Man lädt mich ein, Deutscher zu werden. Will ich das?

Marcus G. Kiniger lebt seit neun Jahren in Hamburg und fragt sich, ob er zum Deutschen taugt.

Hamburgs Erster Bürgermeister hat mir geschrieben. Olaf Scholz will mich haben. Er schlägt mir vor, ich solle doch Deutscher werden. Das hätte Vorteile für mich. Unter anderem, dass ich nicht nur Steuern zahlen müsse, sondern auch via Wahl darüber mitbestimmen könnte, wie diese Steuern verwendet würden. Da bin ich wiederum skeptisch.

Auch deshalb, weil ich Olaf Scholzens Worten spätestens seit dem etwas in die Hose gegangenen G20-Gipfel nicht mehr so recht trauen kann. Dennoch, anschauen wollte ich mir die Sache. So ganz unverbindlich. Was das bedeuten würde, in meinem Fall.

Gute Frage. Was hieße das für mich? Denke ich an meine Heimat Tirol, ist Deutscher zu sein von gar zweifelhaftem Wert. Würde ich also zum Deutschen, bedeutet das, ich würde in Tirol automatisch zum Piefke, Büffel oder Marmeladinger, oder was auch immer der reichhaltige österreichische Schimpfwortkanon nicht noch so hergeben mag? Nicht sehr erstrebenswert.

Andererseits, gerade in Osttirol gibt es ein paar sprachliche Hinweise, die nahelegen, ich sei möglicherweise schon deutsch. So „bedeitscht“ man jemandem etwas, wenn man sehr klar seine Meinung zum Ausdruck bringen will. Diesem „Bedeitschen“ sah ich mich öfters ausgesetzt. Auch nicht selten hörte ich die Selbstbezeichnung mancher, die auf die Frage nach der eigenen nationalen Zugehörigkeit recht unumwunden sagten: „Mir san deitsch“. Der inflationäre Gebrauch des Begriffs „Sahne“ auf Tiroler Speisekarten scheint zusätzlich eine bundesdeutsche Grundtendenz des Tirolers an sich zu offenbaren. Irritierend, zugegeben, ohne Frage.

Post vom Bürgermeister: „Wenn Sie gefragt werden, wo Sie zu Hause sind, dann … “ Foto: Marcus Kiniger

Die deutsche Sprache sei Grundvoraussetzung, um ein deutscher Staatsbürger zu werden. Ausreichende Sprachkenntnisse sind gefordert. Was wiederum zum Problem werden könnte, da ich mich trotz schon neun Jahren ungestörten Aufenthalts – acht Jahre sind ein weiteres Kriterium der Einbürgerung – standhaft weigere, Bundesdeutsch zu sprechen. So sage ich nach wie vor „Stiege“ statt „Treppe“, „Kübel“ anstelle von „Eimer“ und nicht „Feudel“ zum „Putzfetzen“.

Was bei meinen deutschen Mitmenschen durchaus zu einiger Verwirrung führt. Ich bilde also sprachlich eine österreichische Parallelgesellschaft, wenn auch als Einzelperson. Meiner Liebsten habe ich aufgetragen, mir schwungvoll eine runter zu hauen, sollte ich jemals „da kann ich nichts für, da hab‘ ich nichts von“ in meinen Sprachgebrauch einfließen lassen.

Mir scheint, ich bin assimilierungsresistent. Ganz besonders in Hinblick auf die auch geforderten „Kenntnisse der Rechts- und Gesellschaftsordnung sowie der Lebensverhältnisse in Deutschland“. Letztere haben eine etwas abschreckende Wirkung auf mich. Wäre ich etwa als Deutscher gezwungen, Kleidungsstücke oder gar Handtücher über alle erdenklichen Sitzgelegenheiten zu breiten? Oder mit Mainzer oder Kölner Narrenkappe behütet schunkelnd Büttenreden über mich ergehen zu lassen? Oder gnadenlos jedwedes Liedgut zuverlässig rhythmusfern nieder zu klatschen? Das möchte ich nicht. Auf keinen Fall.

Dolomitenstadt-Autor Marcus Kiniger lebt seit neun Jahren in Hamburg. Foto: Expa

Um sicher zu gehen, was ich denn muss, habe ich mich belesen. Handtücher und Narrenkappe so wie schlechtes Klatschverhalten sind nicht gefordert. Dafür würde ich getestet. Ganz ähnlich wie in Österreich auch, mit Bundesland spezifischer Ausrichtung. Was wohl den Sinn hat, eine mögliche Identifikation mit dem jeweiligen Wohnort abzufragen. Beim deutschen Test war ich ganz gut, und fand, das will ich jetzt auch auf Österreichisch wissen.

Der Tiroler Test lief für mich ausreichend gut, auch wenn ich da nicht eine so hohe Punktezahl wie in der Hamburger Version erreichte. Was vor allem daran lag, dass ich nicht wirklich vertraut mit geographischen Fragen wie dem Verlauf des Inns oder Gipfelhöhen war. Spaßeshalber versuchte ich mich auch am Burgenländer Test, der mich mit der überraschenden Information beglückte, dass wohl offensichtlich nach wie vor Heinz Fischer und nicht Alexander Van der Bellen amtierender österreichischer Bundespräsident sei.

Was wiederum den Verdacht nahe legt, im österreichischen Testfall will man gar nicht, dass wer Staatsbürger wird. Da kann ich ja froh sein, dass ich die österreichische Staatsbürgerschaft schon habe, will ich sie doch auch behalten. Denn so gerne ich auch in Hamburg lebe, zum Deutschen bin ich nicht geboren.

Weil ich Erdäpfel lieber mag als Kartoffeln, weil Palatschinken mit Marillenmarmelade Pfannkuchen mit Aprikosenkonfitüre um Längen schlagen, weil mir Josef Hader näher ist als Mario Barth. Weil ich nicht aus meiner österreichischen Haut kann und will. Weil es schön ist, mich als ein Tiroler Europäer mit Wiener Wurzeln frei in Europa bewegen und niederlassen zu können, wo ich will. Ohne meine nationale Identität aufgeben zu müssen. Sorry Olaf.

P.S.:

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Scholz,

sollte mir aufgrund der schlechter ausgefallenen Tiroler und Burgenländer Testergebnisse die österreichische Staatsbürgerschaft aberkannt werden, komme ich gerne auf Ihr freundliches Angebot zurück,

mit freundlichen Grüßen

Marcus G. Kiniger

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3 Postings bisher
Kilian1990 vor 4 Monaten

Total unnötige Story. Kann mir nicht vorstellen, dass das wen interessiert.

hunter vor 4 Monaten

... ehrlich, wen interessiert ein marcus. g. kiniger ??

Danny vor 4 Monaten

Schau Marcus! Ich lebe auch schon lange als Deutsche in Österreich.Habe aber keine Vorteile ,wenn ich die österreichische Staatsbürgerschaft annehme.Bei Wahlen ist es sicher so,das ich nicht überall mitmachen kann und Wählen darf. Aber ich kann darüber diskutieren ,ob ich das so hinnehme oder nicht.Heimat ist Heimat