Marlen und Ferdi vor einer alten Karawanserei auf dem Weg nach Isfahan. Alle Fotos: Marlen & Ferdi

Marlen und Ferdi vor einer alten Karawanserei auf dem Weg nach Isfahan. Alle Fotos: Marlen & Ferdi

Land Nummer 12 auf unserer Tour: „Welcome to Iran!“

Von Tabriz bis Isfahan – Erste Eindrücke aus unserem Lieblingsreiseland.

Mit langer Hose, langem Hemd und Kopftuch mache ich mich bereit für den Iran. Zum ersten Mal werden bei der Einreise unsere Taschen gescannt, aber alles nicht so genau, unsere Rucksäcke dürfen am Rad bleiben. Die iranischen Grenzbeamten sind die freundlichsten, die uns je begegnet sind. Wir bekommen den Einreisestempel auf unser Visum und hören zum ersten Mal „Welcome to Iran“. Am 1. Oktober (laut persischem Kalender am 9.7.1398) betreten wir gemeinsam mit Chris, den wir in Armenien getroffen haben, Land Nummer zwölf.

Voller Vorfreude machen wir uns auf nach Persien. So viel Gutes haben wir über den Iran gehört. Reisende berichten über die außerordentliche Gastfreundschaft und Herzlichkeit der IranerInnen und für EuropäerInnen soll es das billigste Land zum Reisen sein, für uns nicht ganz unwesentlich, da wir vorhaben, zwei Monate hier zu verbringen und nach dem geplanten Winteraufenthalt im Oman auch wieder zurückkommen wollen. Die erste Nacht im Iran schlafen wir kurz hinter der Grenze. Es ist bereits dunkel als wir unsere Zelte aufbauen und, wie so oft in einem unbekannten Land, schlafe ich etwas unruhig. Es ist das zweite muslimische Land auf unserer Reise, aber im Vergleich zur Türkei ist hier doch vieles anders.

Während es in der Türkei völlig in Ordnung war, mit T-Shirt und kurzer Hose unterwegs zu sein, gelten im Iran konkrete Bekleidungsvorschriften. Als Frau muss ich Haare, Arme, Beine und Hintern bedeckt halten. Am Anfang bin ich mir noch etwas unsicher wie genau ich diese Vorschriften als Touristin einhalten muss und probiere einige Kopftuchvarianten aus. Außerdem beschäftigt mich die Frage, wie ich hier in der Öffentlichkeit meine Haare waschen kann. Bisher habe ich dafür meistens Brunnen am Straßenrand benützt, doch mit Kopftuch geht das schlecht. Wie immer werden sich all diese Fragen und Ängste in Luft auflösen und der Iran wird zu einem unserer Lieblingsreiseländer.

Frühstück in einer Bäckerei.

Nachdem wir die armenischen Berge hinter uns gelassen haben, türmen sich die iranischen vor uns auf. Es geht gleich noch einmal auf über 2400 Meter hoch. Kein Problem für unsere trainierten Wadeln. Bis nach Tabriz, der ersten großen Stadt im Iran, sind es 150 Kilometer und 3000 Höhenmeter. Dafür werden wir mit einer wunderbaren Landschaft und wenig Verkehr belohnt. Ganz schön heiß hier. Deshalb versuchen wir früh aufzustehen und die Stunden vor der großen Mittagshitze zu nutzen. Für mich ist es eine besonders große Herausforderung, trotz der Hitze den iranischen Kleidervorschriften zu entsprechen. Mit langer Hose, langem Hemd und Kopftuch komme ich bergauf so richtig ins Schwitzen. Deshalb wechsle ich vom Kopftuch auf ein Buff (Schlauchtuch). Das ist um einiges luftiger und beim Radeln voll in Ordnung. In den Städten trage ich meistens das Kopftuch. Ein komisches Gefühl, wenn man sich in der Öffentlichkeit so verkleiden muss.

Trotz der Hitze muss ich die iranischen Kleidervorschriften einhalten.

