In der Bücherei Assling keimt die Vielfalt

Mit einem einzigartigen Service wird die Kunst der Saatgutvermehrung vermittelt.

Man geht in eine Bücherei und leiht sich ein kleines Büchlein aus, in dem beschrieben wird, wie man Saatgut vermehrt. Dazu gibt es ein Säckchen mit Samen zum Teil alter, längst vergessener Kulturpflanzen. Nun hat man alles, um zur Erhaltung dieses Saatgutes selbst beizutragen. Gelingt die Übung, gibt man nicht nur das Büchlein an die Bücherei zurück, sondern auch ein Säckchen mit den nun selbst vermehrten Samen. So verbreiten sich alte Sorten Schritt für Schritt in ihrem angestammten Lebensraum und zugleich wird das Wissen um ihren Wert und ihren Schutz verbreitet. Genial, oder?

Ein Büchereiregal der besonderen Art und der seltenen Arten.

Genau das passiert in der Bücherei der Osttiroler Gemeinde Assling im Zuge des Projekts BioColAlp, das vor einem Jahr begann. Seit dieser Woche leihen sich die Dorfbewohner nicht nur Romane, Krimis, Sach- oder Kinderbücher aus, sondern auch den „Spelzhafer Schatz der Berge“, die „Stangenbohne vom Tantelle“, oder die „Pustertaler Schollepoan.“

Das Projektteam arbeitete mit Unterstützung der Universität für Bodenkultur daran, beliebte Sorten traditioneller Kulturarten, wie Mohn, Ackerbohne oder Erbse in Osttirol zu sammeln. Die Sorten dieser Kulturarten wurden aber auch im Sortenarchiv der Arche Noah oder der Genbank Nordtirols, in denen Bestände aus Osttirol lagern, aufgestöbert. Die zum Teil sehr kleinen verfügbaren Saatgutpartien wurden in Assling vermehrt, gereinigt, beschrieben und in Säckchen abgefüllt, die nun in der Bücherei lagern. Darunter sogar ein Weizen aus Strassen aus dem Jahr 1922. Die Asslinger sind aber auch offen für Neues. Gesammelt und vermehrt wurden auch Sorten, die in Asslinger Gärten noch nicht so lange wachsen, aber sehr beliebt sind, und an die Bedingungen des Anbaus im Berggebiet angepasst wurden.

In der Bücherei Assling ist nicht nur Kulturgeschichte in gedruckter Form, sondern auch als Saatgut entlehnbar. Das Interesse ist groß.

Mit ihrem Projekt wollen die Asslinger weder Geld verdienen noch Höchsterträge erzielen. Es geht ihnen darum, das Handwerk der Saatgutvermehrung zu üben, im Umgang mit der Saatguterhaltung Erfahrungen zu sammeln, die Kulturgeschichte, die mit diesen Sorten verbunden ist, weiterzuerzählen und die Vielfalt der Kulturarten in Osttirol zu fördern.

Und so funktioniert der Kreislauf der Saatgutvermehrung. Das Projekt wird von der Europäischen Union gefördert.

Mit dem Saatgut erhalten die experimentierfreudigen Leserinnen & Leser die erwähnten Bücher, die beschreiben, wie die Saatguterhaltung durchzuführen ist. Wie in jeder Bücherei müssen diese Bücher zurückgegeben werden, allerdings mit einer Partie der selbst geernteten Samen. Dieses Entlehn-Service der Bücherei Assling gibt es nur für eingetragene Leserinnen & Leser der Bücherei. Die Asslinger sind aber offenbar so begeistert von ihrer Idee, dass sie Nachahmer anstecken wollen und interessierten Büchereien anderer Gemeinden gerne Tipps darüber geben, wie man das Handwerk der Vielfalt startet und umsetzt.

Schautafel mit den verfügbaren Arten zum Download!


