Gehören Sie zu den Helikopter-Eltern?

Der Autor und Pädagoge Josef W. Kraus erklärt ein aktuelles Phänomen. 

Seit einiger Zeit taucht in den unterschiedlichsten Medien immer wieder der Begriff „Helikopter-Eltern“ auf. Was steckt dahinter und wann bin ich Transport-, Rettungs- oder Kampfhubschrauber? Dolomitenstadt.at traf den Autor Josef W. Kraus, der diesen Begriff im deutschen Sprachraum etablierte und kürzlich in Osttirol zwei Vorträge hielt, um mit ihm über die Schule, Schüler und Eltern zu sprechen. Josef Kraus ist seit 1987 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, er war von 1995 bis 2015 Direktor an einem deutschen Gymnasium.

Herr Kraus, vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben mit mir zu plaudern. Gefällt Ihnen Osttirol?
Ja, sehr. Bis auf das Burgenland waren wir, glaube ich, in Österreich schon in jedem Bundesland zu Gast, aber Osttirol ist schon besonders.

Was bedeutet der Begriff „Helikopter-Eltern“?
Er stammt eigentlich aus Amerika, ich habe ihn also nicht erfunden, sondern einfach übersetzt. Er beschreibt Eltern, die wie Hubschrauber um ihre Kinder kreisen und versuchen, jedes Unheil aus dem Weg zu räumen, lange bevor es passieren kann. Manchmal hört man auch den Begriff Curling-Eltern. Beim Curling wird ja auch mit Besen jedes Körnchen auf der geraden Bahn weggekehrt.

Wie äußert sich das?
Wissen Sie, jede zweite deutsche Hochschule macht inzwischen „Eltern-Schnupper-Wochenenden“ oder „Informationswochenenden für Eltern“. Gerichtet ist das an Eltern von Erstsemestern, die gerne den Uni-Betrieb kennenlernen möchten und weil es nicht geht, dass alle einzeln kommen, werden solche Wochenenden angeboten. An der Hochschule in Freiburg etwa gab es so viele Anmeldungen (4000!), dass ein Stadion angemietet werden musste. Die Eltern möchten ganz genau darüber Bescheid wissen, wie die Anforderungen an ihren Nachwuchs sind und wer unterrichtet, wie benotet wird usw. Wohlgemerkt nicht nur in der Grundschule, an der Universität.

In letzter Zeit werde ich zum Beispiel immer wieder von Fahrlehrern angesprochen. In Fahrschulen greift es  immer häufiger um sich, dass Eltern bei jeder einzelnen Fahrt und – vor allem Väter – bei der Prüfungsfahrt auf dem Rücksitz dabei sein wollen. Solche Beispiele gibt es viele und aus fast allen Gebieten.

Das ist doch nicht ihr Ernst, oder?
Doch, das ist es. Natürlich gibt es noch immer den ganz großen Teil der Eltern, die Erziehung im ausgewogenen Maße betreiben, aber Helikopter-Eltern sind ein zunehmendes Phänomen.

Warum?
Es lässt sich schon vermuten, dass das damit zusammenhängt, dass Frauen immer später und dann oft auch nur ein Kind bekommen. Gerade in sehr gebildeten Familien ist das so. Frauen machen Karriere, bekommen – wenn überhaupt – sehr spät ein Kind und das muss halt dann ein Premium-Kind sein. Von Anfang an auf Perfekt getrimmt. In Deutschland haben wir einen Anteil von 1,35 Kindern pro Frau, bei Akademikerinnen von 0,8. In Österreich dürfte das sehr ähnlich sein.

Natürlich ist es auch so, dass wenn man mit Mitte oder Ende 30 Vater oder Mutter wird, man die natürliche Unbefangenheit eines 25-jährigen Elternteils einfach nicht mehr hat, ja gar nicht mehr haben kann. Man weiß zu viel über die Welt und ihre Schlechtigkeiten. Und man weiß, dass man nur ein Kind haben wird.

