Abschiebung statt Lehre: Wenn Integration nichts wert ist

Ashi aus Pakistan über sein neues Leben in Österreich und die Hürden eines Asylverfahrens.

Integration ist der Schlüssel zum Erfolg. So zumindest hört man es tagtäglich von Politikern aller Farben. Wer die österreichischen Werte anerkennt, sich für die österreichische Kultur interessiert, die deutsche Sprache erlernt und versucht, seinen Platz in der Gesellschaft einzunehmen, der soll in Österreich bleiben dürfen. Und so, sollte man meinen, muss es in einer demokratischen Gesellschaft auch funktionieren.

Die Realität ist eine andere. Wir sitzen in der Küche der Bachlechners. Neben uns blubbert es in einem riesigen Topf. „Italienisches Sugo“, erklärt die ehemalige Besitzerin des Wirtshaus Faschingalm auf meinen fragenden Blick hin. Ich bin etwas zu früh – Ashi, der Grund warum ich hier bin, ist noch beim Essen. Die dunklen, schulterlangen Haare hat er sich zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sein linkes Ohr ziert ein Ohrring. Während Anni mit mir sofort zu schwatzen anfängt, ist er anfangs eher ruhig und hört lieber aufmerksam zu.

Ashi kam vor drei Jahren nach Österreich und macht gerade eine Tischlerlehre im Betrieb Tschapeller. Fotos: Dolomitenstadt/Ressi

Vor drei Jahren ist Ashi als Flüchtling nach Österreich gekommen. Er ist ein Ausnahmefall – auf Initiative von Bettina Bachlechner, die sich aktiv in Flüchtlingsheimen einsetzt, nahmen ihn ihre Eltern privat bei sich auf. Pflegemutter Anni Bachlechner, die der Pakistani zuweilen auch „Omilein“ nennt, kann sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen: „Der Ashi ist mein Liebling. Er ist wie ein Familienmitglied“. Als der junge Mann verlegen lacht, neckt sie: „Wersch jetzt rot?“

Nach langem Warten hat Ashi auch eine Lehrstelle bekommen. Da Tischler zurzeit ein Mangelberuf ist, darf er auch ohne positiven Asylbescheid im Betrieb Tschapeller eine Ausbildung machen. Auch seine Lehrlingskollegen halten zu ihm, wie ich an der fröhlichen und kollegialen Stimmung bei meinem Besuch in der Firma sofort bemerke.

Der große Rückhalt kommt jedoch nicht von ungefähr: Ashi ist freundlich und fleißig. Er hilft, wo er kann. Der Gaimberger Bürgermeister Bernhard Webhofer, für den der Flüchtling bei Gemeindearbeiten ausgeholfen hat, kann das bestätigen. Auch die Tschapeller-Chefs Harald und Andrea Miglar haben den jungen Pakistani in ihr Herz geschlossen und versuchen alles Menschenmögliche, um ihn in Osttirol zu halten.

Muss das sein? Anfangs sträuben sich die Jungs etwas gegen ein Gruppenfoto. Dank Ashis Überredungskünsten lassen sie sich aber dann doch gemeinsam ablichten.

Ein schwieriges Unterfangen, wie sich herausstellt. Bereits zweimal hat Ashi einen negativen Asylbescheid erhalten. Seine Integrationsnachweise scheinen auf das Asylverfahren keinen Einfluss zu haben. Eine schockierende Erkenntnis, nicht nur für Ashi: „Alle die mich kennen, versuchen erst gar nicht mehr, Deutsch zu lernen. Sie sagen: ‚Wenn du es nicht schaffst, dann schaffen wir es schon gar nicht.‘“

Auch der pädagogische Leiter des Flüchtlingsheims Dölsach, Martin Angermann, kann diese Beobachtung bestätigen: „Es gibt eigentlich nur ein wesentliches Kriterium im Asylverfahren, und zwar die nachweisbare Schutzwürdigkeit. Die wird so interpretiert, dass es Beweise für eine Bedrohungslage im Heimatland oder zumindest im Ort geben muss – nämlich nachweisbar – beziehungsweise eine Bedrohungslage gegenüber diesem Menschen geben muss, damit er ein Anrecht auf Asyl oder subsidiären Schutz hat.“

Wenn sich Flüchtlinge auf die Reise ins Ungewisse aufmachen, nehmen sie nur das Allernötigste mit. An die Mitführung von Beweisen denkt nur selten jemand. Auch Ashi konnte lange keinen Nachweis für seinen Fluchtgrund vorlegen. Erschwert wird sein Fall, da Pakistan nicht offiziell als „Kriegsland“ gilt.