Schon in den ersten Tagen werden wir auf Tee eingeladen und die vorbeifahrenden AutofahrerInnen schenken uns Äpfel, Brot und Dough, ein Joghurtgetränk, ähnlich dem türkischen Ayran. Gespannt war ich, wie die Männer auf mich reagieren. Tatsächlich hat mir bis Tabriz kein einziger Mann die Hand geschüttelt, viele haben mich nicht einmal angeschaut. Echt seltsam, wenn man mit zwei Männern reist und absolut nicht beachtet wird. Während Chris und Ferdi für Selfies posieren, stehe ich am Rand und komme mir fehl am Platz vor. Auch wenn es angeblich aus Respekt vor den Frauen geschieht, fühlt es sich für mich wie eine Zweiklassengesellschaft an.

Die letzten 25 Kilometer geht es auf einer autobahnähnlichen Hauptstraße hinein nach Tabriz. Wir kommen mit dem chaotischen, unberechenbaren iranischen Verkehr in Kontakt und setzen seit Monaten wieder mal den Helm auf. Autos fahren kreuz und quer, auf dem Seitenstreifen öfter auch mal rückwärts und dazwischen schlängeln sich Mopeds in alle Richtungen. Irgendwann am Nachmittag kommen wir dann bei Arashs Familie an und werden überaus herzlich von seiner Mama Bahar empfangen.

Wir werden umsorgt, als gehörten wir zur Familie.

Arash ist ein ganz lieber Freund von uns, der in Wien lebt. Ferdi ist zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren bei seiner Familie zu Besuch. Ein wunderschönes Wiedersehen! Eine ganze Woche bleiben wir bei Deniz, Bahar und Jafar und fühlen uns super wohl. Wir werden umsorgt, als gehörten wir zur Familie, werden von allen Seiten mit Köstlichkeiten verwöhnt und können uns gut erholen. Am Basar wechseln wir unsere ersten Millionen Rial und decken uns mit Datteln und Nüssen ein.

Da der Iran nicht an das internationale Bankensystem angeschlossen ist, funktioniert unsere Kreditkarte hier nicht. Wir müssen Bares mitbringen und in Iranische Rial wechseln. Die IranerInnen rechnen im Alltag allerdings nicht in Rial sondern in Tuman, ihrer alten Währung, was bei AusländerInnen zu allerlei Verwirrung führt. Das Umrechnen wäre ja recht einfach, ein Tuman entspricht zehn Rial. Doch man weiß nie genau, ob etwas in Tuman oder Rial angegeben ist. Kostet etwas 100.000 Rial, also 10.000 Tuman, dann sagen sie hier einfach „Zehn“. Es dauert, bis wir uns daran gewöhnen und ungefähr wissen, was wie viel kostet. Noch dazu sind alle Preisschilder, die manchmal Rial, ein ander mal Tuman angeben, in Farsi beschriftet und wir müssen erst die persischen Zahlen lernen. Und dann sind auch noch die Geldscheine für 10.000 und 100.000 Rial farblich ähnlich, genauso wie die für 50.000 und 500.0000. Kompliziert genug? Immerhin, im Iran wirst du als AusländerIn äußerst selten über den Tisch gezogen, eher sogar beschenkt! Alles halb so schlimm. Abgepackte Lebensmittel haben außerdem einen vom Staat vorgegebenen Fixpreis, der auch auf die Verpackung gedruckt wird. Größere Supermärkte, die es relativ selten gibt, sind daher nicht billiger, als die vielen kleinen Läden ums Eck und das Angebot im Supermarkt ist auch nicht viel größer.

Läden im Bazar von Tabriz.

