Perspektivenwechsel: Ein Ausflug ins OLALA-Artistenleben

Für „Bodies in Urban Spaces“ waren Freiwillige gefragt. Asylwerber helfen, das Kunstprojekt umzusetzen.

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Für die vielen verschiedenen Positionen, die für „Bodies in Urban Spaces“ dargestellt werden sollen, ist Zusammenarbeit gefragt. Später, wenn das Publikum anrückt, wird nur noch die fertige Figur zu sehen sein.

Als ich am Dienstag, 26. Juli, bei der NMS Egger-Lienz als Neue zum dritten Trainingstag erscheine, ist mir noch nicht klar, worauf ich mich da eingelassen habe. „Bodies in Urban Spaces“ heißt das Kunstprojekt von Willi Dorner, an dem ich als „Artistin“ aktiv teilnehmen möchte. Außer mir haben sich noch eine Teilnehmerin aus Lienz, die Koordinatorin des Projekts, und eine Gruppe Asylbewerber vor dem Gebäude eingefunden. Ohne sie wäre aufgrund der wenigen freiwilligen Teilnehmer das Projekt gar nicht erst zustande gekommen. Hamid, ein junger Mann aus Afghanistan, der wie alle anderen schon seit Sonntag dabei ist, erzählt mir, dass wir jetzt erstmal eine Runde laufen werden.

Er selbst ist sehr sportlich und ein guter Läufer. Während mir auf der Strecke durch den Iselkai die Luft ausgeht und ich die letzten Meter lieber im Schritttempo zurücklege, joggt er munter vor sich hin, stets einen Scherz auf den Lippen. Nicht alle sind so gut aufgelegt wie er. Ein paar der Jungs wirken bedrückt. Einer ihrer Freunde, der an den ersten beiden Tagen auch mittrainiert hat, wurde diesen Morgen abgeschoben, erklärt mir Esther, die Koordinatorin, später.

Nach einer kleinen Meditationsrunde – schließlich müssen wir lernen, ganz unbewegt in den abwegigsten Posen zu verharren – geht es dann in die Stadt, wo wir die Figuren, die wir darstellen sollen, üben. Für mich ist das alles neu und ich bin schon gespannt, wo ich wohl zum Einsatz kommen werde. Die Allerbeweglichste bin ich ja nicht. Also schaue ich erstmal zu. Und bin baff. Da werden Fassaden erklommen, kleinste Nischen mit Körpern gefüllt und auf dem Boden ganze Skulpturen aus Menschen geformt. Alle helfen sich gegenseitig, die schwierigen Positionen einzunehmen.

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Ein Kopfstand in luftigen Höhen? Kein Problem für Hamid aus Afghanistan. Sein Freund Basir hilft ihm danach, wieder in Bodennähe zu kommen.

Vorbeikommende, die unsere Darbietungen sehen, reagieren erstaunt, neugierig, amüsiert – ein Passant fragt nach, wann er denn die Performance sehen kann – aber auch verständnislos und erzürnt. „Ihr Scheiß-Kommunisten!“, wird uns aus einem vorbeifahrenden Auto heraus zugerufen und mit der Polizei gedroht. „Am Sonntag, beim ersten Training, war wirklich die Polizei da“, erzählt mir Sabine, außer mir die einzige Frau, die bei der Vorstellung mitwirkt.

Esther nimmt das gelassen, für sie ist das nichts Neues. In Paris, London, New York, in den meisten Städten, in denen das Projekt durchgeführt wurde, bekommt sie es früher oder später auch mit Polizisten zu tun, die besorgte, nicht eingeweihte Beobachter an die Orte des Geschehens rufen. Sabine hat eine gute Lösung dafür parat: Wann immer sie ein erbostes Tuscheln hört, geht sie zu den Leuten hin und klärt sie über unser Vorhaben auf. Sind sie erst einmal informiert, entspannt sich die Lage meist wieder.

Am nächsten Tag wird es Zeit für die Generalproben. Vormittags trainieren wir zum ersten Mal den gesamten Durchlauf in einem. Wie zu erwarten, klappt noch nicht alles zu hundert Prozent perfekt. Mittags gibt es eine Besprechung und Feedback von Esther. In drei Sprachen, auf Englisch, Deutsch und Französisch, erklärt sie im Olala-Künstlercafé nochmals, worauf es ankommt. Nach einer Mittagspause versuchen wir es ein zweites Mal. Schon besser, aber es reicht noch nicht ganz.

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Lagebesprechung im „Künstlercafe“. Esther erklärt noch einmal, worauf wir achten müssen.

Bei unserer finalen Probe haben wir bereits ein kleines Publikum. Einige Kinder haben sich der Truppe angeschlossen und schauen interessiert zu. Immer wieder hören wir: „Schau mal die!“ und „Was machen die da?“ Ein besonders wagemutiges Kind, das uns zwischen Säulen und einer Wand kleben sieht, schlägt seinen Freunden sogar vor, später selbst ein bisschen herumzuklettern. Diesmal lief alles glatt, Esther ist zufrieden und unser erster Auftritt am Donnerstag kann kommen.

Ein Klick und Sie haben das Festivalprogramm von OLALA 2016 vor sich, im Countdown (!), mit allen Orten, allen Künstlerbeschreibungen, interaktiv und sogar mit Karte.

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1 Posting bisher
Koal vor 1 Jahr

Super Sache .... die sich Hans Mutsch' wieder einfallen hat lassen. Hier wäre die Möglichkeit gewesen für unsere Lienzer Jugend & jung Gebliebenen selbst mitzuwirken. War auch dabei, jedoch hätte man hier wirklich die ganze Woche frei gebraucht .... um die teilweise sehr schwierigen Acts einstudieren bzw. proben zu können. Deswegen ein Lob & Danke an die Asylwerber, die jetzt - mit "2 Einheimischen" - die Gruppe vervollständigen und daher dieses Projekt weiter am Leben erhielten. Probte mit den "Fremden" einen Tag lang. Wir lachten, halfen uns gegenseitig, brachten Ideen ein und staunten nicht schlecht wie Esther (unsere "Lehrerin") ihre Vorstellungen uns beibrachte. Es war kein verlorener Tag, schade, für mich aus terminlichen Gründen jedoch nur Einer. Vielleicht gibt's im Jahr 2017 wieder Showact's mit Amateuren - da nehm ich mir dann Urlaub. Hoffe, dass dann ein paar Lienzer/innen mehr mitwirken ! Dann bräuchte die Lienzer Bevölkerung keine Angst mehr haben, wenn eine Gruppe Andershäutiger durch die Gassen läuft und deswegen ständig die Polizei damit belästigt. Obacht geben ist recht + gut - man kann's aber auch übertreiben! Am Ende Gratulation dem gesamten OLALA-Team für die abwechslungsreiche, lustige & tolle Veranstaltung 2016 !!!