Wiegenlied unter Pferdehufen – die Kunstinstallation von Katarina Schmidl nahe dem Kosakenfriedhof in Lienz/Peggetz. Alle Fotos: Brunner Images

Wiegenlied unter Pferdehufen – die Kunstinstallation von Katarina Schmidl nahe dem Kosakenfriedhof in Lienz/Peggetz. Alle Fotos: Brunner Images

Leises Erinnern an die hilflosesten Opfer des Krieges

Gemischtes Publikum für Katarina Schmidls Kunstinstallation beim Kosakenfriedhof.

Die Eröffnung der Kunstinstallation von Katarina Schmidl (hier ein Porträt) am Samstag, 2. Juni beim Friedhof der Kosaken in der Peggetz ging so über die Bühne, wie das Projekt auch konzipiert war: als ein leises, sensibles Erinnern und Erinnertwerden an jene Menschen, die einem Krieg am hilflosesten ausgeliefert sind – Frauen und Kinder.

Die Künstlerin Katarina Schmidl stammt aus Heiligenblut und lebt in Wien.

„Es ist genau deswegen kein großes, in Stein gemeißeltes Denkmal“, sagte dazu Ingeborg Erhart, Kuratorin und Geschäftsleiterin der Tiroler Künstlerschaft, und „es steht auch nicht nur für die kosakischen Frauen und Kinder, die hier 1945 ihr Leben verloren haben, sondern es erinnert genauso an jene im heutigen Sudan oder Syrien“, erinnerte Heidi Fast von der Stadtkultur Lienz. Die kyrillische Schrift des russischen Wiegenliedes „Schlaf mein Kind, ich wieg dich leise, bajuschki-baju“ in unmittelbarer Nähe des Kosakenfriedhofs stellt dennoch unübersehbar die Verbindung her zu den tragischen Ereignissen, die sich hier vor 73 Jahren abspielten.

Ingeborg Erhart, Kuratorin und Geschäftsleiterin der Tiroler Künstlerschaft, Stadtkulturchefin Heidi Fast, Professor Harald Stadler und die Künstlerin Katarina Schmidl.

Diese Erinnerungskultur liegt vor allem Harald Stadler am Herzen. Der Professor für Archäologie an der Universität in Innsbruck ist seit 2016 auch Obmann des Vereins zum Gedenken an die Lienzer Kosakentragödie vom 1. Juni 1945. Seine Arbeit, die mit Ausstellungen, Vorträgen und wissenschaftlicher Forschung für diese Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eintritt, wurde bei der anschließenden Gedenkfeier mit einem Ehrenzeichen gewürdigt. Ein weiteres wurde Tamara Handlechner, der Nachfahrin einer Kosakenfamilie aus Salzburg, von Hermann Hotter, dem Präsidenten des Tiroler Kameradschaftsbundes, überreicht.

Hermann Hotter, Erzdiakon Georg Kobro und Tamara Handlechner, Nachfahrin einer Kosakenfamilie auf der Schwelle der Kosakenkapelle in der Peggetz.

Neben interessierten Einheimischen, Vereinsmitgliedern, Vertretern einer Soldatenkameradschaft und des Vereins „Österreichisches Schwarzes Kreuz“, für den Erika Pätzold für die Pflege und Erhaltung des Friedhofs sorgt, waren es vor allem viele Kosaken, die hauptsächlich aus Deutschland angereist kamen und mit den farbenfrohen Uniformen und Trachten der Don-, Kuban- und Uralkosaken ihre Zugehörigkeit zu ihrer Kultur zeigten. In allen Gesprächen mit ihnen wurde betont, wie wichtig es für sie ist, diese Traditionen der Kosaken weiterleben zu lassen, auch wenn ihre Nachkommen über die ganze Erde verstreut leben.

Der Chor des BORG-Lienz intoniert ein russisches Wiegenlied.