Das Projekt BioColAlp ist grenzüberschreitend angelegt. Vier Gemeinden des Alto-Bellunese (San Tomaso Agordino; Livinallongo del Col di Lana; Rocca Pietore; Vallada Agordina) und die Gemeinde Assling (Osttirol) widmen sich – fachlich begleitet von der Universität für Bodenkultur – dem Thema der Kulturpflanzenvielfalt, der Wissensweitergabe und dem Umgang mit seit langem vor Ort angebauten Sorten und Arten. Projektträger sind die Gemeinden Assling und San Tomaso Agordino. Das finanzielle Projektvolumen beträgt 200.000 Euro. Davon werden 160.000 Euro über das Programm Interreg von der Europäischen Union finanziert.

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5 Postings bisher
dolomitenwurm

Das ist ein grossartiges Projekt. Ich wünsche den Asslingern viel Erfolg.

Es sollte ja in jeder Gemeinde und auch in unserer Bezirkshauptstadt "landwirtschaftliche Vorsorgeflächen" geben. Die machen natürlich nur Sinn, wenn wir dafür auch Saatgut haben. Ich wünsche mir auch in der Stadtbücherei Lienz, sowie den anderen Bücherein Osttirols, so ein Projekt! Könnten die nicht einfach mitmachen und dem Asslinger Vorbild folgen???

    F_Z

    Nur so als Info: es gibt auch in Lienz landwirtschaftliche Vorsorgeflächen. Aber ich glaube nicht das irgendeine Bücherei genug Saatgut einlagern wird um diese zu bepflanzen - das Projekt in Assling ist dann doch eher für den Hausgebrauch gedacht.

    Wen es interessiert: https://www.tirol.gv.at/fileadmin/themen/landesentwicklung/raumordnung/ueberoertl_ro/freiraum_TUP_Kundmachung/171127LWVF_PVLienzuU_Anlage0_Kundmachung.pdf

      dolomitenwurm

      LiebeR F-Z, besten Dank für den Link!

      Mir war bekannt, dass es in LZ und in allen anderen Bezirken Tirols Vorsorgeflächen gibt.

      Meine Überlegung war: Was nutzen Vorsorgeflächen, ohne für Saatgut Vorsorge zu treffen, und zwar lokal. Man kann natürlich argumentieren, die Genossen säßen eh auf Bergen von Saatgut, oder man könne es im Krisenfall herbeischaffen. Ich bin da anderer Meinung:

      Erstens sind die* Bauern offenbar selbst dabei die besten Flächen im Lienzer Talboden zu asphaltieren, zuzubetonieren oder mit Megatraktoren plattzuwalzen. Im Krisenfall würde im HG-Markt weder die automatische Türe noch die Kassa funktionieren. Das wenige Saatgut, das die haben, wäre sofort weg.

      Zweitens braucht es in einem Krisenfall durchaus eine breite Palette an Pflanzenarten oder Sorten, die über das Jahr verteilt abreifen und verschiedene Ansprüche haben. Wer hat diese zur Not? Wer weiß, wie man damit umgeht? Die Bücherein wären ein toller Ort, um das Wissen dazu bereitzustellen und über das Thema zu reden. Das habe ich gemeint.

      Drittens geht es im Krisenfall eh primär um das, was Du "Hausgebrauch" nennst: Bauerngärten, Gemeinschaftsgärten und kleine händisch bewirtschaftbare Äcker in Hausnähe in allen Tälern und Gemeinden. Und da sind wir eh einer Meinung: Wir brauchen in jeder Gemeinde "um die Häuser", also zum Hausgebrauch, wie Du es nennst, Flächen UND SAATGUT zur Vorsorge.

      *OK! Nicht "die" sondern "einige"! Es gibt ja auch Bauern im Talboden, die biologisch wirtschaften, im Sinne eines Vorsorgegedankens ihren Humus pflegen, und eine Vielfalt an Getreide und Kartoffeln haben.

le corbusier

Super Projekt! Viel Erfolg damit.

    senf

    kann dir nur beipflichten. im vergangenen jahr bereits erste kartoffeln (ackersegen), dann die osttiroler herbstrübe, weiters den blauen lemur und die schwarze perle. tolle saatgutvermehrung. nun hat man alles, um zur erhaltung dieses saatgutes selbst beizutragen. lässiges projekt, super!

    und das alles ohne lästigen bücherwurm 📚➿