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Anja Kofler im Gespräch mit Josef W. Kraus. Foto: Jörg Schnell

Ist das ein europäisches, oder vielleicht ein amerikanisches Phänomen?
Nein, gar nicht. Das hat die ganze Welt erfasst. Mein Buch wurde kürzlich ins Koreanische übersetzt, momentan prüfen wir eine Übersetzung ins Chinesische. Allerdings ist das dort nicht so gerne gesehen auf politischer Ebene. Mein Buch wird dort als Kritik an der chinesischen Ein-Kind-Politik gesehen. Vor zwei Jahren war das zumindest noch so, als wir es zum ersten Mal versucht haben.

In China campieren Eltern die ersten drei Wochen vor den Universitäten und Hochschulen ihrer Kinder, wenn die anfangen zu studieren, um ihnen das Eingewöhnen an die neue Umgebung zu erleichtern.

Gibt es unterschiedliche Helikopter-Eltern?
Ja. Ich habe zwar den Begriff an sich nicht erfunden, aber eine Unterteilung in drei verschiedene Typen geprägt. Die Transporthubschrauber, die Rettungshubschrauber und die Kampfhubschrauber.

Die Kampfhubschrauber scheinen die schlimmsten zu sein?
Die sind für die Schule die Schwierigsten. Aber ich möchte auch festhalten, dass die Ergebnisse von Helikopter-Erziehung nicht nur in den Schulen ankommen, sondern auch in den Hochschulen, bei Kinderärzten, in Lehrbetrieben usw. Helikopter-Eltern wollen überall dabei sein, kommen schon mit einer fertigen Diagnose zum Kinderarzt, wissen ganz genau über den Lehrplan Bescheid und so fort. Am Ende einer Lehre verhandeln sie dann den Übernahmevertrag für das inzwischen volljährige Kind…

Was für Menschen sind Helikopter-Eltern?
Vor allem gibt es das in gebildeteren, wohlhabenden Familien. In gehobenen Wohngegenden. Da macht das, würde ich sagen, einen Anteil von zwanzig Prozent aus. Ein-Kind-Eltern, mit drei oder vier Kindern geht das ja gar nicht mehr. Es kommt auch eher in Ballungszentren als auf dem Land vor. Vermutlich ist die Zahl der Helikopter-Eltern in Osttirol verschwindend gering, hier haben die Menschen eher noch einen bodenständigen, normalen Umgang mit ihren Kindern, vermute ich.

Hat die laufende Bildungsdebatte mit diesem Phänomen zu tun?
Ja, unbedingt. Die OECD oder auch die Bertelsmann-Stiftung in Deutschland sind da sicher nicht unschuldig. Immer wieder hört man, dass Kinder nur eine Chance haben mit Matura und mit Bachelor oder mit Master. Dieses Gerede setzt sich schon auch bei vielen Eltern fest, sodass schon in der Grundschule die Eltern unglaublich darauf schauen, dass das Kind an die AHS kommt, anstelle der neuen Mittelschule. Da wird ein unheimlicher Förderwahn inszeniert.

(ich fühle mich inzwischen ein wenig ertappt…bin ich auch Helikopter? Ich frage ihn…)

Herr Kraus, ich wollte auch, dass unser Sohn aufs Gymnasium geht, obwohl das für ihn umständlicher ist. Macht mich das zur Helikopter-Mutter?
Nein. (er lacht… Gottseidank.) Aber wir bekommen in Deutschland und sicher auch in Österreich viel zu viele Kinder in die AHS gedrängt, für die ein anderer Weg vielleicht der Bessere gewesen wäre. Das Gymnasium war früher mal die Schule für circa zwanzig Prozent der Schüler. In weiten Gegenden Deutschlands ist es heute die Schule für 60 bis 65 Prozent der Schüler. Ich möchte einfach nur deutlich machen, das Gymnasium ist nicht der einzig richtige Weg. Wir brauchen auch Kinder, die eine Lehre machen, nicht nur Akademiker. Sie müssen sich vorstellen, jeder hätte Matura, das wäre doch dann auch wieder so, als ob keiner eine hätte. Letztlich führt das dann wieder dazu, dass die Eltern, die es sich leisten können, ihre Kinder dann halt anstelle vom Gymnasium auf eine teure Privatschule in England oder in der Schweiz schicken…

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