„Das Dahoam-Gefühl möchte ich auf keinen Fall missen“

Sylvia Aßlaber aus Matrei macht ihre Master in Architektur und Soziologie an der Uni Innsbruck.

Meine Freundin Sylvia ist eine jener Personen, die ich auch fünf Jahre nach unserem gemeinsamen Schulbesuch in Lienz noch regelmäßig treffe. Wenn sie Ferien hat und von Innsbruck nach Osttirol zurückkehrt, schaffen wir es hin und wieder, entweder in Lienz oder in Matrei, wo sie zuhause ist, gemeinsam Tee zu schlürfen, in Erinnerungen zu schwelgen und uns gegenseitig auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen. So auch in diesen Semesterferien, die sich als die perfekte Gelegenheit für ein Heimweh-Interview entpuppten.

Gerade ist Sylvia dabei, an der Universität Innsbruck ihren Master zu machen. Genauer gesagt macht sie gerade zwei Master: einen in Architektur und einen interdisziplinären Master in Kultur und Sozialer Wandel. Sie hat also bereits zwei Bachelor-Abschlüsse – Architektur und Soziologie – in der Tasche.

Eine interessante Kombination, finde ich. Wie das zusammenpasst? Sylvia muss lachen: „Eigentlich gar nicht“, sagt sie. Trotzdem interessiert sie beides sehr. „Architektur schon lange, ich war immer gern kreativ. Auf Soziologie bin ich dann im Lehrkatalog einer Bildungsmesse aufmerksam geworden.“ Die Entscheidung für eines der beiden Fächer fiel ihr schwer, es wurde aber zunächst Architektur. „Nach dem ersten Jahr stürzte ich dann in eine kleine Architektur-Krise – da ich vor dem Studium keine HTL besucht habe, hatte ich so meine Schwierigkeiten. Ich habe überlegt, ganz auf Soziologie umzusteigen“, verrät mir die 23-Jährige. Stattdessen entschied sie sich aber, Soziologie noch zusätzlich zu belegen – „erstmal versuchsweise“ – und schloss den Bachelor dann in der Mindestzeit ab. Und auch das Architektur-Studium war schließlich ohne HTL-Abschluss machbar, wenn auch mit ungleich mehr Aufwand verbunden. Als besondere Herausforderung stellte sich der prall gefüllte Stundenplan dar: „Da musste ich Prioritäten setzen.“

Tatsächlich gelang es ihr in ihrer Bachelor-Arbeit in Soziologie auch, einiges an Architektur unterzubringen. Sie beschäftigte sich darin mit dem ökologischen Wandel der Stadt, Green Building und Transition Towns – Städte im Übergang zu einer postfossilen Wirtschaft. „Also kann man die Themen schon verbinden“, erklärt Sylvia. Und ab nächstem Semester wird es eine Lehrveranstaltung „Architektursoziologie“ geben – darauf freut sie sich schon besonders.

Sylvia Aßlaber, gezeichnet von Linda Steiner.

An ihrem interdisziplinären Masterstudium gefällt ihr, dass der soziologische Blickpunkt durch verschiedene andere Blickrichtungen aufgefächert wird. „Unsere Zugänge kommen aus den verschiedensten Fächern, wie etwa Politikwissenschaften und sogar Theologie.“ Außerdem haben die Studierenden die Möglichkeit, Praxisluft zu schnuppern. Sylvia interessiert sich besonders für die Arbeit in sozialen Einrichtungen und erzählt mir von einer Institution, die geflüchteten Frauen Kinderbetreuung bietet, während diese zum Beispiel Deutschkurse besuchen. Da gibt es aber natürlich auch noch ihr Architektur-Masterstudium. Daran mag sie es besonders, an der Ausarbeitung fiktiver Projekte zu feilen. „Dabei müssen wir uns sehr konkret in den Kontext hineinversetzen.“ Fragen wie „Was wird an Bauplatz benötigt?“ und „Wie sieht die gestalterische Umsetzung aus?“, stehen hier an der Tagesordnung. Überdies sind die Themengebiete sehr breit gefächert. Von Städtebau bis Innenraum, von allem ist etwas dabei.

Nach Innsbruck, wo sie sich eine WG mit ihrem Bruder teilt, hat es Sylvia vor allem aus dem Grund verschlagen, dass die Stadt sehr nahe ist und sie diese auch vor ihrer Studentenzeit schon oft besucht hat. Auch den eher künstlerischen Zugang der Uni Innsbruck zur Architektur fand sie ansprechend. Mit ihrer Wahl ist sie zufrieden. „Ich bin gern in Innsbruck, die Stadt ist nicht zu groß, die Berge sind in der Nähe und trotzdem gibt es ein großes kulturelles Angebot.“ Der Abschied von zuhause fiel ihr anfangs zwar schwer, trotzdem freute sich Sylvia auf die aufregende neue Zeit. Schnell lebte sie sich ein, durch viele Gruppenarbeiten im Studium knüpfte sie neue Kontakte, und so kam es, dass die Heimatbesuche schon bald nicht mehr jedes Wochenende, sondern nur noch alle paar Wochen stattfanden.

„Ich komme aber immer wieder gern nach Hause.“ An Osttirol schätzt Sylvia die Ruhe und die unmittelbare Nähe zur Natur. „Und natürlich auch meine Familie und die alten Freunde, die ich hier treffe. Nicht zu vergessen das gute Essen von Mama.“ Alles in allem beschreibt sie ein „Dahoam-Gefühl“, das sie hier immer wieder bekommt und auf gar keinen Fall missen möchte.

Wie sind nun also Sylvias Zukunftspläne? Zunächst will sie ihr Masterstudium abschließen. In Soziologie steht die Masterarbeit an und „aus dem Architektur-Master nehme ich noch mit, was ich gut brauchen kann.“ Noch immer ist sie etwas zwiegespalten, ob sie schlussendlich einen Beruf in der Architektur oder doch im gesellschaftlichen Bereich anstreben will. Sollte es Architektur werden, möchte sie in den Innenraumbereich gehen, vielleicht nach Wien. Auf jeden Fall möchte Sylvia bald ins Berufsleben einsteigen. „Ich mag das aufregende Studentenleben zwar, aber schön langsam freue ich mich doch auf ein geregeltes Arbeitsleben.“

Könnte sich dieses Leben vielleicht in Osttirol abspielen? „Fix ist nix“, meint Sylvia lapidar und wir beide brechen in Gelächter aus. Dann wird sie wieder ernst. „Nicht in naher Zukunft“, verrät sie und erzählt, dass sie auch mit dem Gedanken spielt, längere Zeit im Ausland zu verbringen. Mit höherem Alter ist eine Rückkehr für sie aber auf jeden Fall vorstellbar, allerdings werden bei dieser Entscheidung verschiedene Faktoren mitspielen. Beruflich findet sie Osttirol für sich nicht optimal, zum Aufwachsen sei es aber ein toller Ort, für Kinder wäre es super. Ihr Resümee: „Irgendwann könnte es mich vielleicht schon wieder herziehen.“


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