Im Feld forschen und auf dem Feld arbeiten

Der gewagte Schritt vom Schreibtisch zur gelebten Realität.

Wer meine bisherigen Blogbeiträge kennt, weiß es bereits: Ich bin seit einem Jahr in Bolivien und mache dort als Humanökologin „Feldforschung“. Manchmal werde ich gefragt: Was macht eine Feldforscherin? Sie erforscht das geographische und soziale „Feld“, das sie sich für ihre Forschung ausgesucht hat. Sie wagt den Schritt vom Schreibtisch zur gelebten Realität. In der theoretischen Abhandlung, die ich an meine Doktorväter geschickt habe, klingt das ganz gut: Ich werde ausführliche Interviews mit den Menschen in ärmeren und reicheren Stadtteilen durchführen, und ich werde Produktion, Handel und Konsum eines oder mehrerer Lebensmittel nachverfolgen. „Na dann ab mit dir nach Bolivien“, sagten meine Betreuer, mit einem Lächeln auf den Lippen, das ausdrückte, was sie mir nicht sagen wollten: Es kommt immer alles anders, als du es auf dem Papier geplant hast.

Nun stehe ich also in dem Stadtteil „Villa Montenegro“, in dem die Bewohner relativ gut situiert sind. Sofern man das so allgemein sagen kann. Ich habe mir das so vorgestellt, dass mich die Menschen in ihren Häusern empfangen, mir bei einer Tasse Tee über ihre Ernährungsgewohnheiten erzählen, und mich dann herzlich dazu einladen, einmal mit ihnen zu Abend zu essen. Jetzt gehe ich in der Mittagshitze von Tor zu Tor, drücke Klingel um Klingel, und ausnahmslos niemand macht auf. Ich habe diesen Stadtteil gewählt, weil hier die Familie meines Mannes wohnt. Doch ich bin eine Fremde. Außerdem habe ich Konkurrenz: Die Zeugen Jehovas sind auf Missionierungstour. Denen öffnen nur Wenige die Tür, und an einem Nachmittag sehe ich sie auch vor unserem Haustor stehen. Zwei Frauen, beide mit Sonnenhut, Umhängetasche, und langem Rock. Da fällt mir auf, dass ich auch immer mit Sonnenhut und Umhängetasche unterwegs bin. Die Leute glauben wahrscheinlich, ich will sie missionieren.

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Einer Forscherin Auskunft geben über die eigenen Lebensgewohnheiten? Auch in Bolivien ist es nicht leicht, Gesprächspartnerinnen zu finden.

Mein Doktorvater rät mir, an Orten, an denen sich Menschen tagtäglich treffen, mit den Menschen Kontakt zu suchen. Es gibt gar nicht mehr so viele solcher Orte. Da fällt mir die „tienda“ auf, eine Garage, umgebaut zu einem kleinen Geschäft, in dem die ganze Nachbarschaft einkauft. Ich spreche mit der Besitzerin, und die hilft mir gerne weiter. Seitdem sitze ich jeden Vormittag auf einem Plastikstuhl am Eingang zum Geschäft und versuche, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Das ist zwar auch nicht so einfach, aber einige sind etwas offener und erzählen mit ein bisschen über ihre Ernährungsgewohnheiten.

Meine Forschung beschäftigt sich auch mit der Produktion von Lebensmitteln, und da fällt mir besonders das Thema Hühnerfleisch auf – ein Produkt, das für fast alle erschwinglich ist und billiges Eiweiß liefert, das aber auch auf industrielle Art und Weise hergestellt wird. Ein Huhn wird in Bolivien in circa sieben Wochen gemästet. Ich will also eine Hühnerfarm besuchen. Mein Mann hat einen Bekannten aus Studienzeiten, der eine solche Farm betreibt. Wir beschließen also, ihm einen Besuch abzustatten, und fahren im Minibus in das nahe gelegene Dorf. Wir steigen am Dorfeingang aus und finden bald den Bauernhof, dessen Stall eine Metallkonstruktion ist, die an den Seiten mit gelben Plastikfolien verhängt ist.

Flavio begrüßt uns hocherfreut, denn er hat meinen Mann schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Wir sitzen im Innenhof, zwischen dem kleinen Haus und der riesigen Metallkonstruktion, und Flavio beginnt, uns zu erzählen, wie es ihm so ergangen ist. „Erinnerst du dich noch an unsere legendären Feiern in der Studienzeit?“ Ich werde ungeduldig. Wo sind denn die Hühner? Darf ich den Stall ansehen? Was interessieren mich denn die Geschichten aus der Studienzeit. Endlich, nach ungefähr einer Stunde, kommen wir zum Thema. Doch – leider, die Hühner habe er gerade alle verkauft. Flavio murmelt etwas von der Regierung, die ihn dazu verpflichtet habe, zu einem niedrigeren Preis zu verkaufen. Auch ansonsten ist Flavio nicht sehr gesprächig, es ist ihm wichtiger, alte Zeiten aufleben zu lassen. Und das mit Stil, denn er hat eine Flasche Tequila für besondere Anlässe auf Lager. Ich lehne dankend ab, doch mein Freund trinkt ein paar Gläschen mit ihm. Ein paar Flaschen Bier und eine Riesenportion gebratenes Lamafleisch später muss ich darauf bestehen, dass wir wieder in die Stadt zurückkehren.

Ein paar Wochen später vereinbare ich ein Treffen mit dem Verband der Hühnerbauern, und als ich mich mit deren Sprecher treffe, spaziert Flavio zur Tür herein. Es stellt sich heraus, dass er im Vorstand des Verbandes sitzt. Er begrüßt uns herzlich. „Willkommen, meine Freunde!“ Nach dem Treffen begleitet uns Flavio auf dem Heimweg, und wir bestellen Hamburger in einem Straßenrestaurant. Flavio erzählt uns, wie die Bauern und Händler ihre Gewinne kalkulieren. Das ist eine hochinteressante Information.

Meine Doktorväter haben Recht: In der Feldforschung findet man ständig neue Freunde, die einem Sachen erzählen, die man über eine standardisierte Umfrage nie erfahren würde. Diese Situation verpflichtet allerdings auch mich als Forscherin dazu, mit den Informationen, die mir diese Menschen zur Verfügung stellen, verantwortungsvoll umzugehen.

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Meine Forschung beschäftigt sich auch mit der Produktion von Lebensmitteln und da ist es naheliegend, dass ich nicht nur im Feld forsche, sondern auch auf dem Feld arbeite.

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Die Osttiroler Humanökologin Sarah Kollnig ist an einer Schwedischen Universität beschäftigt und schreibt für dolomitenstadt.at eine Kolumne aus Bolivien, wo sie für ihre Doktorarbeit das Ernährungssystem der Stadt Cochabamba erforscht.

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