Oliver in Frankreich: Kultur pur und viel guter Wein

Durch die Grand Nation radelte unser Reisender streckenweise mit einem Bein.

Diesmal lassen wir Oliver Deutsch von seiner Tour Mediterraneo aus der eigenen Perspektive erzählen. Denn die Radreise im September durch Frankreich beschreibt der Lavanter Musiker und Koch so lebendig und atmosphärisch, dass wir dem nichts hinzuzufügen haben. Hier ist Olivers Bericht:

Am 16. August erreichte ich um 7.00 Uhr in der Früh die zweitgrößte und älteste Stadt Frankreichs: Marseille, 600 Jahre vor Christus durch griechische Seefahrer gegründet. Schon nach den ersten Eindrücken im Hafen blickte ich gelassen auf die nächsten Tage. Eine schöne, multikulturelle Stadt! Ich drehte eine Runde im Viertel, schaute mir Notre Dame de la Garde an – ein Wahrzeichen! – und war erleichtert, wieder normale Preise im Supermarkt zu sehen. Einkaufen auf Korsika war nicht gerade billig.

Alter Hafen von Marseille. Links das Museum für Zivilisationen Europas und des Mittelmeers. Im Hintergrund am Berg das Wahrzeichen Notre Dame de la Garde.

Inspirierend fand ich den orientalischen Markt, das angesagte Quartier Thiers mit seinen Cafes, Kunstgeschäften und Streetart und allem voran das Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers im alten Hafen. Es wurde 2013 gebaut, als Marseille Kulturhauptstadt war und ist weltweit eine Topadresse unter den Museen. Am Abend spielte auf der Terrasse ein Sommerkino! Nach lehrreichen Tagen in Marseille bin ich dann weiter Richtung Norden bis nach Cavaillon geradelt.

Ein kleines Handwerksfest in einem Dorf nahe Cavaillon.

Endlich wieder schöne Fahrradwege, die sich durch kleine Dörfer schlängeln, wo am Wochende im Sommer witzige Feste stattfinden. Oder Flohmärkte, auf denen man schöne, ausgefallene Stücke finden kann. Ich hätte da Manches gefunden, musste mir einen Kauf aber verkneifen, weil ich den Platz auf dem Rad für den Proviant brauche.

Zuerst war der Plan, gemütlich der Rhone entlang nach Lyon zu radeln und dann weiter bis Dijon. Aber im Flachland bläst meist ein Mordswind aus der Gegenrichtung. Auf den ewig geradeaus laufenden Straßen glaubt man teilweise, man steht. Bei Valréas bin ich deshalb kurz entschlossen in die Berge abgebogen. Zu hundert Prozent die richtige Entscheidung! Die Alpen sind einfach ein tolles Gebirge. Angenehme Steigungen, Fahrten durch Canyons, Wälder und wunderschöne Wiesenlandschaften. Ein Traum zum Wandern! Die Dörfer und die Gegend waren der Wahnsinn. Bei Verclause hab ich dann zwei Tage auf einem sehr ruhigen, schönen Campingplatz (in Frankreich nicht so teuer wie in Italien) etwas am Berg gelegen verbracht. Nur leise hörte man die Straße unten im Tal.

Statt dem Gegenwind im Flachland zu trotzen, hab ich es vorgezogen, ins Gebirge abzubiegen.

Nicht nur die Campingplätze sind in Frankreich sauber. Auch sonst sieht man wenig Müll. In den Nationalparks sowieso nicht. Extrem sauber überall! Unglaublich schön, durch diese Landschaft mit ihren markanten Gipfeln zu fahren. Mit Umbrien sicher das Schönste bis jetzt auf meiner mittlerweile schon recht langen Reise. Zum zweiten Mal seit ich unterwegs bin, hat mich der Regen erwischt. Sehr ungemütlich, wenn in der Nacht noch alles feucht ist. Im Dörfchen Lus san Croix Hout – ein Ferienort im Sommer und Winter – bin ich deshalb einen Tag länger geblieben als gedacht. Ich hab mein Zeug trocknen lassen und mein Fahrrad bekam eine neue Kette. In diesem Dorf gibt es ein sehr gutes Fahrradgeschäft. Das Beste: Beim Fahrradmechaniker und seinen Freunden war ich am Abend noch zu einer Hausparty eingeladen! Essen, trinken, alles aus der unmittelbaren Umgebung – ein Fest.

