Tanztheater boomt in Innsbruck. Bestes Beispiel ist „Der blaue Engel“ von Marie Stockhausen, ein Tanzstück, das im März 2019 Premiere hatte. Foto: Tiroler Landestheater.

Tanztheater boomt in Innsbruck. Bestes Beispiel ist „Der blaue Engel“ von Marie Stockhausen, ein Tanzstück, das im März 2019 Premiere hatte. Foto: Tiroler Landestheater.

„Die Berge sind nicht hoch genug“

Das Tiroler Landestheater plant Tanz, Rock, Grenzgänge und positive Schocks.

Das Tiroler Landestheater will sich auch in der kommenden Saison „nach der Decke strecken“: Mit neuen Interpretationen von scheinbar Bekanntem, grenzüberschreitenden Kooperationen und ein bisschen Punk. Ob Innsbrucks Bürgermeister Georg Willi tatsächlich noch mal singen wird, bleibt allerdings abzuwarten. Nachdem er von seinen Opernerfahrungen als Wiltener Sängerknabe geschwärmt hat, lud ihn Tiroler-Landestheater-Intendant Johannes Reitmeier gleich zu einer Gastrolle ein: „Wenn Sie Lust haben, die Erinnerungen aufzufrischen: Wir finden noch ein Kostüm.“

Der Innsbrucker Bürgermeister Georg Willi widerstand der Versuchung, vor versammelter Kulturprominenz zu singen.

Das Programm für die kommende Theater-, Opern- und Konzertsaison wird aber auch ohne bürgermeisterlichen Gastauftritt genug Neues bieten: Zum Beispiel im Großen Haus eine Interpretation der Oper „Freischütz“ des deutschen Komponisten Carl Maria von Weber – mit Rezitativen von Hector Berlioz statt des gesprochenen Textes. Eine Version, die so zum ersten Mal in Österreich produziert wird, sagt Reitmeier und verspricht: „Wir wollen uns auch in diesem Jahr nach der Decke strecken.“

So wird auch das uraufgeführte Musical „Die Schattenkaiserin“, anlässlich des Maximilianjahres 2019, eine vertraute Historie auf neue Weise ausleuchten: Im Zentrum steht die zweite Frau von Maximilian I., Bianca Maria Sforza und deren tragisches, wenn auch damals übliches Frauenschicksal einer unglücklichen und lieblos gebliebenen Ehe.

Der Amercian Idiot lebt noch

Gänzlich neues Terrain betritt das Landestheater mit dem Punk-Rock-Musical „American Idiot“ – benannt nach dem weltbekannten Album der amerikanischen Band Green Day, deren Musik auch Teil der Produktion ist. Die Single wurde noch zur Amtsperiode von Georg W. Bush ein Hit, hat sich aufgrund der geopolitischen Lage aber inhaltlich gut gehalten. Diese österreichische Uraufführung des Punk-Musicals am Münchner Prinzregententheater ergab sich durch eine Kooperation mit der Bayerischen Theaterakademie August Everding. „Das ist eine Auszeichnung für uns, denn die Akademie ist im gesamten deutschsprachigen Raum eines der führenden Institute für die Ausbildung in Bühnenberufen“, sagt der Intendant.

Ein Statement mit Programmcharakter: Die Kunst hat kein Vaterland (Carl Maria von Weber).

Welchen Stellenwert internationale Kooperationen und der Blick über den Tellerrand in der kommenden Saison haben werden, verdeutlicht im Programm auch ein groß gedrucktes Zitat von Carl Maria von Weber: „Die Kunst hat kein Vaterland.“

Ähnlich hätte das wohl die mexikanische Malerin Frida Kahlo gesehen, deren beeindruckende, schicksalsschwere Geschichte im gefeierten Tanzstück „Frieda Kahlo – Nueva Passion“ verarbeitet wurde. Für alle, die es verpasst haben oder noch einmal in das Leben der Künstlerin eintauchen wollen, wird es nun im kommenden September wieder aufgenommen. Hier der Videoteaser:

Tanzcompany trumpft mit Schnitzel und Schifahren

Nach der wahrhaft fantastischen Interpretation von „A Midsummer Night’s Dream“ in der vergangenen Saison, dürfte auch die Uraufführung des Shakespeare-Stücks „The Tempest“ einiges Vorschussvertrauen vom Publikum bekommen. Schnelle Reservierungen empfehlen sich. Die Choreographie und Regie stammen wieder vom Direktor der Tanzcompany, Enrique Gasa Valga.