Da es hier kaum offenes WLAN gibt, haben wir uns eine iranische SIM-Karte besorgt, um unterwegs das Internet nutzen zu können. So wie alles hier, sind die Telefongebühren für uns äußerst billig. Dafür sind einige Webseiten und Internetdienste zensiert und gesperrt. Aber das lässt sich umgehen. Kaum ein paar Tage in der Stadt, da sehnen wir uns schon wieder nach Einsamkeit und unserem Zelt. Zu viele Menschen auf der Straße reden uns an, wollen Selfies machen oder fragen, ob wir Hilfe brauchen. Das zerrt an den Nerven. Von überall tönt es „Hello Mister, how are you?“ Es wird Zeit aufs Rad zu steigen und weiter in den Süden zu fahren. Unser Visum ist nur 30 Tage gültig, deshalb müssen wir Ende des Monats in Isfahan ankommen, um es dort zu verlängern. Für die nächsten zwei Wochen ist wieder fleißig Radeln angesagt. Um die 60 Kilometer am Tag sollten es schon sein. Nach einem köstlichen Frühstück verabschieden wir uns von Bahar, Deniz und Jafar. Sie haben uns so freundlich aufgenommen und wir sind unendlich dankbar für diesen guten Start in ein fremdes Land. Zum Abschied werden wir noch reichlich mit iranischen Leckereien beschenkt: Nüsse, Datteln, Brot, Käse, Muffins, Äpfel und Rosinen. Super Energielieferanten für unterwegs. Auch von Chris verabschieden wir uns vorerst. Er muss wegen seines Indien-Visums nach Teheran und radelt von dort nach Isfahan, wo wir uns Ende des Monats wieder treffen wollen.

Entlang des fast ausgetrockneten Urmia Sees geht es nach Miyandoab. Bis dorthin ist es flach und es herrscht relativ viel Verkehr. Wir radeln zügig, um die langweilige Landschaft schnell hinter uns zu bringen. Immer wieder halten Autos an, wir bekommen einen Becher Tee und Obst geschenkt, hauptsächlich Äpfel, die haben gerade Saison. Sobald wir einen Apfel essen, bekommen wir zwei neue. Das Prozedere ist immer dasselbe: Ein Auto fährt an uns vorbei, wird langsamer, hält an, jemand steigt aus. Wenn sich jetzt der Kofferraum öffnet, wissen wir, dass wir etwas geschenkt bekommen. Bleibt der Kofferraum geschlossen, haben sie angehalten, um ein Selfie mit uns zu machen.

Nach drei Tagen auf der Schnellstraße verlassen wir die unspektakuläre Landschaft und fahren wieder in die Berge. Auch der Iran ist sehr gebirgig, viele Hochplateaus ziehen sich durch das Land. Wir befinden uns nur selten unterhalb von 1600 Metern. Wildzelten ist überall möglich, man macht es trotzdem besser unbeobachtet. Sonst kommt ziemlich sicher Besuch vorbei und das kann anstrengend werden, vor allem, wenn man keine gemeinsame Sprache spricht und eigentlich lieber schlafen möchte.

Wir kommen gut voran, radeln im Schnitt 1000 Höhenmeter und 55 Kilometer am Tag und das obwohl die Tage zur Zeit kurz sind und es um 18 Uhr schon stockdunkel ist. Die Campingküche wird immer schmackhafter. Hier im Iran gibt es zu unserer Überraschung in jedem noch so kleinen Laden Sojaschnetzel. Die schmecken sogar besser, als bei uns daheim. Auch die Auswahl an Obst und Gemüse ist spitze.

In Gemüseläden und an den Kräuterständen ist alles frisch, regional und schmeckt richtig gut.

Im Vergleich zur Türkei und Georgien, wo es meist nur Tomaten, Gurken, Paprika, Pfirsiche und Trauben gab, gibt es hier eine außerordentlich große Vielfalt. Noch dazu ist alles frisch, regional und schmeckt richtig gut. Zusätzlich zu den Gemüseläden gibt es eigene Kräuterstände mit vielen verschiedenen frischen Kräutern: Minze, Radieschen, Petersilie, Basilikum, Dill, Estragon, Frühlingszwiebel, Koriander und noch einigem mehr. Diese werden im Iran gerne als Beilage serviert. Zum Abendessen kochen wir nun des öfteren Spaghetti mit Soja-Bolognese oder Chili. Echt lecker und für uns das perfekte RadlerInnenessen!

In Kurdistan geben mir auch die Männer die Hand und schauen mir in die Augen.

Mitte Oktober fahren wir zwei Tage lang durch die Provinz Kurdistan. Kurdistan ist genau unser Ding! Die KurdInnen sind sehr offen und freundlich, viele Männer geben auch mir die Hand und schauen mir in die Augen. Die Landschaft ist großartig, karg, alles gelb-braun, hügelig und es gibt wenige Dörfer. Die Straßen sind im Gegensatz zu Armenien in gutem Zustand und es herrscht genauso wenig Verkehr. Ideale Bedingungen für uns Radreisende. Wir erreichen Bijar, die zweithöchste Stadt des Iran, auf gut 2000 Metern.

