In der „Cancha“ gibt es alles frisch und billig

Ein Rundgang über den riesigen Markt der Millionenstadt  Cochabamba.

Jeden Mittwoch und Samstag verlagert sich der Schwerpunkt des Lebens in Cochabamba in Richtung Süden: es ist Markttag, und auf der „Cancha“ (dem „Feld“), die sich südlich des Stadtzentrums erstreckt, herrscht Hochbetrieb.

Die „Cancha“ setzt sich aus mehreren Märkten zusammen, deren räumliche Ausdehnung Spekulationssache ist – sie wird auf ein Minimum von sechs Hektar geschätzt. Um die 50.000 Verkäufer bieten ihre Waren in den zentralen Märkten feil, rund die Hälfte von ihnen sind informelle Händler, haben also keine offizielle Genehmigung für den Verkauf. Auf der Cancha findet man alles und noch mehr – von verschiedensten Kartoffelvarianten über importierte Kleidung bis hin zum Mietclown.

Das Leben auf der Cancha beginnt in den frühesten Morgenstunden: die Lastwägen mit den Waren kommen um zwei oder drei Uhr in der Früh an. Die wohlhabendsten Händlerinnen kaufen eine gesamte Wagenladung und verkaufen sie dann in kleinen Mengen an eine Unzahl von Verkäuferinnen weiter. Die ärmsten unter den Straßenverkäuferinnen kaufen eine Handvoll an Waren und bieten diese dann auf einem Stück Plastik am Straßenrand zum Verkauf an.

Und ja, es handelt sich zu 90 % um weibliche Akteure, die in der Cancha und den anderen Märkten der Stadt am Werk sind. Für die Männer ist es leichter, am formellen Arbeitsmarkt einen Job zu finden, vom Bauarbeiter bis zum Lehrer. Die Frauen verkaufen am Markt, während die Kinder zwischen den Waren spielen.

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Die Frauen verkaufen am Markt, während die Kinder zwischen den Waren spielen. Foto: Sarah Kollnig

Die Cancha ist zuallererst überwältigend – es riecht nach Gewürzen, Urin und Coca-Blättern, und die Marktfrauen bieten ihre Waren feil, während ambulante Händler, mit Lautsprechern ausgerüstet, Kurzwaren verkaufen. Die Waren stapeln sich in Säcken und auf dem nackten Boden, und der Kopf stößt an die „Llantuchas“, die improvisierten Sonnenschirme der Verkäuferinnen. Nur ein Teil des Marktes ist befestigt, mit betoniertem Boden und Blechdach, und der Handel an den Straßenrändern floriert. In der Cancha treffen sich Menschen aus allen Stadtteilen, vom alten Mann, der bettelnd die Hand aufhält, über die indigene Haushälterin bis zur gut gekleideten Businessfrau. In der Cancha gibt es eben alles frisch und billig.

Was mir am meisten an der Cancha gefällt, ist der freundschaftliche, fast liebevolle Dialog zwischen Verkäuferinnen und Käuferinnen (denn ja, meistens sind beide Seiten weiblich). Es wird nicht aggressiv verhandelt, sondern freundlich gefragt: „Caserita, was hast du denn heute für mich?“ oder „Caserita, wie geht es denn deinen Kindern?“ oder „Caserita, bitte leg mir doch einen Kilo gutes Fleisch auf die Seite!“ „Caserita“ ist die Anrede für Verkäuferinnen und Käuferinnen.

Sie war wahrscheinlich anfangs als Anrede für die Käuferinnen gedacht, die Hausbesitzerinnen, also „Caseritas“ (von „Casa“ für „Haus“) sind. Und wenn einmal dieses vertrauensvolle „Caserita“-Verhältnis hergestellt ist, dann wird immer bei der gleichen Verkäuferin eingekauft. Da gibt es die „Caserita“, die die besten Tomaten hat, die „Caserita“, die die Kartoffeln immer richtig abwiegt, und die „Caserita“, die immer frisches Fleisch anbietet. Zum Geschäft gehört, dass oft eine Kostprobe der Ware angeboten wird – ein Stück Obst zum Probieren zum Beispiel.

Und wenn der Kauf zustande kommt, wird von der Verkäuferin erwartet, dass sie eine Draufgabe („Yapa“) gibt, ein paar Kartoffeln extra oder einen Apfel mehr. Wenn es keine „Yapa“ gibt, dann kehrt die Käuferin sicher nicht wieder.

Szenenwechsel. In den letzten zehn Jahren wurden in den Städten immer mehr Supermärkte eröffnet; in der Millionenstadt Cochabamba gibt es trotzdem erst um die fünf Supermärkte. Am Anfang waren die Menschen ratlos: Wie kauft man denn in einem Supermarkt ein? Da gibt es ja gar keine „Caserita“, die einem die Waren reicht. Da muss man einen Einkaufswagen nehmen und sich durch die Regalreihen schlängeln. Doch die Menschen haben sich an den Supermarkt gewöhnt, und viele sagen mir, dass sie spezielle, importierte Artikel dort einkaufen. „Dank der Supermärkte können wir das kochen, was wir im Fernsehen sehen.“ Supermärkte sind teurer als die traditionellen Märkte und machen daher der „Cancha“ noch keine große Konkurrenz. Sie stellen jedoch eine potentielle Gefährdung für die Überlebensstrategien tausender Händlerinnen dar.

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Sarah Kollnig, geboren 1984, Nußdorferin, studierte Umweltwissenschaften. Nach einigen Jahren Berufserfahrung arbeitet sie als Doktorandin an der Universität Lund in Schweden. Ihr Fachgebiet ist die Humanökologie. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit sozialen Ungleichheiten und Nachhaltigkeit im bolivianischen Ernährungssystem. Derzeit lebt sie für ein Jahr Feldforschung in Cochabamba, Bolivien. Alle bisherigen Artikel von Sarah Kollnig.

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