Foto: Bill Oxford/Unsplash

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Was wir aus der Krise lernen? Listening to the Scientists!

Wir sollten auch in Klimafragen auf die Wissenschaft hören, die Folgen abschätzen – und handeln.

Wir folgen immer mehr der schwedischen Schülerin Greta Thunberg. Wir tun, was sie – an einer ganz anderen Front – von der Politik und letztlich von uns allen seit vielen Monaten mit einer weltweiten Schulstreikbewegung und deutlichen Worten fordert: wir hören auf die Wissenschaft! Wir setzen drastische Maßnahmen, die unser tägliches Leben spür- und sichtbar verändern. Diese Maßnahmen schränken unsere Freiheit ein, um großen Schaden von uns abzuwehren – also letztlich auch, um unsere Freiheit zu bewahren. Wir tauschen Freiheit gegen Freiheit, und uns ist klar, wir gehen dabei auf dünnem Eis. Wir dürfen die Souveränität über diesen Prozess nicht aus der Hand geben.

Wir werden dabei eher zum Tun gezwungen, als dass wir uns der Reflexion und dem Abwägen hingeben könnten, was wir tun sollten. Doch auch diese hohe Geschwindigkeit ist gut begründet.

Die Beispiele des amerikanischen und des brasilianischen Präsidenten zeigen, dass Populisten zu lange auf ihre vermeintliche Lösungsrhetorik vertrauen. Ihre ersten Reaktionen – entgegen wissenschaftlicher Evidenz – sind Ignoranz und Leugnen. Die großen Plapperprotze reden lange klein und verspotten, was man nicht sehen kann, von dem die Wissenschaft aber sagt, dass es existiert und wirkt, sei es ein Virus oder das CO2.

Wir könnten daraus lernen, dem Leugnen gegen wissenschaftliche Evidenz nicht mehr zu trauen, selbst wenn es rhetorisch noch so überzeugend vorgebracht wird und wir es gerne hören würden, weil das bequem ist. Realitäten wie das Virus entstehen nicht durch Kommunikation und einen überlegenen Diskurs und können damit auch nicht abgewehrt werden. Irgendwann werden die Leugner von der Wirkung des Geleugneten überrollt und die Fakten lassen sich nicht mehr unter den Teppich kehren.

Schnell und entschlossen handeln

Verglichen mit der Klimaerhitzung geht die Ausbreitung der Corona-Krise rasend schnell vor sich. Und wir handelten gegen die Verbreitung des Virus evidenzbasiert zu einem Zeitpunkt, wo seine Wirkungen bei uns praktisch noch kaum spürbar waren.

Die Klimakrise wirkt demgegenüber immer noch wie ein ferner Donner. Aber wir wissen um unsere kognitive Voreingenommenheit: je weiter räumlich oder zeitlich entfernt uns eine Gefahr erscheint, desto weniger sind wir bereit, gegen sie zu agieren. Wir wissen, wir täuschen uns in dieser Hinsicht gerne selbst.

Viren sind unsichtbar, genauso, wie das Kohlendioxid unsichtbar ist, das wir in unserer Atemluft zu Milliarden Tonnen pro Jahr deponieren. Doch beide wirken. Trotz der Unsichtbarkeit setzen wir jetzt drastische Handlungen, um die fatalen Wirkungen des Unsichtbaren zu begrenzen – zumindest einmal bei den Viren.

Unser Verhalten ändern?

Als der Arzt Ignaz Semmelweis 1848 in evidenzbasierten Studien nachwies, dass Ärzte ihre Hände waschen und desinfizieren sollten, weil das den Tod vieler Frauen und Säuglinge durch das Kindbettfieber drastisch reduzieren würde, schlug ihm jahrelanger wütender Protest seiner Kollegenschaft entgegen. Sie wollten ihr Verhalten nicht ändern und glaubten ihm nicht. Erst mit Verzögerung konnte sich seine vorgeschlagene Verhaltensänderung durchsetzen.

Geht so etwas heute schneller? Wir alle verzichten beispielsweise auf die Verwendung von FCKW in Spraydosen, seit klar wurde, dass diese eine Gefahr für die schützende Ozonschicht der Atmosphäre sind. Es war kein freiwilliger, sondern ein verordneter Verzicht, erzwungen durch das sogenannte Montreal-Protokoll zum Verbot ozonschichtzerstörender Substanzen. Mit dem Montreal-Protokoll hat die Menschheit bewiesen, dass sie zu evidenzbasierten, globalen, synchronen Verzichtshandlungen in der Lage ist.

