Morgens. Kurz vor dem Aufbruch in Léon. Fotos: Oliver Deutsch

Morgens. Kurz vor dem Aufbruch in Léon. Fotos: Oliver Deutsch

Viva España! Oliver Deutsch auf dem Jakobsweg

Unser Radfahrer besucht auf dem Weg nach Galizien auch Santiago de Compostela und wird zum Pilger.

Die letzten Kilometer in Frankreich hat unser Reisender schnell hinter sich gebracht. Flach, geradeaus, durch endlose Wälder und an Austernfarmen vorbei geht es für den Musiker und Koch aus Lavant auf seiner Tour Mediterraneo. Recht langweilig, findet er, eine Empfehlung gibt er dennoch ab: „Für Surfer gibt’s einige Hotspots – wer sich’s leisten kann!“

Über die Pyrenäen – „Langsam, aber doch ging es bergauf“, lacht Oliver – erreicht er schließlich die Stadt San Sebastiàn in Spanien. Gerade noch rechtzeitig zum renommierten San Sebastiàn Film Festival, allerdings zu kurzfristig, um noch spontan ein Ticket für einen der dort gezeigten Filme zu ergattern. „Das Ambiente mit Hollywoodstars in der Stadt war trotzdem spannend“, meint Oliver.

Bei schönem Wetter spielt sich in San Sebastiàn alles am Strand ab.

Und mit dem Landwechsel geht auch ein Sprachwechsel einher: „Gut, dass ich die Leute wieder besser versteh’ und mich auch nicht schlecht verständigen kann. Mit der spanischen Sprache komm’ ich ganz gut zurecht.“ San Sebastiàn hat zwei wunderbare Buchten mit klarem Wasser, eine Insel und die Altstadt mit gemütlichen Cafés unter Baumalleen lädt auch zum Verweilen ein. Bei schönem Wetter spielt sich allerdings alles am Strand ab. Drei Tage verbringt Oliver in San Sebastiàn, dann bricht er auf, weiter in die Berge und ins Baskenland, meist direkt neben der Auobahn oder der Schnellstraße – aber immer auf Radwegen.

Nächster Halt: Mirande de Ebro – wir erinnern uns, der Ebro ist neben dem Po der einzige Fluss, in dem die riesigen Süßwasserwelse vorkommen. Hier schnappt sich unser Reisender einen Pilgerausweis, auch Credencial genannt, um zwei Euro. Damit kann er nun in Herbergen und Klöstern entlang des Jakobswegs günstig übernachten. Im Zelt wird es nämlich mittlerweile nachts recht frisch. „Letztens hatten wir in den Bergen in der Früh nur sechs Grad“, erzählt Oliver. Nun ist Oliver also ein Pilger und radelt den Französischen Jakobsweg entlang bis nach Santiago de Compostela. Und das liegt bekanntlich in Galizien, also genau auf seinem Weg. Und auf dem Französischen Jakobsweg ist viel los!

Miranda de Ebro
In den Pyrenäen

Beim nächsten Stopp, in Burgos, verbringt Oliver zum ersten Mal die Nacht in einer Pilgerherberge. Wie es sich dort so übernachtet? „Man bekommt in einem großen Schlafsaal ein Stockbett für eine Nacht zugewiesen. Es gibt zwei bis drei Duschen, manchmal auch eine Küche und Toiletten. Wie ein Hostel, nur noch einfacher. Und strenger! Um 22 Uhr ist Nachtruhe, morgens muss man spätestens um 8 Uhr wieder draußen sein. Kostet so sechs Euro.“ Dann gibt es noch die Klöster. „Hier bezahlt man, so viel man kann. Es ist immer viel los und morgens wird man von der schönsten Kirchenmusik geweckt.“ Ein Tipp von unserem Pilger: „Ohne den Ausweis kommt man hier nicht rein. Und Ohropax sind ein wichtiges Utensil!“

