„Das Ziel kann ruhig zu hoch gesteckt sein.“

Thomas Geierspichler sprach in Lienz über die Kunst, sich selbst zu motivieren.

Mit einem Vortrag von Paralympics Olympiasieger Thomas Geierspichler ging die diesjährige Veranstaltungsreihe des Projekts „Vordenken für Osttirol“ vergangenen Freitag zu Ende. Geierspichler sitzt seit mehr als 20 Jahren im Rollstuhl und hat erreicht, was vielen Menschen unerreichbar erscheint. Im gut besuchten Festsaal des BG/BRG Lienz schilderte er, wie er sein Handicap in einen Turbo verwandelte und sich jeden Tag neu motiviert.

Alles, was Geierspichler am 4. April 1994 um circa halb fünf Uhr morgens wahrnimmt, sind Lichtreflexionen, Rauchschwaden und ein sonderbares Kribbeln, das von den Beinen aus den Körper hoch klettert. Nach einer durchzechten Nacht ist er als Beifahrer bei hoher Geschwindigkeit gegen ein Betongeländer geprallt und seither querschnittsgelähmt.

„Es ist nichts Verwerfliches daran, sich unrealistische Ziele zu setzen.“ Thomas Geierspichler hat erreicht, was vielen unerreichbar scheint. Foto: Brunner Images

„Kampftrinken und Kampfkiffen gehörten in den Jahren nach dem Unfall zu meinem Alltag“, so der „Anifer Bauernbub“, als den er sich heute noch sieht. Auch Koks und LSD probiert er aus. Ein Nachmittag bei Bekannten – bekennenden Christen – bringt schließlich den Turnaround. „Als ich hinfuhr, hatte ich Bedenken wegen dem ganzen Gott-Gedöns“, gibt Geierspichler zu. Die aufrichtige Frage des Gastgebers, wie es ihm denn tatsächlich gehe sowie das nicht Akzeptieren der Antwort „Passt schon!“ lösen ein Umdenken aus. Er gewöhnt sich zunächst das Rauchen ab, lässt die aufgestauten Gefühle hervorbrechen und kanalisiert sie beim Hanteltraining und bei Liegestützen zu neuer Lebensenergie.

Geierspichler findet seine Vision, als er 1998 die Olympischen Spiele in Nagano am Fernsehschirm mit verfolgt. „Als sie für Olympiasieger Hermann Maier die Bundeshymne spielten, nur wenige Tage nach seinem verheerenden Abflug in der Abfahrt, da hatte ich Gänsehaut und Tränen in den Augen. Ich dachte mir, dieses Erlebnis, dass für mich die Bundeshymne gespielt wird, will ich auch einmal haben“, so der Sportler.

„Es ist nichts Verwerfliches daran, sich unrealistische Ziele zu setzen“, ist der Salzburger überzeugt. Ganz im Gegenteil: „Man sollte sich Ziele immer höher stecken, als sie erreichbar scheinen.“ Nur so sei es möglich gewesen, dass für den Anifer Bauernbub 2004 bei den Paralympics in Athen anlässlich des Gewinns der Goldmedaille über 1.500 Meter tatsächlich die Bundeshymne gespielt wurde.

Was Geierspichler als Rennrollstuhlfahrer erreicht hat, sei auch auf Beruf und andere Lebensbereiche umlegbar. „Du musst wissen, wo du stehst und wohin du willst. Das Ziel kann ruhig zu hoch gesteckt sein. Die Route wird dann ohnehin automatisch berechnet“, fasst Geierspichler sein persönliches Erfolgsrezept zusammen.

Wilfried Kollreider, Leiter der AK Bezirksstelle Lienz sowie Gastgeber der Veranstaltung, leitet aus Geierspichlers Vortrag wertvolle Anregungen zur Stärkung der Region Osttirol ab: „Als Region müssen wir den Mut aufbringen, grenzenlos und ohne Tunnelblick zu denken.“ Er erkennt viele positive Impulse in der Region. Sein persönliches Fazit: „Osttirol darf sich nicht mit Minimalzielen zufrieden geben und aus Angst vor dem Scheitern sowie vor gesellschaftlicher Rechtfertigung die Ziele zu niedrig stecken“, so Kollreider.

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bk1

Hut ab vor diesem Mann! Ein richtiger Kämpfer! Voll motivierend dieser Typ!!!