Frauen arbeiten kürzer und in schlechter bezahlten Branchen als Männer, dadurch ergeben sich im Schnitt hohe Einkommensunterschiede. Foto: Christian Böhm

Frauen arbeiten kürzer und in schlechter bezahlten Branchen als Männer, dadurch ergeben sich im Schnitt hohe Einkommensunterschiede. Foto: Christian Böhm

Frau im Berufsleben – in Osttirol aus Tradition benachteiligt

Karenz und Familienarbeit sind Frauensache. Das erklärt hohe Einkommensunterschiede.

Einmal mehr macht das AMS darauf aufmerksam, dass Frauen auf dem Arbeitsmarkt nicht die selben Chancen vorfinden wie Männer. In Osttirol trifft sich regelmäßig ein Regionalbeirat, in dem neben dem AMS auch die Interessensvertreter sitzen. Dieses Gremium hat sich vor kurzem mit der Situation berufstätiger Frauen in Osttirol beschäftigt und nennt eine Reihe von Ursachen für geschlechtsspezifische Nachteile von Frauen im Berufsleben, die in Summe zu deutlich geringeren Erwerbseinkommen führen.

Zum einen gibt es nach wie vor frauen- und männertypische Berufe. Noch immer entscheiden sich die Hälfte aller weiblichen Lehrlinge für nur drei – tendenziell schlecht bezahlte – Berufe: Einzelhandelskauffrau, Friseurin und Bürokauffrau. Hingegen sind die Top 3 der Lehrberufe von Burschen deutlich besser bezahlt: Metalltechniker, Elektrotechniker bzw. Kraftfahrzeugtechniker. Noch gravierender ist der hohe Anteil von Teilzeitarbeit bei Frauen. Sie arbeiten also nicht nur in schlechter bezahlten Branchen, sondern im Schnitt auch deutlich kürzer.

Das AMS beklagt: „Der im Bezirk Lienz unzureichende Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel, die im Bezirk bestehende Unterversorgung mit bedarfsgerechten Kinderbetreuungseinrichtungen (nur zwölf Prozent der Kleinkinder in institutioneller Betreuung vs. 23 Prozent in Tirol), die vergleichsweise häufigere Betreuung pflegebedürftiger Personen im familiären Bereich (25 Prozent der Pflegebedürftigen in Osttirol werden in Pflegeheimen betreut, in Tirol sind es 35 Prozent) und ein traditionelles Geschlechterrollenverständnis – Karenz und Familienarbeit sind Frauensache – führen zur Benachteiligung.“

Generell verdienen Männer in Osttirol um 42 % mehr als Frauen. Werden nur ganzjährig Vollzeitbeschäftigte berücksichtigt, sinkt der Geschlechterunterschied auf 21 %. Die deutlich geringeren Einkommen von Frauen im Bezirk Lienz sind demnach weniger auf geringere Stundenlöhne als auf ihre eingeschränkte Arbeitszeit zurückzuführen. Das gilt natürlich nicht nur im Bezirk, sondern insgesamt auf dem Arbeitsmarkt. Die interaktive Grafik zeigt, welche Position Osttirol im Tirolvergleich bei folgenden Parametern einnimmt:

  • Erwerbsquote: wieviel Frauen sind überhaupt berufstätig? Schlusslicht ist hier Landeck. In Osttirol sind knapp zwei Drittel der Frauen berufstätig.
  • Teilzeitarbeit: die meisten Teilzeitarbeiterinnen gibt es im Bezirk Imst.
  • Arbeitslosigkeit: auch hier hat der Bezirk Landeck die rote Laterne, gefolgt von Osttirol mit 10,9 Prozent im Jahresschnitt.


Interaktive Grafik! Klick oder Tipp auf die einzelnen Punkte zeigt die konkreten Werte.

