Osttirols Gletscher schmelzen besonders schnell

Das Viltragenkees verlor laut Alpenverein 128 Meter in einem Jahr. WWF fordert Ruhezonen.

Angesichts der am Dienstag, 9. April, präsentierten Studie der ETH Zürich und der Schweizer Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), wonach die Alpen bis 2100 praktisch eisfrei sein könnten, fordert der WWF Österreich die Umsetzung eines effektiven Schutzpaketes. „Auf unseren Bergen schmilzt uns buchstäblich der Boden unter unseren Füßen weg. Umweltministerin Elisabeth Köstinger muss den Ernst der Lage erkennen und gemeinsam mit den Ländern ein umfassendes Rettungspaket für die heimischen Gletscher erarbeiten. Wir müssen alpine Ruhegebiete gegen die grenzenlose Verbauung unserer Berge einrichten, das Klima besser schützen und unsere Wasserressourcen sichern“, sagt Josef Schrank, Experte für Alpenschutz beim WWF Österreich.

Trotz schneereichem Winter und entsprechender Schneelage auch noch im August 2018, als dieses Foto entstand, ging das Schlatenkees um 67 Meter in nur einem Jahr zurück. Foto: Alpenverein/Lieb

Genauso beunruhigend ist die Diagnose des Österreichischen Alpenvereins, der in seinem am 12. April vorgestellten Gletscherbericht auch einen Bezug zu Osttirol herstellt. Den größten Substanzverlust aller 89 vom Alpenverein beobachteten Gletscher musste nämlich das Viltragenkees in der Osttiroler Venedigergruppe hinnehmen. Seine Gletscherzunge ging in einem einzigen Jahr um 128 Meter zurück. Diesem Negativ-Spitzenreiter folgen mit 86 Metern Verkürzung der Alpeinerferner in den Stubaier Alpen und mit dem Schlatenkees (-67 Meter) und dem Untersulzbachkees (-53 Meter) zwei weitere Osttiroler Gletscher.

Gerhard Karl Lieb leitet die Gletschermessungen des Österreichischen Alpenvereins. Foto: OeAV

Das „ewige Eis“ schmilzt. Inwieweit sich heimische Gletscher dadurch verändern, bilanziert seit 128 Jahren der Alpenverein. 24 ehrenamtliche „Gletschermesser“ unter der Leitung von Gerhard Karl Lieb und Andreas Kellerer-Pirklbauer vom Institut für Geographie und Raumforschung der Universität Graz zeichnen für die Untersuchungen im aktuellen Gletscherhaushaltsjahr 2017/18 verantwortlich. Die Ergebnisse lassen kaum Interpretationsspielraum. Seit den neunziger Jahren schmelzen die Gletscher kontinuierlich, nur wenige von ihnen gönnen sich ab und zu eine kurze Pause. Wie schon im Vorjahr blieb das Simonykees (Venedigergruppe) stationär, weiters das Sonnblickkees (Granatspitzgruppe) sowie die Gletscher am Roten Knopf (Schobergruppe) und im Eiskar (Karnische Alpen). Gerhard Karl Lieb stellt jedoch klar, dass dieses Verhalten bei keinem der vier Gletscher ein Hinweis auf eine Trendwende sei. Hier seine Einschätzung in einem Audiointerview:

„Mit dem Gletscherschwund gehen auch die Wasserreserven in den Alpen drastisch zurück. Es ist schon rein ökonomisch absurd, unter diesen Bedingungen weiterhin auf den Ausbau kritischer Wasserkraftwerke und Beschneiungsspeicherteichen im Hochgebirge zu setzen – vom ökologischen Wahnsinn ganz zu schweigen“, warnt der WWF Österreich. Die zunehmende Verbauung mit touristischer Infrastruktur sei eine starke Belastung für die alpinen Ökosysteme. Der WWF fordert daher die Ausweisung von Ruhegebieten, um diese letzten hochalpinen Rückzugsorte für die heimische Pflanzen- und Tierwelt zu bewahren. „Aufgrund der verfehlten Klimapolitik in der Vergangenheit verlieren die Alpengletscher bis 2050 die Hälfte ihrer Masse. Jetzt muss es darum gehen, endlich ambitionierte Schutzmaßnahmen zu setzen, um bis 2100 zu retten, was noch zu retten ist“, bekräftigt Josef Schrank.