Eine Hausparty beim Fahrradmechaniker in Lus san Croix Hout – und ich war eingeladen.

Dann der Wermutstropfen: Beim Fahren meldete sich plötzlich mein Knie. Ich hatte mir offenbar eine Sehne überdehnt und zum Glück eine längere Pause in Dijon eingeplant. Es gab also Hoffnung auf Besserung. Bis Grenoble hab ich’s noch ganz gut geschafft, danach tat das Knie schon richtig weh, so sehr, dass ich bei steilen Bergauf-Passagen mein Rad schieben musste. Bei Chélieu nahe Lac de Paladru war ich dann aus den Alpen draußen und auf der Geraden ging es halbwegs wieder. Ich bin allerdings mehr oder weniger mit einem Bein gefahren und kam so schließlich nach Lyon.

Lyon. Im Hintergrund Notre Dame de Fourvière.
Lyon an der Rhone.
Büchermarkt in Lyon.

Die Stadt liegt an der Rhône und der Saône. Schon beim Reinfahren dachte ich mir: „Was für eine schöne Stadt!“ Lyon ist für seine Schönheit bekannt – und für Paul Bocuse, der erst vor Kurzem starb und die französische Küche revolutioniert hat. Er gilt seither als einer der besten Köche des 21. Jahrhunderts. Wegen Paul Bocuse hab’ ich zum Kochen angefangen. Er hat in Lyon drei Restaurants in bester Lage und ist auch sonst allgegenwärtig. Schön, dass ich einmal hier war und das gesehen habe.

Ein Tempel der Kochkunst – Das Restaurant von Paul Bocuse.

Die Franzosen kommen mir reservierter vor als die Italiener, mehr auf Abstand bedacht, trotzdem aber sehr nett. Sie haben ein sehr feines Gefühl für das Elegante. Das fängt bei der Architektur an und geht über Geschirr, Möbel, Essen, Trinken bis hin zur Mode. Alles hat Stil und Kultur, auch der Umgang mit Gästen im Restaurant. Sehr charmant! Da kann man sich einiges abschauen. Nach zwei Tagen mit langen Spaziergängen, Lesen am Fluss und Tee trinken hab ich die Stadt verlassen und bin weiter Richtung Norden geradelt, immer der Săone entlang nach Mâcon und schließlich Dijon. Endlich Ruhe, nicht nachdenken, wo man übernachtet, kein Zelt auf- und abbauen! Zwei Wochen hab ich mich bei meiner alten Freundin Johanna Pidner – stammt aus Osttirol, wohnt aber schon seit sieben Jahren in Dijon – einquartiert. Danke Johanna und Jérémy. Es war fantastisch!

Jérémy, Oliver und Pepe beim Nationalspiel Petanque.

Das heißt aber nicht, dass ich in Dijon untätig war. Ich fand endlich wieder Zeit zum Kochen und Musik machen und hab Petanque gespielt, ein Nationalsport in Frankreich und eine große Sache, die sogar im Fernsehen übertragen wird! Bei Biobauer Fred hab ich mit Jérémy Karotten geerntet, danach gab's immer ein Bier. Highlight waren aber fünf Tage Weinlese im Weingut Christian Clerget. Eine supernette Familie! In den Weinbergen zu arbeiten war traumhaft, zumal wir Glück mit dem Wetter hatten. Wenn die ersten Sonnenstrahlen des Tages den Frühnebel auflösen und es langsam warm wird – ist das ein schöner Moment! Bei guter Fernsicht konnte man sogar ganz klein den Mont Blanc sehen.

Karottenernte bei Biobauer Fred.

