„Die Kraft des Ortes ist da, wenn man sie lässt.“

Vordenken für Osttirol: „Dorfpapst“ Gerhard Henkel referierte über die Zukunft der Dörfer.

Mit Gerhard Henkel holte das Regionsmanagement Osttirol einen ausgewiesenen Experten auf dem Gebiet der Regional- und Gemeindeentwicklung nach Osttirol. Die Süddeutsche Zeitung bezeichnet ihn als „Dorfpapst“ – Henkel befasst sich seit Jahrzehnten mit der historischen und aktuellen Entwicklung des ländlichen Raumes. Seine Erfahrungen teilte er im Rahmen des Vortrags „Lebendige Dörfer? – was nun zu tun ist!“ in der Arbeiterkammer Lienz mit Osttiroler BürgerInnen, BürgermeisterInnen und PolitikerInnen.

„Dorfpapst“ Gerhard Henkel befasst sich seit Jahrzehnten mit der historischen und aktuellen Entwicklung des ländlichen Raumes. Fotos: Brunner Images

Als Einstieg in das Thema bot Henkel einen kurzen Abriss über die Entwicklung der letzten Jahrzehnte, die in ganz Mitteleuropa ähnlich verlaufen sind. Dabei wurde deutlich, dass sich in den Dörfern im Bereich der Basisinfrastruktur sehr viel getan hat, dass das Dorf aber Lebendigkeit eingebüßt hat. Dies ist auch auf die Osttiroler Dörfer übertragbar. Dass das Dorf und damit der ländliche Raum jedoch Zukunft hat, daran hatte der Experte keinen Zweifel. Als Argument führte Henkel die überdurchschnittliche Geburtenrate am Land, den hohen relativen Wohlstand (Eigenheimquote von circa 80 Prozent) und die Zufriedenheit der Dorfbewohner mit ihrer Wohnumgebung ins Treffen. Für den Humangeograph ist das Dorf ein „Erfolgsmodell für Anpack- und Problemlösungskultur, wenn man seine Bürger auch lässt.“

Bei aller Begeisterung für den ländlichen Raum sprach Henkel auch deutlich die bekannten Probleme wie Leerstand, Bevölkerungsrückgang und Verlust an Einrichtungen der Daseinsfürsorge an. Er nimmt diesbezüglich die Landes- und Bundespolitik in die Verantwortung und fordert diese auf, den Gemeinden Spielraum zur kreativen Selbstverwaltung zu geben. Die Gemeindeführungen animiert er, dem modernen Leitbild vom Bürger als Partner zu folgen. Die Herausforderungen könnten heute nicht ohne das Mitwirken der Bürger gelöst werden, meint der Experte.

Die im Anschluss an die Präsentation vorgestellten Osttiroler Beispiele sollten zeigen, was möglich ist, wenn sich Bürger beteiligen. Marianne Holaus aus Kals schilderte ihre Erfahrungen aus dem kirchlichen Bereich. Als der Pfarrer ausfiel und sich eine Lücke auftat, wurde diese durch ehrenamtliches bürgerschaftliches Engagement geschlossen. Vieles entwickelte sich, wovon einiges bis heute Bestand hat. Mit Albert Pichler (Regionalenergie Osttirol) und Manfred Schneider (Defregger Machlkammer) gaben zwei Obleute erfolgreicher Osttiroler Initiativen Einblicke in die kritischen Erfolgsfaktoren für Initiativen und Projekte, die aus der Dorfgesellschaft wachsen.

V.l. Wilfried Kollreider, Referent Gerhard Henkel, Klaus Unterweger, Marianne Holaus (Kals) , Albert Pichler, RMO-Obmann Dietmar Ruggenthaler und Manfred Schneider.

„Erfolgreiche Kooperationen bündeln ihre Kräfte und verschwenden sie nicht in internen Streitigkeiten, denn jeder hat nur ein begrenztes Maß an Energie“, so Schneider. Weiters sieht der Obmann der Machlkammer eine gewisse Offenheit und Neugier als Basis für die Entwicklung von interessanten Produkten und Projekten. Albert Pichler betonte, dass es meist auch eine Portion Mut brauche, wie er aus seiner Erfahrung aus den Gründungsjahren der Regionalenergie weiß.

Klaus Unterweger, ehemaliger Bürgermeister von Kals, schärfte nochmals die Betrachtung des partnerschaftlichen Zusammenspiels zwischen Bürgern und Gemeinde. Verantwortungsvolle Gemeindeführung erkenne zum einen, dass die Kraft vom Volk ausgeht. Sie ermögliche Partizipation und Engagement, sei sich aber auch ihrer Verantwortung bewusst und setze bei Bedarf steuernde Akzente.

In der Abschlussrunde brachte es Marianne Holaus mit einem Zitat von Molière – ganz im Sinne des Vortragsthemas – nochmals auf den Punkt: „Wir sind nicht nur verantwortlich für das was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“

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