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4 Postings bisher
seppl17

Eines fehlt mir bei diesen statistischen Auswertungen immer: Wieviel von den Teilzeitbeschäftigten Frauen wollen gar nicht in Vollzeittätigkeiten, aus welchen Gründen (Steuern/Zeit ec.) auch immer?

senf

titel: frau ... in osttirol aus tradition benachteiligt? ... aus "tradition" ja, hier zeigt sich das wahre gesicht unternehmerischen denkens im bezirk. schon lange vor dem aufkommen des schlagwortes "gewinnoptimierung" hat es die damalig dominante einheitspartei bezirk lienz verstanden, frauen schamlos auszunutzen und sie zu "leibeigenen" zu machen. fürwahr, das ist auch heute noch vielerorts tradition, denn wie kämme man sonst zu solch gravierenden lohnunterschieden und ich behaupte, dass es sogar noch viel krasser ist. bei öffentlich bediensteten (lehrer/innen, beamte, gemeindeangestellten, post-, bahnbedienstete ...) gibt es ja tirolweit keinen einkommensunterschied. die statistik nimmt darauf keine rücksicht, daher dürften ja andere weiblich beschäftigten im bezirk sogar noch weit weniger verdienen als im einkommensdurchnitt errechnet. . vielerorts wird die mindestsicherung oder das "zu hohe arbeitslosengeld" angeprangert und genau dies fördere die faulheit, bequemlichkeit. das mag bei einigen sicher zutreffen, denn es gibt in der gesellschaft leider viele tachenierer/innen, die das ja auch schamlos ausnutzen. ich denke aber, dass die überwiegende mehrheit der menschen - ob jung oder alt - gerne arbeiten um damit ihren lebensunterhalt zu bestreiten . sie wollen arbeiten, sie wollen etwas schaffen um lebensqualität und stabilität zu erreichen - den arbeit ist ja auch ein grundrecht unserer gesellschaft! . ich denke aber auch, dass viele unternehmer (auch innen) die gehälter in vielen branchen gar nicht kalkulieren, sondern spekulativ auf die mindestsicherungssätze aufbauen, weil den leuten "ja eh nichts anderes übrig bleibt", als sich mit den lohnangebot zufrieden zu geben. wohnort, familiäre situationen und ausbildungsgrad sind oft sachzwänge. ich lese diese woche in inseraten von bezirksmedien: rezeptionistin, kellnerin, animateurin, kassiererin am lift ... 40 stunden bei sechstagewoche, zweisprachig, freundlich, verantwortungsvoll, selbstbewusst € 1.200,-- bis 1.250,-- brutto! (nettobetrag entspricht dann etwa der mindestsicherung).

kürzlich hat ein osttiroler medium die frage gestellt, wie so manche politiker hierorts die vielen gut bezahlten ämter und nebenbeschäftigungen in ihren 24-stunden "Arbeitstag" unterbringen und noch dazu effektiv sind oder sein sollten. wahre genies! daraus resultiere ich allerdings, dass unsere bezirkspolitiker für die anliegen der frauen und mütter ohnehin keine zeit mehr haben und daher sich in zukunft am lohnsektor nichts ändern kann. schade, denn ein gerechter lohn motiviert, er steigert die leistung, fördert das gefühl der betriebszugehörigkeit und trägt letztlich maßgeblich zur gewinnoptimierung bei! das sollte sich so mancher unternehmer hier im bezirk in sein stammbuch schreiben! ich kann mir denken, was nun folgt :-)

F_Z

wie ist denn "...vergleichsweise häufigere Betreuung pflegebedürftiger Personen im familiären Bereich (25 % im Bezirk Lienz vs. 35 % in Tirol)" zu verstehen? Vergeleichsweise wären doch 25% weniger als 35%...

    Gerhard Pirkner

    Der Einwand ist natürlich berechtigt. Der Pressetext enthielt einen Fehler, der mittlerweile korrigiert wurde. Korrekt ist: Nur 25 Prozent der pflegebedürftigen Personen in Osttirol werden in Pflegeheimen betreut, in Tirol sind es 35 Prozent.