Am nächsten Tag hält wieder einmal ein vorbeifahrendes Auto an und ein junger Mann lädt uns ins nächste Dorf zu sich nach Hause ein. Der Ort ist richtig klein, besteht fast nur aus Lehmhäusern. Die Familie empfängt uns sogleich mit Tee und einem zweiten Frühstück. Unser Gastgeber Mohammed hat Agrarwissenschaften studiert und für seine Doktorarbeit ein Jahr in Holland gelebt. Wir können uns gut auf Englisch unterhalten. Neben einer Lehrtätigkeit an der Uni baut er Erdäpfel und Weizen an. Er berichtet uns von der Wasserknappheit in dieser trockenen Region. Wie fast überall im Iran, wird mit den vorhandenen Ressourcen nicht gerade sparsam umgegangen. Neben Erdäpfeläckern haben wir am Weg hierher auch einige Wassermelonenfelder entdeckt, die viel Bewässerung benötigen.

Zu Gast bei Mohammeds Familie.

Nach und nach kommen immer mehr Verwandte und deren Kinder, um uns zu sehen. Anscheinend sind wir erst die zweiten Europäer in diesem Dorf und daher eine richtige Attraktion. Es werden jede Menge Fotos gemacht. Als kleines Dankeschön lassen wir die Kinder unseren selbstgebastelten Stempel drucken. Natürlich wollen sie, dass wir über Nacht hier bleiben, aber wir müssen weiter, nächster Stopp ist Hamedan.

Auf den Hügeln vor Hamedan.

Obwohl wir inzwischen ganz gut mit dem iranischen Verkehr zurecht kommen, sind die letzten Kilometer bis Hamedan sehr anstrengend. Der Verkehr ist unglaublich laut und schnell, die Luft schlecht. Ziemlich k.o. kommen wir bei unseren „Warmshowers“ Gastgebern Nassim und Houssein an.

Bei Nassim und Houssein in Hamedan.

Ihre kleine Wohnung liegt am Stadtrand in einer ruhigen Gegend. Sie ist typisch persisch eingerichtet: Ein großer Teppich im Wohnzimmer, rundum ein paar goldverzierte Stühle mit Plastiküberzug, kitschige Gemälde an den Wänden. Die Fernbedienung, Mikrowelle und Kaffeemaschine sind in einer Plastikhülle verpackt. Nassim bekocht uns. Wir würden gerne entspannen, doch vorher wollen uns unsere Gastgeber noch die Stadt zeigen. Natürlich mit dem Auto. Zwei Abende kurven wir in der Stadt herum. Wie schon in Tabriz, fährt man hier gerne eine Stunde oder länger durch die staugeplagte Stadt, um ein Eis zu essen. Daran werden wir uns nie gewöhnen.

Die erste Nacht nach Hamedan verbringen wir in einer kleinen Lehmhütte auf einem Feld. Es hat untertags ein bisschen geregnet und laut Wettervorhersage sollte noch mehr Regen kommen. Da suchen wir uns trotz Zelt gerne ein zusätzliches Dach überm Kopf, um gemütlich im Trockenen sitzen und kochen zu können. Nachdem wir am nächsten Tag ein paar Kilometer geradelt sind, haben wir Lust auf Tee und werden tatsächlich noch im selben Dorf eingeladen. Zum Tee wird uns ein zweites Frühstück aufgetischt. Gemütlich essen wir und versuchen uns mittels Händen und Füßen mit der Familie zu unterhalten. Plötzlich steht die Polizei vor der Tür. Vier Polizisten in Zivil und ein paar uniformierte Soldaten reden auf Farsi auf uns ein und geben uns zu verstehen, dass wir sofort unsere Räder auf ihren Pickup laden und mitkommen müssen. Sie sind unfreundlich und bestimmt. Niemand spricht Englisch.