Ab Burgos reist Oliver dann fernab der großen Straßen und es geht gemütlich weiter. Die Pyrenäen sind inzwischen auch schon überquert. Auf einer Hochebene auf rund 1000 Höhenmeter radelt der Reisende einsame Straßen entlang. Logbuchartig beschreibt er: „Hier ist es so ruhig, man hört nur den Wind. Sehr außergewöhnlich! Ist mir noch nie so stark aufgefallen. Wüstenähnliche Gegend.“

„Hier ist es so ruhig, man hört nur den Wind.“

Immer wieder trifft Oliver auch auf Pilger. Schwitzend und humpelnd sehen manche von ihnen schon ziemlich abgekämpft aus. Und auch unser Radler hat so seine Probleme: „Mein Hinterreifen schaut nicht mehr so gut aus. Profil hat er schon länger keins mehr.“ So versucht Oliver, sich nicht direkt am Jakobsweg, sondern etwas abseits, auf asphaltierten Straßen zu halten. „Durch die karge Landschaft zu fahren, ist wunderbar. Am Tag haben wir 25 Grad, nachts und in der Früh ist es sehr kalt“, beschreibt Oliver. Er durchquert kleine Dörfer, die hinter sanften Hügeln auftauchen. Die Landschaften ändern sich stetig.

Und wie ist das Pilgerleben so? „Man ist drin in diesem Rhythmus, der Tag plätschert dahin, am Nachmittag kommt man an, sucht sich eine Bleibe, schaut den Ort an, essen, und am nächsten Tag alles wieder von vorne. Wenn man mit einer Welle von Pilgern mitgeschwemmt wird und alles so diszipliniert vonstatten geht, hat das wirklich einen anderen Wert, es ist was besonderes. Kann ich jedem nur empfehlen.“

Auf einem Straßenfest in Léon erfreuen allerlei Köstlichkeiten Herz und Gaumen des Lavanter Kochs.
Der höchste Punkt der Pyrenäen liegt auf 1600 Höhenmeter.

Castrojeriz, Sahagún, León, Murias de Rechivaldo, Ponferrada, Triacastela, Portomarin und Arzúa sind die nächsten Stationen. Nach Léon kommt Oliver zum zweiten Mal in die Pyrenäen. Hier werden Erinnerungen an Italien wach: ganz schön steil! Der höchste Punkt der Tour liegt auf 1600 Höhenmeter. „War zwischendurch ziemlich zach.“ In Galizien wird es dann wärmer und vor allem wieder grüner. „Die haben viel Wald, Bäche und sehr viel Hügel!“, beschreibt Oliver. Nette Begegnungen mit anderen Pilgern, Einheimischen und Hippies runden Olivers Reise ab. „Es ist wirklich interessant, schließlich macht jeder den Weg aus einem anderen Grund.“

Nach zehn Tagen erreicht Oliver dann das Ziel des Jakobswegs: die Kathedrale in Santiago de Compostela. „Den Weg bin ich schön langsam gefahren. Fünfzig bis sechzig Kilometer, dafür aber jeden Tag.“ In Santiago schlägt Oliver ein paar Tage lang sein Lager auf. Hier sitzen Pilger am Platz vor der Kathedrale, umarmen sich und denken über das Erlebte der vergangenen Wochen nach. Oliver hingegen hat noch ein paar Kilometer vor sich – sein Ziel liegt in Marokko.

Geschafft! Die meisten Pilger haben ihr Ziel in Santiago de Compostela erreicht, für Oliver geht es noch viele Kilometer weiter.

Der Jakobsweg hat auch ein paar Ausläufer: zum Beispiel zum Kap Finisterre. Die alten Römer sahen darin das westliche Ende der Welt, für manche ist das Kap das „richtige“ Ende des Jakobswegs. Natürlich hat auch Oliver das Kap nicht ausgelassen! Genausowenig wie Muxía und A Coruña im Norden Galiziens.

