Von der Lanzenspitze bis zur Lauschtour-App

In Aguntum wurden spannende Grabungsergebnisse und Zukunftspläne präsentiert.

Am 18. August endet die Grabungssaison in Aguntum. Insgesamt sieben Wochen lang arbeiteten unter der Leitung von Michael Tschurtschenthaler insgesamt 30 Forscher – davon zehn vom „Stammpersonal“ der Uni Innsbruck – und Studenten unermüdlich daran, Licht in die Vergangenheit des Municipiums Claudium Aguntum zu bringen, der einzigen römischen Stadt auf Tiroler Boden.

„Wir haben uns mit der Universtität Innsbruck, dem Denkmalamt und anderen Institutionen zusammengesetzt und Dringlichkeitsstufen festgesetzt,“ erläutert Leo Gomig, Obmann des Vereins Curatorium Pro Agunto und freut sich, dass dieses Jahr die Hälfte der als Dringlichkeitsstufe 1 bewerteten Arbeiten mit „nur“ 300.000 Euro, weit weniger als ursprünglich bemessen, abgeschlossen werden konnten. Die Kosten übernehmen je zur Hälfte das Bundesdenkmalamt und der Bund. Es gibt bereits die schriftliche Zusage für die Finanzierung weiterer Projekte. Nicht das Graben selbst, aber die Sanierung der Substanz sei sehr kostenintensiv, erklärt Gomig.

„Jeder Archäologiestudent in Innsbruck muss mindestens einmal in Aguntum gegraben haben,“ erklärt der Grabungsleiter.

Seit 1991 ist das Institut für Archäologien der Universität Innsbruck mit den Forschungen betraut. Inzwischen ist Aguntum fixer Bestandteil des Lehrplans der Universität Innsbruck und somit sind die Ausgrabungen auf längere Zeit gesichert. „Jeder Archäologiestudent in Innsbruck muss mindestens einmal in Aguntum gegraben haben,“ schmunzelt Tschurtschenthaler. Der Fokus der diesjährigen Grabungen und Sanierungen lag auf drei Objekten des antiken Stadtzentrums: dem Forum, dem Prunkbau und der „Decumanus Maximus“ – der Hauptstraße.

Im Jahr 2008 begann man mit der Freilegung des Forums, das schon zu Beginn der Stadtgeschichte, also um 50 n. Chr. errichtet wurde. Das Zentrum der Anlage bildet ein fast 1000 m2 großer quadratischer Platz, der „Hauptplatz“ der Stadt. Hier wurden Geschäfte verhandelt, man traf sich zum Tratschen oder um Mühle zu spielen. Unter zahlreichen anderen Funden wurde auch ein Spielstein aus Glaspaste entdeckt.

Kein Grabungsobjekt, sondern ein originelles Ausstellungsstück eines Nordtiroler Künstlers „testen“ Leo Gomig und Werner Lamprecht: Eine täuschend echt aussehende Matratze aus Stein.

Um den Platz reihen sich viele Räume ähnlicher Größe aneinander, die wenigen größeren Räume waren besser ausgestattet, besaßen massive Mörtelböden und sogar bunt bemalte Wände. Nächstes Jahr werden die Forschungen im Forum fortgesetzt und man hofft, mit Hilfe der sogenannten „Tatortarchäologie“ einige Rätsel lösen zu können. Wo zum Beispiel ist der Brand ausgebrochen, der in der Mitte des 3. Jahrhunderts das Forum zerstörte?

Anfangs des 2. Jahrhunderts war der Wohlstand der Bevölkerung gestiegen und man beschloss, für die Verwaltung und Gerichtsbarkeit, die ursprünglich im Forum untergebracht war, ein eigenes Haus zu errichten. Das gesamte prunkvolle Gebäude war mit einem Marmorfußboden ausgestattet und dieses Jahr konnten riesige Marmorblöcke gefunden werden. Wie wurden die an die 1000 kg schweren „Deko-Steine“ aus Krastaler Marmor von der Villacher Gegend zu uns verbracht? Die Römer benutzten gerne Wasserwege, also, vermutet Tschurtschenthaler, wurden die Blöcke eventuell drauaufwärts getreidelt.

Diese bronzene Speerspitze gibt den Forschern Rätsel auf.

Am unteren Ende der Marmorstiege wurde heuer ein höchst mysteriöser Fund getätigt: eine absichtlich, vielleicht sogar kultisch vergrabene bronzene Lanzenspitze. Wahrscheinlich diente sie kultischen Zwecken oder war Teil einer Statue. Waffen wurden damals nämlich nicht aus Bronze, sondern aus dem viel härteren, stahlähnlichen „Ferrum Noricum“ gefertigt. Vielleicht gehörte die Lanze zur Statue  eines römischen Kaisers oder gar der Göttin Minerva? Die Grabungen am Prunkbau wurden in dieser Saison abgeschlossen. Ein Teil des Gebäudes reicht unter das Flussbett des Debantbaches und wird wohl unerforscht bleiben.

Grabungsleiter Michael Tschurtschenthaler erläutert die nächsten Schritte, Vereinsobmann Leo Gomig hat bereits die nötigen Finanzmittel organisiert.

Nächstes Jahr wird die Spurensuche fortgeführt. Die römischen Ruinen sind seit dem 16. Jhd. bekannt, seit 112 Jahren wird hier wissenschaftlich geforscht und doch konnte bis heute nur ein Bruchteil der einstigen Stadt untersucht werden. Unzählige Schätze liegen noch unter den Wiesen verborgen. Wie viele Menschen tatsächlich in Aguntum gelebt haben, kann Tschurtschenthaler daher auch heute noch nicht sagen.

Die Römerstadt wieder mit Menschen zu beleben – zumindest mit Tagesbesuchern – möchte der Verein Curatorium Pro Agunto mit zahlreichen Vorhaben, um die gesamte Anlage noch attraktiver zu gestalten, hauptsächlich mit Hilfe von Fördermitteln der Europäischen Union. Das Projekt „Archäologischer Landschaftspark“ mit Pflegekooperation durch die LLA-Lienz wird fortgesetzt, der Kreisverkehr Richtung Iselsberg wird gestaltet und noch in diesem Monat wird die „Lauschtour“ fertiggestellt.

Mit dem Smartphone werden die Besucher vom Museum durch den neuen 9000 m2 großen Park am Grabungshaus vorbei zur neuen Aussichtsplattform unter der Brücke geleitet, von einer Lauschstation zur nächsten. „Auf einmal fängt dann das Handy einfach zu erzählen an,“ ist Gomig begeistert. Zusätzliche Rastplätze werden den Parkcharakter verstärken und zu längerem Verweilen an diesem landschaftlich und kulturell einzigartigen Ort einladen. Auch das Museum soll aufgepeppt werden. Zukünftig können Kinder nachspielen, wie ein römischer Kran oder eine Fußbodenheizung funktionieren. Gemeinsame Projekte mit dem Nationalpark und ein Intereg-Projekt mit dem Cadore sind in Vorbereitung.

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