Nach mehr als einem Jahrzehnt in Innsbruck, in denen er schon Tiroler geworden sei, widmet er nun seiner Heimat die Interpretation des katalanischen Theaterstücks „Terra Baixa“ – über eine richtige Liebe im Falschen und das ganze Drama dorthin.

Wie er es schafft, zum Beispiel für seine „Große Nacht des Tanzes“ immer wieder Choreographie-Größen aus dem Ausland ins kleine Innsbruck zu holen, beantwortet er ganz einfach: „Zuerst habe ich mit Schifahren und Schnitzel gelockt, jetzt ist das nicht mehr nötig.“ Die Qualität der international besetzten Tanzcompany sei Grund genug. Vorab beschränken will er sich mit seinen Anfragen jedenfalls nicht: „Die Berge sind nicht hoch genug“, sagt er.

Die Komödie in der Tragödie

Eine hohe Qualität hat für den Schauspieldirektor Thomas Krauß auch das neu gebaute Haus der Musik, dessen architektonischer Rahmen den Kollegen und Kolleginnen von Bühnenbild & Co mehr Möglichkeiten biete als je zuvor. Nach allen öffentlichen Diskussionen, die es rund um diesen Neubau in Innsbruck gab, ist auch der Schwerpunkt „Versöhnung“ vielleicht gar nicht so zufällig gewählt.

Alexander Rainer, Leiter des Orchesterbüros, Enrique Gasa Valga, Direktor der Tanzcompany, Chefdramaturgin Christina Alexandridis, Schauspieldirektor Thomas Krauß und Operndirektorin Angelika Wolff bei der Programmpräsentation. Fotos: Rebecca Sandbichler

Die Komödie in der Tragödie zu entdecken, ist eines der Ziele, die Krauß und Kollegen sich gesteckt haben. Dafür gehen sie auch da hin, wo es gesellschaftlich grade ein bisschen wehtut: Mit dem politischen Fake-News-Wutbürger-Lügenpresse-Drama „Furor“ oder aber der Hochleistungsgesellschafts-Kritik „Nyotaimori“ von Sarah Berthiaume zum Beispiel.

Junge Stars im Symphonieorchester

Für positive Schocks beim Publikum könnten auch wieder die Symphoniekonzerte unter der Leitung des extrem jungen, britischen Chefdirigenten Kerem Hasan sorgen – der die Saison passend mit „The Young Person’s Guide to the Orchestra“ einleitet. Ein junger Star ist auch die Schweizerin Magdalena Hoffmann – nach vier Jahren in dieser Position am TSOI, ist sie seit November vergangenen Jahres die erste Harfinistin des Symphonieorchesters vom Bayerischen Rundfunk (BR). Unter der Leitung des Dirigenten und Geigers Aleksey Igudesman wird sie im 6. Innsbrucker Symphoniekonzert auch in dessen eigens beauftragten Werk ein Solo geben.

Wer nach all dem eine ganz spielerische Zerstreuung sucht, dem empfiehlt Operndirektorin Angelika Wolff das Kinderstück „Teufelsküche“. Von Klarinette bis Kokosnuss, von Bongos bis Butterpapier: Wie schön es in der Küche doch klingen könnte, wenn man nicht täglich Nudeln für den Nachwuchs bereiten müsste! „Es ist musikalisch interessant und sehr lustig“, sagt Wolff. „Nicht nur für Fünfjährige.“

Das gesamte Programm unter: www.landestheater.at

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