Als wir nicht sofort tun, was sie verlangen und wissen wollen, was los ist, rufen sie jemanden zum Übersetzen an. Der Mann am Telefon ist anscheinend der Cousin vom Chef-Polizisten und spricht sogar Deutsch. Er erklärt uns, dass wir uns in einem für Ausländer gesperrten Gebiet befinden und deshalb mit auf die Polizeistation kommen müssen. Es sei nur eine Formalität zu erledigen, sie müssten unsere Pässe kopieren und erfassen. Wir einigen uns darauf, dass wir ihnen hinterher radeln und folgen dem Polizeiwagen bis ins nächste Dorf. Dort werden wir in ein Büro gewiesen. Einige Telefonate werden geführt und unsere Pässe kopiert. Zufällig haben wir am Vorabend in unserer Navigations-App ein nukleares Forschungszentrum inklusive Versuchsreaktor in der Gegend entdeckt. Ausgewiesen ist das Sperrgebiet rund um die Anlage jedenfalls nicht. Wir haben keinerlei Hinweistafeln auf der Straße entdeckt. Hilft nichts, wir müssen einen Umweg nehmen und den Reaktor weiträumig umfahren. Auf den Hügeln rundum sehen wir Geschütze zur Fliegerabwehr. Anfangs begleiten uns die Polizisten noch, um sicher zu gehen, dass wir die richtige Straße nehmen. Dort steht sogar ein unscheinbares Schild auf dem zu lesen ist, dass man als Tourist eine Genehmigung für dieses Gebiet braucht, welche man sich beim Kulturministerium besorgen kann. Das klingt harmlos und wir hätten es wohl nicht weiter beachtet. Jedenfalls freuen wir uns, dass alles so glimpflich ausgegangen ist und wir nicht länger angehalten wurden.

Eigentlich wollten wir die Stadt Arak umfahren, aber leider führt uns dieser Umweg genau dorthin. Zum Glück sind es nur ein paar Kilometer mehr. Kurz vor der Stadt zelten wir auf einem Feld. In der Nacht beginnt es zu regnen und hört auch morgens nicht auf. Deshalb müssen wir das Zelt nass zusammenpacken und uns in unser Regenoutfit schmeißen. Zum ersten Mal seit unserem Aufbruch wechseln wir unsere Sandalen gegen festes Schuhwerk!

Wir brauchen eine halbe Stunde, um uns und unsere Räder vom schlimmsten Dreck zu befreien.

Der Weg zurück zur Straße ist beschwerlich. Alles ist voll Matsch, die Räder blockieren und wir müssen zu zweit mehr tragen als schieben. Auf festem Untergrund brauchen wir eine halbe Stunde, um uns und unsere Räder vom schlimmsten Dreck zu befreien. Nach 30 km erreichen wir Arak und finden bei einer Werkstatt einen Schlauch, mit dem wir unsere Räder abspritzen können. Die Arbeiter haben ihren Spaß mit uns und laden uns auf einen warmen Tee ein.

Selfies, Selfies, Selfies – hier mit den Mitarbeitern einer Autowerkstatt.

Weiter geht’s. Kurz nach Khomein überholt uns ein Auto mit jungen Iranerinnen. Sie grinsen mich an, sind modern gekleidet und ohne Kopftuch unterwegs. Sofort denke ich mir, dass ich gern mal von Frauen eingeladen werden möchte. Doch sie fragen nur, woher wir sind und fahren weiter. Es geht leicht aufwärts. Bis zum Dorf ganz oben müssen wir noch radeln, um dort Wasser aufzufüllen, bevor wir einen Schlafplatz suchen können. Da kommen sie zurück, die jungen Iranerinnen, und wir werden tatsächlich zu ihnen nach Hause eingeladen.

Was für ein Glück! Sie wohnen genau in dem von uns angepeilten Dorf. Noch dazu sieht es nach Regen aus. Also schnell den Berg rauf nach Margh. Es ist die erste Übernachtungseinladung im Iran, die wir annehmen und sie übertrifft all unsere Erwartungen. In einem kleinen Bauernhaus auf engstem Raum wohnen sie alle zusammen, wobei Fati und ihre Schwester nur am Wochenende hierher kommen. Das Leben ist einfach, aber dafür umso glücklicher. Selten habe ich so viele herzliche Menschen auf einem Fleck gesehen. Extra für mich gibt es Macceroni (so werden hier Spaghetti genannt) mit Sojabolognese und Kürbis aus dem eigenen Garten.