Mit den Gletschern schmelzen auch unsere Wasserreserven. Im Bild das berühmte Umbalkees im Sommer 2018. Foto: OeAV/Lieb
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5 Postings bisher
chiller336

in punkto wasserknappheit - trinkwasser und brauchwasser - seh ich weniger die gefahr. sieht man sich die niederschlagsmengen so an, dann fällt zwar weniger oft regen oder schnee, aber wenn, dann dafür soviel, dass auch in zukunft wasserreservoirs gesichert scheinen. ich glaube weniger, dass ganz osttirol von gletschern als trinkwasserlieferanten abhängig ist. weiters wär auch zu überlegen, ob speicherwerke zb nicht ebenso als trinkwasserspeicher genutzt werden können? in den usa gang und gäbe .... klappt halt nur, wenn solche speicher auch streng geschützt sind

Kilian1990

„ Es ist schon rein ökonomisch absurd, unter diesen Bedingungen weiterhin auf den Ausbau kritischer Wasserkraftwerke und Beschneiungsspeicherteichen im Hochgebirge zu setzen – vom ökologischen Wahnsinn ganz zu schweigen“, warnt der WWF Österreich. Die Argumentation ist doch an den Haaren herbei gezogen. Wie können die Wasserreserven gesichert werden, nur weil keine Wasserkraftwerke und keine Beschneiungsteiche mehr gebaut werden? Nur immer von ökologischem Wahnsinn zu sprechen und Horrorszenarien zu entwickeln, ist typische für WWF, Alpenverein und gewisse Wissenschaftler. Wenn in den abgelegenen Gebieten in den Alpen - wie in Osttirol - nicht weiter in Infrastruktur (Energie, Tourismus, Gewerbe ...) investiert wird, dann werden 2100 kaum mehr Menschen hier leben. Vielleicht ist das ja auch die Intention dieser Naturschutzorganisationen und der Wissenschaft ... Eher muss an die Politik appelliert werden, hier dagegen zu arbeiten und Maßnahmen zu setzen.

    le corbusier

    an den haaren herbeigezogen ist nun wirklich nur deine verschwörungstheorie, dass wissenschaftler osttirol aussterben lassen wollen. ist doch eine einfache rechnung: im winter rinnt eh ka wasser, wenn irgendwann auch im sommer das gletscherwasser weniger wird oder ganz versiegt, muss man sich den neubau von wasserkraftwerken schon überlegen.

    abschließend noch eine frage: wie soll die politik dagegen arbeiten? gegen was?

      Kilian1990

      Und du glaubst wirklich, dass die Tiwag usw. hier keine Wirtschaftlichkeitsrechnungen anstellen? Im Winter rinnt kein Wasser und im Sommer wird es auch versiegen. Das sind genau die Horrorszenarien, die an die Wand gemalt werden. Brutalo Naturschutz fern jeder Realität. Genau dagegen muss die Politik arbeiten. Gegen die Realitätsverweiger, die in ihren Elfenbeintürmen mit fetten Gehältern und ohne jede Existenzsorge gegen die Wirtschaft arbeiten.

    le corbusier

    jetzt check ichs, kilian ist ein scherzprofil. dein letzter absatz über die reichen naturschützer und wissenschaftler bonzen einerseits gegen die armen geschäftstreibenden (tiwag), welche nur das wohl der bevölkerung im auge haben andererseits, ist messerscharfe satire. echt gut.