„Ich bin mein Leben lang eine stolze Österreicherin gewesen. Und heute frage ich mich: Was passiert da in unserem Land?“ Andrea Miglar hat Ashi ebenfalls in ihr Herz geschlossen.

Vor zwei Wochen hatte Ashi seine letzte „Einvernahme“, wie die Interviews seit neuem genannt werden. Erst kürzlich hat er Informationen aus seiner Heimat erhalten, die ihm diesmal Hoffnung auf einen positiven Bescheid geben. Noch ist allerdings Warten angesagt. „Keine Neuigkeiten sind keine schlechten Neuigkeiten“, meint Andrea Miglar optimistisch. Trotzdem, der Fall Ashi hat ihr Weltbild verändert.

„Ich bin mein Leben lang eine stolze Österreicherin gewesen. Und heute frage ich mich: Was passiert da in unserem Land? Was machen wir mit Menschen, die in Not sind? Und wie wird mit denen umgegangen, die ihnen helfen wollen?“


Pakistan ist seit Jahrzehnten von Korruption, religiösen Konflikten und Terroranschlägen geprägt. Taliban und IS geben sich die Klinke in die Hand. In dem Dorf, aus dem Ashi stammt, wurden innerhalb weniger Monate sechs Anschläge verübt. 500 Menschen sind dabei ums Leben gekommen.

Zum Thema „Ausbildung statt Abschiebung“ gibt es eine Petition, die der oberösterreichische Integrationslandesrat Rudi Anschober initiierte und die bereits 55.000 UnterstützerInnen hat, darunter viele Prominente aus allen Lebensbereichen, aber auch viele Unternehmen, die Lehrlinge in Mangelberufen dringend brauchen.

Hier der Link zur Petition „Ausbildung statt Abschiebung“ 

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6 Postings bisher
wolf_c

... alle blau schwarz türkisen Wähler sollten sich fragen wie weit die Werte ihrer Führer die ihren sind: ist Zynismus gut, folgt ihnen, ist Rücksichtslosigkeit gut, folgt ihnen, ist Verachtung gut, folgt ihnen, ist das EGO first euch lieb und teuer, so folgt ihnen, denn unser Kanzler und seine Genossen sind recht taub und blind was soziale Gemeinschaft betrifft ...

neutral

https://www.orf.at/#/stories/2448574/ ... dazupassende Meinungen zu diesen Themen von honorigen Personen ... Die Türkisen (ehemals Schwarze) haben sich politisch weit von christlich-sozialem Denken und Handeln entfernt - haben sich das ihre Wähler so vorgestellt?!

hannes

Hallo, an alle....

wenn Österreich so einen tollen Menschen wie Ashi abschieben will , dann gute Nacht. Ich kenne nicht nur Ashi sehr gut, auch die Bachlechners...

Wer immer morgen noch Innenminister ist, es gäbe eine ganz einfache Regelung: Humanitäres Bleiberecht.... aber unsere 'Regierungspartei' muss ja lieber AFD Mitglieder einladen...

Freunde, wollt Ihr alle lieber tolle, tolle Typen ( ich kenne durch unsere Schule mehrere ), aus Syrien, dem Sudan, aus Pakistan etc., die arbeiten wollen, die sich integrieren, abschieben, und lieber herumgröhlende, vorbestrafte ( ! ) Afd- ler..... als Werbung für Osttirol nutzen ? ( Ich bin anscheinend wirklich im falschen Film )

John Lennon: I hope I'm a dreamer, but I hope I'm not the only one..

hannes schwarzer

    F_Z

    Hallo, Wenn du morgen Innenminister wärst, wer würde denn dann entscheiden wer unter das humanitäre Bleiberecht fällt, und wer nicht?

      Franz Brugger

      Es scheint, dass die Entscheidungen von weisungsgebundenen Beamten getroffen werden.

      Der Innenminister verkriecht sich da wohl, auch sein Vorgänger.........

    Sonnenstrahl

    Yes, you are not the only one... Im also a dreamer... Denn - ob es um den tollen Menschen Ashi oder um die tolle Familie Magomedov geht... sie alle sind Menschen, die im Begriff sind, sich bei uns gut zu integrieren bzw. sich schon bestens in unseren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen einzugliedern versucht haben - und das sehr erfolgreich!!! Zudem: Wir brauchen Menschen wie sie, Menschen, die bereit sind, ihren Beitrag zu leisten in unserem System. Das ermöglicht auch uns ein Leben in relativem Wohlstand (denn ohne Zuwanderer, die hier arbeiten und Abgaben leisten wird unser Land nicht mehr lange das leisten können, was bislang "normal" war).