ÖGB Tirol: Die Lehre soll wieder attraktiver werden

16 Forderungen vom kollektiven Mindestlohn bis zu Kostenübernahme für B-Führerschein. 

Bei einem Pressegespräch im Gasthof Kirchenwirt stellten Willi Lackner, ÖGB-Vorsitzender der Region Lienz, Philip Wohlgemuth, Vorsitzender des ÖGB Tirol und Benjamin Praxmarer, Landessekretär des ÖGB Tirol, am 22. November das 10-Punkteprogramm des ÖGB Tirol zur Aufwertung der Lehre vor. Ziel sei, die Lehre vor allem gesellschaftspolitisch aufzuwerten – im Klartext, sie attraktiver zu gestalten.

Eingangs wartete Willi Lackner mit einigen Zahlen zum Bezirk Lienz auf: Positiv sei die ausgewogene Verteilung der Lehrlinge auf die verschiedenen Sparten: Gewerbe & Handwerk (27,3 Prozent) und Industrie (27,8 Prozent) machen hier den größten Teil aus, gefolgt von Tourismus & Freizeitwirtschaft mit 21,9 Prozent und dem Handel mit 14,1 Prozent. Der Rest der Lehrlinge verteilt sich auf die Sparten Bank & Versicherung (2,3 Prozent), Transport & Verkehr (3,6 Pozent) und Information & Consulting (3,0 Prozent). Allerdings seien auch hier, wie in ganz Tirol, wo es in den vergangenen zehn Jahren ein Minus von 3.000 Lehrlingen gab, die Lehrlingszahlen rückläufig: 2015 gab es in Osttirol 820 Lehrlinge, im Jahr 2009 waren es noch 955.

V.l. Benjamin Praxmarer, Landessekretär des ÖGB Tirol, Philip Wohlgemuth, Vorsitzender des ÖGB Tirol und Willi Lackner, ÖGB-Vorsitzender der Region Lienz, stellten 16 Punkte vor, die die Lehre attraktiver gestalten sollen. Foto: Dolomitenstadt/Unterwurzacher

Philip Wohlgemuth betont, dass das Thema Lehre eines der wichtigsten für den ÖGB darstelle. Um der schwierigen Situation am Lehrstellenmarkt beizukommen und die Lehre nicht nur potenziellen Lehrlingen, sondern auch deren Eltern wieder schmackhafter zu machen, arbeitete der ÖGB Tirol ein 10-Punkte-Programm mit in Summe 16 konkreten Forderungen aus, das politischen EntscheidungsträgerInnen übermittelt wird. „Wir wollen der Politik direkte Vorschläge unterbreiten“, erklärt Wohlgemuth.

Als finanziellen Anreiz solle es einen kollektiven Mindestlohn von 700 Euro pro Monat für Lehrlinge im ersten Lehrjahr geben, der in den Folgejahren um jeweils 200 Euro steigt. Die Kosten für den B-Führerschein sollten von der öffentlichen Hand übernommen werden, öffentliche Verkehrsmittel sollten für alle Lehrlinge – unabhängig von deren Alter – kostenfrei sein. In landeseigenen und landesnahen Einrichtungen sollten 50 zusätzliche Lehrstellen geschaffen werden.

Die Bildungs- und Berufsorientierung solle ausgebaut und bereits ab der ersten Bildungsstufe angeboten werden. Auch die Lehrabschlussprüfung soll reformiert werden. „25 Prozent aller Lehrlinge schaffen die Prüfung beim ersten Antreten nicht.“ So sollte laut ÖGB die Lehrabschlussprüfung in den Fachberufsschulen abgehalten werden – im gewohnten Umfeld der Lehrlinge, wo diese mit den Arbeitsgeräten vertraut seien. Eine freiwillige Zwischenprüfung während der Lehrausbildung soll die Möglichkeit bieten, das eigene Wissen zu testen. Positiv abgeschlossene Zwischenprüfungen sollen bei der Abschlussprüfung angerechnet werden.

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4 Postings bisher
Churchill

Ja, ich finde die Lehre wichtig und man müsste sie tatsächlich stärken und erneuern, aber diese Forderungen der ÖGBler halte ich für absolut abstrus und jenseitig.

"Als finanziellen Anreiz solle es einen kollektiven Mindestlohn von 700 Euro pro Monat für Lehrlinge im ersten Lehrjahr geben, der in den Folgejahren um jeweils 200 Euro steigt."

Und das völlig branchenunabhängig? Also egal ob Schlosser oder Friseur? Mit so einer Maßnahme werden bestimmt keine neuen Lehrstellenplätze geschaffen, sondern eher vernichtet. Wer soll das zahlen? Gerade in Osttirol! Jeder Unternehmer wird sich 2x überlegen, ob er einen Lehrling einstellt..

Und die Kosten für den B-Führerschein sollen von der öffentlichen Hand bezahlt werden? Vielen Dank für den Vorschlag, lieber ÖGB, aber mir hat auch niemand anderer den Führerschein bezahlt und ich habe auch nicht vor, jemandem anderen den Führerschein zu bezahlen. Ich hätte einen Gegenvorschlag: Der B-Führerschein wird auf Kosten des ÖGB finanziert? Meinetwegen sollen Lehrlinge die von Berufswegen einen B-Führerschein brauchen, wie z.B. Auto-Mechaniker, einen Zuschuss bekommen.

Und dann sollen auch noch die Öffis gratis sein. Der Vorschlag für sich allein genommen wäre wohl sehr lobenswert, aber im Zusammenhang des gesamten Kontextes ist das einfach nur komplett verblendet. Vor allem weil die ganzen Lehrlinge, die ohnehin den Führerschein gezahlt kriegen, dann sowie so nicht mehr den Bus nehmen, sondern mit dem Auto kommen. [Also mal ganz davon abgesehen, dass der durchschnittliche Lehrling ohnehin seine Lehre vor (oder kurz nach) dem 18. Lebensjahr abgeschlossen hat und er dementsprechend seinen "Gutschein für 1x Führerschein" i.d.R. erst NACH der Lehre einlösen würde]

Populistische Forderungen vom feinsten. Glauben die Herren Gewerkschafter ernsthaft, dass die Menschen dieses "wir schenken euch etwas, das wir euch vorher aus der Tasche gezogen haben"-Spielchen nicht durchblicken?

So weit weg von der Lebensrealität. Also mich wundert überhaupt nichts mehr, schon gar nicht die Wahlergebnisse. Bei solchen Forderungen! Und das sei den FSGlern ins Stammbuch geschrieben und doppelt unterstrichen.

Historisch haben Gewerkschaften Großes geleistet und viel bewegt. Zählen sich doch, gerade für die ArbeiterInnenbeweung, zu einer der größten Errungenschaften. Die Ahnväter der Arbeiterbewegung dürften sich im Grab umdrehen.

Ernstl

Der gratis Führerschein kann sicher nicht die Lösung sein. Wer soll das denn bezahlen? Ausserdem hat die SPÖ diese FPÖ-Idee vor kurzem in Wien abgelehnt. Besser für Lehrlinge wären Investitionen in Ausbildung, Freizeit, Sport bzw. Versicherungserleichterungen. Warum soll ein Lehrling bei einer KFZ-Versicherungsstufe 9 einsteigen? Manche Menschen in diesem Land zahlen keine motorbezogene Steuer, bekommen eine Wohnung gestellt, Kindergeld, kostenlosen Rechtsbeistand und auch noch eine künstliche Befruchtung wenns sein darf. Wer kümmert sich eigentlich WIRKLICH um Österreichs zukünftige Arbeiter?