"Ich erwarte mir mehr Ernsthaftigkeit von jedem einzelnen". Georg Willi will den Grünen im Wahlkampf Beine machen. Foto: Expa/Michael Gruber

"Ich erwarte mir mehr Ernsthaftigkeit von jedem einzelnen". Georg Willi will den Grünen im Wahlkampf Beine machen. Foto: Expa/Michael Gruber

Willi rüffelt die Parteikollegen: „Es wird zu wenig gerannt!”

Der Innsbrucker Bürgermeister ortet mangelnde Kampfbereitschaft und zweifelt an Türkis-Grün.

Innsbrucks grüner Bürgermeister Georg Willi zeigt sich ungeachtet guter Umfragewerte besorgt und kritisiert die mangelnde Kampfbereitschaft der Parteikollegen: „Es wird zu wenig gerannt“, sagte Willi im APA-Interview. Zu Gesprächen über eine mögliche Koalition mit der ÖVP nach der Nationalratswahl wäre er bereit, aber: „Die Wahrscheinlichkeit für eine solche Koalition geht gegen zehn Prozent.”

„Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos“, beurteilte Willi, langjähriger früherer Klubobmann auf Landesebene und Nationalratsabgeordneter, die Ausgangsposition seiner Partei sehr gedämpft. Bundessprecher Werner Kogler mache zwar einen „tollen Job“ und sei der ideale Spitzenkandidat, aber: „Stimmungsmäßig ist mir noch zu wenig Breite da. Die anderen müssen mehr rennen, mehr laufen, mehr überzeugen, mehr auf die Straße gehen, mehr mit den Leuten reden.“

„Ich erwarte mir mehr Ernsthaftigkeit von jedem einzelnen“, legte das seit 2018 amtierende Stadtoberhaupt nach. Es herrsche „zu viel Euphorie“, die Wahl werde derzeit zu sehr auf die leichte Schulter genommen: „Es fängt schon wieder an, dass manche sagen, es wird ohnehin funktionieren.“ Dabei starte man von 3,8 Prozent – das müsse jedem bewusst sein. Bei der Nationalratswahl 2017 sei „etwas Unvorstellbares passiert“. Jetzt sei er zwar „optimistisch“, dass der Wiedereinzug gelingt, aber: „Es ist noch lange nicht in trockenen Tüchern.“ Das in den Umfragen seit Juni prognostizierte zweistellige Ergebnis ist aus Willis Sicht „noch lange nicht erwartbar“.

Die Partei verlasse sich derzeit zudem zu sehr auf das Klimathema. „Nett, dass es ‚Fridays for Future‘ gibt. Aber das ist keine grüne Vorfeldorganisation. Wir haben unseren Job allein zu machen“, gab der Tiroler seiner Partei zu bedenken.

Koalitionsverhandlungen mit der ÖVP nach der Wahl würde Willi zwar gut heißen – „Ja zum Versuch, Österreich ökologischer zu machen. Natürlich wird man reden.“ Aber für eine Koalition müsste man schon „über einen Canyon drüberhupfen“. Für den Fall der Verhandlungen hält Willi ein Szenario wie 2002 für wahrscheinlich – als die Grünen unter Alexander Van der Bellen bei den Verhandlungen mit ÖVP-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel letztlich doch vom Tisch aufstanden: „Die Wahrscheinlichkeit, dass das wieder passieren wird, ist genauso hoch wie damals. Dass wir zur ÖVP sagen: ‚Ihr seid so blau eingefärbt, dass sich das nicht ausgeht‘.“

„Ähnlich schwierig“ wäre, meint Willi, eine Dreierkoalition mit ÖVP und NEOS. Mit den Pinken habe man zwar Gemeinsamkeiten in Sachen liberaler Rechtsstaat und Grundrechte, gleichzeitig seien die NEOS aber wirtschafts- und sozialpolitisch eindeutig neoliberal ausgerichtet.

Willi hält ohnehin – zu 90 Prozent – eine Wiederauflage von Türkis-Blau für wahrscheinlich. ÖVP-Chef Sebastian Kurz werde Herbert Kickl als FPÖ-Klubobmann akzeptieren, denkt er. Mit „aufrechten christlich-sozialen ÖVPlern“ habe er immer gut können, betonte Willi. Aber zwischen diesen und den „neoliberalen Türkisen“ liege ebenfalls „ein Canyon“. Denn: „Türkis und Blau liegen ganz eng beieinander. Kurz hat mit den Blauen wahnsinnig gut können.“ Die Kurz-ÖVP sei „spießbürgerlicher und reaktionärer“ als es die Volkspartei unter Schüssel je gewesen sei – und Kurz sei zwar „sehr jung. Aber sein Wunsch nach Kontrolle ist extrem groß.“

„Es gibt drei zentrale Fragen für die Zukunft Österreichs: Die Klimafrage, die soziale Frage und die Bildungsfrage“, machte Willi grüne Eckpfeiler fest, die sich im Falle einer Regierungsbeteiligung wiederfinden müssten. Eine ökosoziale Steuerreform, die sich „nicht über die Steuerquote, sondern einmal über das Preis-Leistungs-Verhältnis“ definiert, sei ebenso dringend notwendig wie etwa eine Rückabwicklung der Mindestsicherungs-Lösung, ein zentraler Fokus auf leistbares Wohnen sowie Innovationen im Bildungsbereich wie die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen.

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2 Postings bisher
Gertrude

Sie sind nicht nur zu wenig gerannt, in den Medien finde ich überhaupt nichts von den Grünen. Enttäuschend, so kurz vor der Wahl.

johannundanita

ich glaube nicht, dass zu wenig gerannt wird, vermutlich sind sie mit willi`s prestigeprojekt der straßenbahn unterwegs und brauchen deshalb einfach länger.