„Eine Rückkehr nach Osttirol halt‘ ich für unwahrscheinlich“

Michael Müller wuchs in Lienz auf und studiert Physik im dritten Semester in Graz.

Begegne ich auf der Straße einem bekannten Gesicht, ist es üblich, dass mein Gegenüber gleich zu Beginn unseres Small-Talks beginnt, von der malerischen Stadt Graz zu schwärmen. Doch bei Michael ist das anders. Auf die Frage, „Wie gefällt dir denn die Stadt?“, meint er, er habe bisher unter der Woche kaum Zeit gefunden, um die steirische Landeshauptstadt zu erkunden. Und am Wochenende? „Da bin ich zu faul.“

Michael ist 19 Jahre alt und studiert mittlerweile im dritten Semester Physik an der Karl-Franzens Universität in Graz. Nach drei Jahren, so der Plan, wird ihm der „Bachelor of Sciences“ verliehen. Der gebürtige Kärntner wuchs in Lienz auf und hat sich nach der Matura am BRG Lienz für den Studienort Graz entschieden, da er sich einerseits sehr für den angebotenen Studiengang in Physik und die darin enthaltene Mathematik interessierte, andererseits habe es auch eine Rolle gespielt, dass seine Eltern und sein Bruder bereits in Graz studierten. Mit letzterem teilt er sich eine Wohnung.

Das Einleben in seinen neuen Lebensabschnitt fiel ihm nicht schwer, versichert er mir. Da Physiker ohnehin eine offene Gesellschaftsgruppe sind, lernte er bereits bei der Gruppenarbeit in der ersten Woche neue Freunde kennen, denn Bekannte sind in diesem Studiengang Fehlanzeige. Sein Interesse für die Welt der Physik wuchs seit Kindesalter mit jedem Jahr und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass Michael seine vorwissenschaftliche Arbeit im Rahmen der Matura einem physikalischen Thema widmete.

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Michael Müller, gezeichnet von Linda Steiner.

Der Neo-Grazer ist schon seit einiger Zeit Mitglied des Österreichischen Weltraum Forums, kurz ÖWF, bei dem er immer wieder im Sommer ein Praktikum in Innsbruck absolviert. Auf die Frage, ob er denn so etwas wie einen „Lieblings-Physiker“ habe, meint er, in der Physik gehe es mehr darum, was man gemeinsam schafft. Man müsse sein Ego nach hinten stellen. Hier fügt er noch ein Zitat von Isaac Newton an: „Wenn ich weiter als andere gesehen habe, dann nur deshalb, weil ich auf den Schultern von Giganten stand.“ Besonders beeinflusst hätten ihn aber Einstein und Kepler. Es wäre nicht abwegig zu glauben, Michael sei ein eingefleischter „Science Busters“-Fan, doch er bevorzugt lieber die „Myth Busters“ auf YouTube.

Auf die Gestaltung seiner Freizeit angesprochen, kramt Michael ein Wörterbuch aus seiner Tasche. Damit spielt er nicht nur darauf an, dass er durch den Lern-Stress kaum Freizeit hat, sondern auch darauf, dass er diese, sollte es sich ergeben, gerne mit dem Lesen von Büchern verbringt. Zu Beginn des ersten Semesters verabredete er sich noch hin und wieder mit einem Freund zum Sportschießen, diese Treffen gehören mittlerweile aber der Vergangenheit an — bedingt durch das viele Lernen. Neue Interessen hat er bisher noch keine gewonnen, vielmehr hat er sein Interesse in die Welt der Wissenschaft vertieft.

In der zweitgrößten Stadt Österreichs vermisst der Wahl-Osttiroler neben der beeindruckenden Kulisse einer Bergkette vor allem das vielseitige Wintersport-Angebot aus der Heimat. Besonders aber weint er der, im Gegensatz zu jener in Graz, geringen Lichtverschmutzung in Lienz hinterher, nutzte er doch bei jeder Gelegenheit sein Teleskop. Dieses durfte deshalb nicht mit ihm nach Graz übersiedeln. Die Galaxie hat ihn schon immer fasziniert und so ist es sein fester Plan, der nächsten Sonnenfinsternis beizuwohnen. Auch die Polarlichter stehen ganz oben auf seiner „To Visit-List“.

Heimweh im Allgemeinen hat er allerdings nicht. „Osttirol ist ja nicht aus der Welt. Ich kann immer heimfahren, wenn ich will“, fügt er augenzwinkernd an. Vor allem die Ferien nutzt der künftige „Bachelor of Sciences“ für Heimatbesuche, bei denen er natürlich immer sein Teleskop in Betrieb nimmt. Eine Rückkehr nach Osttirol beurteilt er jedoch als „sehr unwahrscheinlich“. Aber auch Graz wird nicht seine letzte Station bleiben, hat er doch vor, nach seinem Bachelor- und Master-Abschluss den Doktor-Titel an einer Fakultät im Ausland zu erwerben. „Ich denke da vor allem an Heidelberg und Zürich.“ Die Zeit wird zeigen, ob wir in einigen Jahren die Theorien und Experimente eines dann möglicherweise renommierten Osttiroler Physikers in die Welt tragen werden.


In der Serie “Heimweh?” porträtieren wir junge Menschen aus Osttirol, die außerhalb des Bezirkes studieren oder eine andere Ausbildung absolvieren.

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