Ansturm auf die Kinokasse. Die zwei Säle boten dann aber doch genügend Platz für die BesucherInnen. Fotos: Brunner Images

Ansturm auf die Kinokasse. Die zwei Säle boten dann aber doch genügend Platz für die BesucherInnen. Fotos: Brunner Images

Ein Stück Alltag auf der großen Leinwand

Eindrücke von der Tirol-Premiere des Dokumentarfilms „Bei Tag und bei Nacht“ im CineX Lienz.

Gestern lief im Lienzer CineX erstmals der Dokumentarfilm „Bei Tag und bei Nacht“ von Hans Andreas Guttner, der seinen Bruder Martin, Landarzt in Oberdrauburg, ein Jahr lang in seinem Alltag begleitet hat. Ich habe mir den Film selbst angesehen.

Als ich auf dem Südtirolerplatz ankomme, bin ich trotz der herbstlichen Kälte froh, dass ich mit dem Fahrrad unterwegs bin. Freie Parkplätze sind rar, genau genommen gibt es gar keinen mehr. Scheint ziemlich gut besucht zu sein, diese Premiere. Dass mich dieser Eindruck nicht getäuscht hat, merke ich, als ich das Kino betrete. Der Eingangsbereich ist gut gefüllt, erwartungsvolles Gemurmel und Vorfreude, auch ein bisschen die Sorge, ob es denn für alle genug Plätze geben wird, erfüllen den Raum. Schlussendlich kommen doch alle BesucherInnen in den beiden Kinosälen unter und der Film kann anfangen. Ich bin schon gespannt, was mich erwartet.

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Die Spannung steigt, gleich geht es los. Die letzten BesucherInnen finden sich noch auf ihren Plätzen ein.

Es geht los mit Naturaufnahmen, begleitet von melancholischen Klavierklängen. Dann folgt das Publikum dem Landarzt und seinen PatientInnen in 111 Minuten durch ein Jahr Alltag. Fast alles bleibt unkommentiert, dieser Film erzählt nicht, er zeigt. Der Stil wirkt anfangs recht eigenwillig auf mich und ich kann mich nicht sofort in den Film einfühlen, doch je länger ich zusehe, desto mehr zieht mich die Dokumentation in ihren Bann.

Naturbilder wechseln sich mit Hausbesuchen und Szenen aus der Arztpraxis ab, dazwischen werden Alltagsszenen gestreut. Beim Schwarzbeer-Klauben, beim Schnapsbrennen, beim Brotbacken, beim Heuziehen, bei der Herstellung von Kärntner Nudeln (wie unterscheiden die sich jetzt nochmal von „unseren“ Schlipfkrapfen?), überall ist man als Zuschauer dabei, vielleicht näher als man es mit langen Erklärungen wäre. Manche Szenen regen zum Schmunzeln an, andere sind berührend, vieles kommt mir schlichtweg so bekannt vor, als hätte ich es selbst schon einmal so ähnlich erlebt oder gesehen.

Schon während der Film läuft, bekomme ich ein Gefühl dafür, wie er beim Publikum ankommt. Für eine Kinovorführung eigentlich unüblich, wird im Saal nämlich recht viel gesprochen. Eigentümlicherweise wird der Film dadurch nicht gestört, sondern auf eine ganz eigene Art ergänzt, sogar gelebt. Es ist ein Wiedererkennen und ein Zustimmen, dass durch die Reihen geht. Ständig taucht Vertrautes auf der Leinwand auf, das im Saal nicht unkommentiert bleiben kann.

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V. l. Regisseur Hans Andreas Guttner, Kameramann Alexander Vittorio Papsch und Hauptdarsteller Martin Guttner vor der Filmvorführung.

Nach dem Abspann erzählen Regisseur Hans Andreas Guttner, der Landarzt Martin Guttner und Kameramann Alexander Vittorio Papsch von der Entstehung des Films. Selbst in einem Bergbauerndorf aufgewachsen, wollte Hans Andreas Guttner diese Lebensweise dokumentieren, bevor sie verschwindet. Da trifft es sich gut, dass sein Bruder Martin eine Landarztpraxis betreibt, denn diese bildet als kommunikatives Zentrum, in dem sich alles trifft, den idealen Ausgangspunkt für den Film. Ein Glücksfall waren für ihn die Crewmitglieder aus Osttirol (Alexander Vittorio Papsch hinter der Kamera und die Tontechniker Christoph Lukasser und Markus Mußhauser), die quasi „vor Ort“ zur Verfügung standen, Pech hatte die Crew dafür mit dem Wetter.

Für Martin Guttner war das Projekt, nach einem kurzen anfänglichen Schock, dass es tatsächlich umgesetzt wird, sehr spannend. Als Bergdoktor möchte er nicht gesehen werden, erzählt er. Zu weit weg von der Realität ist ihm der TV-Held, der schon mal „dem Chirurgen das Messer wegnimmt.“ Das Verschwinden der Landärzte und den Trend hin zu Gesundheitszentren sieht er kritisch und kann nicht verstehen, warum man dieses System der Hausbesuche sterben lässt.

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Wer kennt den Landarzt persönlich? Fun Fact: im zweiten Saal, wo ich selbst mir den Film angesehen habe, waren es noch ein paar mehr.

Auf diese Ausführungen folgt der Ansturm aufs Buffet, dann komme ich noch mit ein paar BesucherInnen ins Gespräch. Die, die ich frage, sind sich einig, der Film hat gefallen. „Es war wie ein Ausflug in meine Kindheit“, meint meine Sitznachbarin. Viele, die sich den Film angesehen haben, kommen aus Oberdrauburg und den umliegenden Gemeinden, nicht wenige kennen Martin Guttner. Auch die, die ihn vorher nicht kannten, lassen sich von dem Film begeistern, sind fasziniert von der harten Arbeit der Bergbauern und nicht zuletzt auch ein bisschen entzückt, so viel Altbekanntes auf der Leinwand erblickt zu haben. Gerührt hat vor allem der einfühlsame Umgang des Arztes mit seinen Patienten und eine Dame findet: „Soane Ärzte brauchat ma mehr.“

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