Beraubt uns dieser Verzicht eines Teiles unserer Freiheit? Wir alle haben ihn gut verkraftet. Wir haben uns eingeschränkt, ohne daran Schaden zu leiden.

Im Augenblick ändern wir unser Verhalten in großer Geschwindigkeit, und wir sind selbst darüber überrascht. Allerdings agieren wir in der Erwartung, diese Änderung sei temporär, kurz bis maximal mittelfristig. Es geht um die Abwehr einer momentanen Gefahr.

Aber worauf würden wir langfristig verzichten?

Abwehr oder Aufbau?

Was den Schutz unseres Lebensraumes und unserer Umwelt angeht, reden wir seit vielen Jahrzehnten von Vermeiden und Verzicht. Das Waldsterben Anfang der 1980er Jahre konnte dank raffiniertem Technologieeinsatz und Verboten vermieden werden. Die Ausbreitung des Ozonlochs über die Antarktis hinaus wurde dank Montreal-Protokoll (dem Verzicht auf FCKW), wie gesagt, erfolgreich vermieden. Ebenso soll in dieser Tradition jetzt der Klimawandel vermieden werden. Dazu sollen wir auf eine Reihe von Handlungen verzichten, von Flugreisen über Emissionen von fossilem Kohlenstoff bis zu hohem Fleischkonsum. Die Geschichte der Umweltbewegung ist wesentlich eine Geschichte erfolgreich vermiedener Schäden und des Verzichts auf gewisse Handlungen und Technologien. Und das Wort „Verzicht“ bringt wahrscheinlich viele Menschen in eine reservierte bis abwehrende Haltung.

Wir wissen, dass die Welt auf die Klimakrise so reagieren müsste, wie bestimmte Staaten – auch Österreich – jetzt auf das Coronavirus reagieren: schnell, auf wissenschaftlicher Basis, entschlossen, tiefgreifend, weitwirkend, sozial ausgewogen. Bei der Reaktion auf die Klimakrise geht es aber weniger darum, etwas zu vermeiden, sondern etwas Neues aufzubauen.

Um die große Gefahr der Klimakrise abzuwehren, die uns wesentlich langsamer als das Virus, aber nicht weniger bedrohlich exponentiell entgegenwächst, brauchen wir keinen Stillstand unserer Wirtschaft. Wir müssen dem starken Ochsen Wirtschaft, der den Wagen zieht, aber mit viel mehr Selbstbewusstsein als bisher – mit Selbstbewusstsein, das auf dem tragenden Fundament wissenschaftlicher Evidenz aufliegt – die Richtung vorgeben, in die er ziehen muss – und die, in die er nicht gehen darf: es geht in Richtung einer hocheffizienten, kreislaufnahen Wirtschaft, die in Zukunft ohne den bedenklichen Kohlenstofftransfer von der Erdkruste in unsere Atemluft funktionieren muss: Kohle, Erdöl und Erdgas müssen bleiben, wo sie sind, das ist wissenschaftlich hochevident. Die Technologien dafür, sie zu ersetzen, kennen wir, sie sind erprobt, sie funktionieren. Doch ihr Einsatz wird verzögert und behindert: im Gegensatz zu Corona gibt es bei der Klimakrise mächtige wirtschaftliche Interessen, die davon profitieren, dass sie nicht gelöst wird.

Der Corona-Tsunami wird abklingen. Wir werden uns danach aber in einer anderen Welt wiederfinden, und diese können wir gestalten. Wir müssen uns schon jetzt überlegen, wie wir sie haben wollen. Das Geld, das letztlich wir alle für den Neustart nach der Krise ausgeben, muss im Sinne einer lebbaren Zukunft verwendet werden.


Johannes Schmidl hat Wurzeln in Osttirol, studierte Physik und Philosophie in Graz und Wien und beschäftigt sich seit fast 30 Jahren mit den verschiedensten Aspekten des Themas Energie. 2000 erhielt er den Ö1 Essaypreis, 2009 erschien sein Roman „Die Kalte Fusion“. Seine Essays „Energie und Utopie“ (2014) und „Bauplan für eine Insel“ (2016) erschienen in Buchform und beschäftigen sich mit dem utopischen Diskurs. Schmidl plädiert dafür, diesen wieder aufzunehmen: „Wir brauchen Utopien – und wir müssen uns vor ihnen hüten.“ Der hier veröffentlichte Artikel wurde Ende März verfasst und erschien erstmals am 9. April in der Wochenzeitung „Die Furche“.

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