Abendessen mit Fatis Familie.
In der Mitte Fati und ihre Mutter.

Neugierig werde ich von den anwesenden Frauen befragt, was für ein Shampoo ich verwende und als sie auf meine von der Sonne ausgetrocknete Haut auf der Nase aufmerksam werden, wollen sie mir sofort eine Creme holen. Etwas unangenehm sind mir diese genauen Betrachtungen, wenn ich daran denke, wann ich die letzte richtige Dusche hatte. Wir bekommen einen eigenen Raum zum Schlafen, während sich alle anderen im Wohnzimmer wie Sardinen in der Dose zusammenzwängen. Außer in der Küche gibt es keine Möbel. Es wird am Teppich gekocht, gesessen, gegessen und geschlafen. Am nächsten Morgen drängen sich alle in die kleine Küche zum Frühstück. Nachden ich mal wieder genau beobachtet werde, wie ich mein Brot esse und für iranische Verhältnisse viel zu wenig Butter und Honig verwende, bekomme ich von allen Seiten dick beschmierte Brote dargereicht.

In der Küche.
Fatis Bruder lässt die Schafe raus.

Gut gestärkt geht es volle Kraft voraus nach Isfahan. Die letzten 200 Kilometer schaffen wir in zwei Tagen und erreichen bei strömendem Regen unseren zehnten „Warmshowers“ Gastgeber Reza. Keine zwei Stunden später kommt auch Chris angeradelt. Er hat sein Visum für Indien in der Tasche und wir freuen uns sehr, ihn wiederzusehen. Leider ist Rezas Wohnung ziemlich zugemüllt. Da seine Eltern sehr religiös sind, muss ich auch zu Hause Kopftuch tragen. Wir fühlen uns nicht richtig wohl und ziehen nach zwei Tagen zu Javad um, der ebenfalls auf „Warmshowers“ ist. Nachdem wir unsere Visa um ein weiteres Monat verlängert haben, können wir ein paar Sightseeing- und Entspannungstage in Isfahan einlegen.

Isfahan – für TouristInnen die wohl schönste Stadt Irans.

Die Übersiedelung hat sich absolut ausgezahlt, wir fühlen uns im riesigen Gästeraum bei Javad pudelwohl. Bei selbstgebranntem Dattel- und Rosinenschnaps plaudern wir über Religion, Politik und die kulturellen Unterschiede zwischen Europa und Iran. Es gäbe so viel über den Iran zu berichten. Wir haben jede Menge spannende Gespräche geführt und Begegnungen gehabt und so vieles über dieses Land und das Leben hier erfahren. Doch leider würde das den Rahmen unseres Berichts komplett sprengen. Am auffälligsten für uns ist wohl der beinahe schizophrene Unterschied zwischen öffentlichem und privatem Leben. Die Freiheit ist hier enorm eingeschränkt. Außerhalb der eigenen vier Wände müssen sich die Menschen extrem anpassen und können in so vielem nicht sie selbst sein.

Mit Javad beim Frühstücksbuffett im Hotel.

Uns ausländischen Reisenden geht es da viel besser. Wir genießen die Zeit bei Javad sehr, schauen uns die für TouristInnen wohl schönste Stadt Irans an, plündern das Frühstücksbuffett in einem der teuersten Hotels Irans (um nur sechs Euro!) und schlecken leckeres Eis. Nun befinden wir uns in der Mitte Irans, haben ungefähr die halbe Strecke bis zum Persischen Golf hinter uns gebracht und freuen uns auf weitere Abenteuer in diesem großartigen Land, in dem wir hoffentlich noch viel Zeit verbringen werden.


Marlen aus Lienz und Ferdi aus Salzburg starteten im Juni 2019 zu einer Weltreise auf dem Fahrrad. In neun Monaten radelten die beiden von Lienz mehr als 11.000 Kilometer durch 14 Länder bis in den Iran. Dann stoppte Covid 19 die beiden Globetrotter. Was sie bis zu ihrer Rückkehr in die Quarantäne erlebten, erzählt uns Marlen Schieder in einer spannenden, mehrteiligen Reisereportage. Viel Spaß!

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