A Coruña beschreibt er als eine Stadt, die einem größer vorkommt als sie eigentlich ist, mit Hafen und Meer, einigen Stränden und gemütlichen Kneipen. „Hier hat’s mir gut gefallen“, schwärmt der Koch: „Bestes Seafood! In Galizien ist ja Pulpo, also Oktopus, die Spezialität! Hab ich eigentlich immer selbst gemacht, entweder mit Spaghetti oder als Salat.“ Viel Zeit verbringt er in A Coruña mit der Suche nach einem neuen Hinterreifen. „So kann man eine Stadt auch gut kennenlernen! Es gibt hier viel zu sehen, auch das Umland ist sehr schön. Und das wichtigste: Mit neuem Reifen bin ich jetzt wieder sicher unterwegs!“

Der Hafen von A Coruña.
A Coruña. Promenade am Hafen.
Leuchtturm bei Muxía.
Durch die Steinmauern erinnert die Gegend um Muxìa ein bisschen an England.
Meeresbrandung. Muxía
Strand bei Finisterre.

In Muxía kommt Oliver mit einem Fischer ins Gespräch. Er erklärt ihm, wie er Congrio – Meeraal, der in dieser Größe nur mehr vor der Küste Muxías gefunden wird – trocknet. Seine aufwendige Technik ist sehr alt und nur noch wenigen bekannt. „Der Fischer hat sich gefreut, dass ich so interessiert war! Hat mir dann gleich noch gesagt, was ich mir im Dorf anschauen soll“, erzählt Oliver. Die Menschen empfindet er hier ruhiger als im restlichen Spanien. „Überall sonst muss man sich an die Grundlautstärke auf der Straße erst noch gewöhnen“, lacht er.

Auch der Dudelsack, Gaità genannt, wird hier gespielt. Er ist etwas kleiner als in Schottland, aber auch sehr laut. Die Galizier beziehen sich stark auf ihre Vorfahren, die Kelten, und deren Spuren in der Musik und in der Kultur. Im Mittelalter wurde das Instrument in mehreren Regionen Europas gespielt, in Galizien hielt sich das Instrument durch die Abgeschiedenheit des Landstrichs bis heute.

Ein Fischer in Muxìa zeigt Oliver eine althergebrachte Methode zur Trocknung von Fisch.
Beim Torre de Hercules (Herculesturm) in A Coruña kann man das Mosaik Rosa de los Vientos (Rose der Winde, Kompassrose) bewundern. Hier sind unter anderem die Symbole der sieben Keltischen Nationen abgebildet. Ireland, Scotland, Cornwall, Brittany, Wales, Isle of Man und Galicia.
„Im italienischen Hostel war es lustig!“, schreibt Oliver zu diesem Bild.

Die Gegend mit den vielen Steinmauern und steinernen Kreuzen und Häusern erinnert Oliver speziell an der Küste auch etwas an England. Nur das Wetter spielt nicht mit: Die meiste Zeit ist es bewölkt, es gibt Regen und Wind. Einige Schönwetterfenster erlauben es Oliver, trotzdem trocken weiterzukommen. Sein Fazit: „Im Nachhinein betrachtet, war es schon anstrengend, durch Galizien zu radeln. Rauf und runter geht’s da, die ganze Zeit – zum Glück nicht so hoch wie in der Toskana! Hat mir aber sehr gut gefallen, überhaupt die Küste ist der Wahnsinn.“

Unterhalb vom Kap Finisterre geht es noch an den Rias Baixas, vier tief ins Landesinnere reichenden Meeresbuchten, vorbei. Die Sonne im Gesicht, säumen einsame Strände und etliche Leuchttürme Olivers Weg, der ihn bei Pontevedra dann wieder auf den Jakobsweg führt – diesmal den Portugiesischen. „Kann ich ja ausnützen, wenn ich schon so einen Pilgerausweis habe!“

Wald, Hügel, Kürbisfeld: Ein typisches Bild für das Landesinnere von Galizien.
Solche Steinhüttchen findet man in jedem Dorf in Galizien. Drinnen wird Mais getrocknet, darunter Wäsche aufgehängt.

Der letzte Ort in Spanien ist Tui, inzwischen wieder bei sommerlichen Temperaturen. Das letzte Wort hat Oliver: „Ich bin schon neugierig auf Portugal. Besonders auf die Orte Porto, Nazaré und Lissabon freue ich mich schon.“

Alle Stationen der Tour Mediterraneo auf einen Klick!

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