Wir haben alle zusammengeholfen und waren voll motiviert. Viele arbeiten bei der Weinlese nicht nur wegen des Geldes, sondern weil das Tradition hat. Wir waren 25 Leute und haben in fünf Tagen 35 Tonnen Weinreben geerntet. Daraus werden rund 20.000 Liter Wein gekeltert. Jeder hat 32.000 Reben geschnitten – und das ist ein eher kleines Weingut. Um 7.00 Uhr ging's mit einem Kaffee los, um 9.00 Uhr gab es eine Jause mit allem was man sich so wünscht – inklusive dem ersten Becher Wein des Tages. Das Mittagessen um 13.00 Uhr wurde von einer eigenen Köchin zubereitet, mit drei Gängen, immer sehr gut und natürlich begleitet von gutem Wein. Gearbeitet wurde bis 18.00 Uhr. Schon am zweiten Tag spürt man diese anstrengende Arbeit im Kreuz. Das Weingut liegt etwas außerhalb von Dijon im Dorf Vougeot (Côte-d’Or). In dieser Zeit konnten wir auch manchmal bei Jérémy und seiner Oma im Haus übernachten. Am Abend gab es Essen von der Oma – und Wein.

Nach fünf Tagen war die Arbeit getan und ich war glücklich, aber auch traurig, weil die schöne Zeit vorüber war. Zum Abschluss gab es ein großes Fest mit Musik, Tanz und viel Wein! Alles vom Feinsten. Da werden dann die feinen Tropfen rausgeholt! Ich hab dort so nette Menschen kennengelernt, zum Beispiel Yves, der auch die Weinlese gemacht hat, viel mit seiner Frau reist und Fahrradtouren macht. Er hat mir das Rad durchgecheckt, alles geputzt, neue Bremsen eingebaut und mir Tipps für die weitere Tour durch Frankreich gegeben. Wenn auch nur für kurze Zeit – es war gut, wieder einen Alltag zu haben. Ich fühlte mich in Dijon wirklich wie daheim und hätte ohne weiteres dort bleiben können. Fast wär ich auch geblieben. Hilft aber nichts – ich hab ja einen anderen Plan und will weiterkommen Richtung Süden.

Es war aber hart, wieder aufzubrechen. Es dauerte zwei Tage, bis ich wieder im alten Fahrradtrott war. Mein Knie war geheilt und dank Yves änderte ich die Route, entlang am Canal de Bourgogne, dann querfeldein über Avallon bis zur Loire, die noch ein wilder Fluss ist. Über Gien, Orléans und Beaugenci bin ich dann bis Tours geradelt. Der Loire und den bekannten Fahrradweg R 6 entlang gibt es jede Menge Schlösser – und Atomkraftwerke. Die Campingplätze liegen hier meist direkt am Wasser. Es gibt Obst und Nussbäume neben der Strasse – für Fahrradfahrer zur freien Entnahme!

Gien an der Loire.

Der Radweg R 6 geht quer durch Europa vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer! Da die Nächte schon merklich kälter wurden, das Wetter für die nächsten Tage nicht gut vorhergesagt war und ich es eilig hatte, wieder nach Süden zu kommen, hab ich mich entschlossen, den Zug nach Bordeaux zu nehmen. Dort hab ich zwei Tage verbracht und bin dann weiter nach Arcachon an der Küste geradelt. Atlantik, yeah! In der Nähe gibt es dort die größte Wanderdüne Europas, die Dune du Pilat. Sehr beeindruckend! Kann man sich schon mal anschauen. Im Sommer ist hier anscheinend einiges los, jetzt im Herbst nicht mehr so viel.

Die Wanderdüne von Arcachon.

Das war’s dann vorerst mit Frankreich. Es hat mir – trotz manchem Sprachproblem – sehr gut gefallen. Das ist natürlich zu einem gigantisch großen Teil den Leuten in Dijon zu verdanken. Es war aber sonst auch sehr interessant und schön! Auf dem Rückweg werde ich sicher nochmal einen Stopp einlegen.

Jetzt kommen schon die Pyrenäen näher! Mein nächster längerer Aufenthalt ist dann in San Sebastián in Spanien. Bis dahin liebe Grüße in die Heimat. Ich melde mich wieder. Euer Oliver.

Alle Stationen der Tour Mediterraneo auf einen Klick!

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2 Postings bisher
bb

Wunderbar zu lesen, macht Lust sich gleich in den Süden aufzumachen... Danke!

Kapatieme

He , weiter so das macht richtig Lust es nachzumachen!