wie ein großes Volksfest begangen wurde, konnten die Menschen wieder in der Karwoche mit den vielen liturgischen Feiern und dem geistvollen Theater am Heiligen Grab tief berührt werden. Um die Auferstehung noch deutlicher zu vermitteln, wurde früher als Schlussszene die am Seil befestigte Christusstatue im Strahlenkranz aufgezogen.

Bei der Renovierung im Jahr 1987 durch die Firma Pescoller wurde das Heilige Grab um eine passende Palmsonntags- und Emmausszene bereichert und das Gerüst, das bis dahin jedes Jahr mühevoll vom Mesner und Tischlermeister Forcher gemeinsam mit seinen Lehrlingen und Gesellen hergestellt wurde, wurde durch ein Metallgerüst ersetzt.

Für den Szenenumbau sind Mesner Peter Winkler und Markus Tegischer zuständig. Unter ihrer Aufsicht werden durch fleißige MinistrantInnen ca. 40 große und kleine Glaskugeln mit Wasser gefüllt, mit Eierfarben gefärbt und gemeinsam aufgestellt. Am Morgen des Gründdonnerstags, rechtzeitig zur Morgenanbetung, werden die Öllämpchen dahinter entzündet um die Osterfreude schon für alle sichtbar zu machen! Halleluja!

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Fotos: Wolfgang C. Retter
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