Damit man das Wiegenlied nicht nur als künstlerische Intervention auf dem Drauradweg sondern auch akustisch wahrnehmen konnte, wurde „Schlaf mein Kind, ich wieg dich leise, bajuschki-baju“ vom Chor des BORG-Lienz unter der Leitung von Mathias Thum am Wegesrand intoniert.

Auch Peter Kai, der im Lungau lebt, hat kosakische Wurzeln.

Etwas befremdlich hingegen wirkte für viele das Auftreten einer Gruppe der „Nachtwölfe“, die mit ihren schweren Motorrädern und dem schwarzen Lederoutfit vorerst nur an ein russisches Pendant der Hells Angels erinnerten. Die „Nachtwölfe“, ein 1989 gegründeter Biker- und Rockerclub, gelten allerdings inzwischen auch als stark nationalistisch, anti-westlich und homophob. Ihre Teilnahme an der Gedenkfeier begründeten sie jedoch mit ihrem starken christlich-orthodoxen Glauben, den sie sofort unter Beweis stellten, als sie sich vor Erzdiakon Georg Kobro, der die orthodoxe Gemeinde Lienz betreut, ehrfürchtig verneigten und sich segnen ließen. Er tat es mit einem Lächeln.

Slideshow: Brunner Images

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3 Postings bisher
Churchill vor 2 Wochen

Wie konnte man eigentlich Dr. Alfred Fast dazu überreden, sich als russisch-orthodoxen Geistlichen zu verkleiden? 😜

freieinfoo5 vor 2 Wochen

Die Tragödie der Kosaken in Lienz ist hinlänglich dokumentiert. Aber darf man sich auch einmal fragen, warum es zu jener Tragödie gekommen ist? Die erste Kosaken Division diente seit 1943 der deutschen Wehrmacht / dem Nazi Regime. Im November 1944 unterstand die Kosaken Division dann direkt der Waffen SS. Nach dem Rückzug aus Stalingrad bekämpften die Kosaken vor allem antifaschistische Gruppierungen in Ex Jugoslawien und wurde durch eine Vielzahl von Kriegsverbrechen, durch Plünderungen, Vergewaltigungen und Erschießungen im jugoslawischen Aufstandsgebiet, bekannt.

In Lienz treffen sich also im Jahr 2018 unter offizieller Beteiligung der Stadt, sowie des Borg Lienz, diverse Gruppierungen und eine Gedenkveranstaltung wird in ein Kunstprojekt verpackt.

Die Teilnehmer setzen sich aus österreichischen, serbischen und russischen Kameradschaftsbündlern, sowie othodoxen Klerikalen zusammen, dazu offizielle Vertreter der Stadt und des Landes. Die von Dolomitenstadt veröffentlichen Bilder dokumentieren dies eindringlich. Das im Artikel verwendete Wikipedia Zitat zu einer dieser Gruppierungen sei hier nochmals wiederholt: Der Club der Nachtwölfe gilt gegenwärtig als nationalistisch, anti-westlich, christlich-orthodox und homophob.

Im Gedenkjahr 2018 eine solche Veranstaltung durchzuführen ist beschämend. Organisiert die Stadt Lienz auch eine Veranstaltung um den Opfern des Nationalsozialismus zu gedenken?

    Churchill vor 2 Wochen

    Dem kann ich nur voll und ganz zustimmen. Eine Gedenkveranstaltung für gefallene Angehörige der Waffen-SS wäre undenkbar für jeden Menschen, der normal im Hirn ist, aber den Kollaborateuren des NS-Regimes zollt man feierlich Respekt. Selbstverständlich ist das Schicksal der Kosaken ein tragisches und das Vorgehen der Briten ist genauso wie das stalinistische Verbrecherregime keineswegs gutzuheißen, aber ein bisschen mehr aufgeklärtes, geschichtsbewusstes Denken wäre hier schon wünschenswert! Aber der gelernte Österreicher kann sich bestimmt gut mit der (fragwürdigen) Opferrolle der Kosaken identifizieren und wird natürlich ohnehin mit einem "davon haben wir ja nichts gewusst!" antworten.