Bachmann-Preis: Lob für Freudenthaler, Kritik für Haider

Am dritten Lesetag präsentierten sich zwei sehr unterschiedliche Autorinnen aus Österreich.

Der Vormittag des dritten und letzten Lesetags der 44. Tage der deutschsprachigen Literatur gehörte den österreichischen Stimmen: Mit Lydia Haider und Laura Freudenthaler gab es zwei sehr unterschiedliche Auftritte. Am letzten Lesetag brachte sich Freudenthaler für einen der Preise ins Spiel, davor musste Haider einige Kritik einstecken.

Die 1985 in Steyr geborene und in Wien lebende Lydia Haider trug mit „Der große Gruß“ eine gewohnt ruppig-politische Wutrede rund um Hunde und Waffengewalt vor, der besonders dadurch hervorstach, dass er aus einem einzigen Satz besteht. So heißt es darin etwa: „… zur Sache und Verständnis als Vorspann für alles Dämliche in der Welt, da es überquillt lang und längstens und so muss gesagt werden, was die Sager nicht sagen, schau hin Wichsbirne, wo leuchtest du noch…“. Anders als viele ihrer Kollegen meldete Haider sich in der vorab aufgezeichneten Lesung aus einem Wiener Beisl. Eingeladen worden war die Germanistin und zweifache Mutter von Jurymitglied Nora Gomringer.

Lydia Haider wurde von der Jury nicht unbedingt zart angefasst.

Diese war es denn auch, die als einzige versuchte, den Text zu verteidigen. Insa Wilke fühlte sich an den Wiener Aktionismus erinnert und fragte: „Meint der Text, dass das Ganze wiederholt werden muss? Eine Wiederbelebung, ohne dass etwas dazu kommt, hat für mich wenig Wirkung.“ Den sich „nicht steigernden Maximalismus der ersten Seiten“, der sich in Folge nicht mehr steigern ließe, kritisierte Juryvorsitzender Hubert Winkels, der dem Text „vielfältige Probleme attestierte“ und monierte, dass der im Text geäußerte Hass „keinen Gegenstand außer sich selber“ habe. Auch Klaus Kastberger konnte „wenig damit anfangen“, Haider betreibe einen „riesigen rhetorischen Aufwand“, der Text sei „eine Wutrede, mir ist aber nicht klar, wen er eigentlich adressiert“. Hier spreche eine Art „Rachegöttin im Hausmeisterinnen-Ton“. Fazit: „An mir ist der Text vorbeigegangen.“

Philipp Tingler löste gleich zu Beginn eine Kontroverse aus, als er sogleich die Autorin fragte, welches Anliegen sie verfolge. Brigitte Schwens-Harrant hob die „hohe Künstlichkeit“ der Sprache hervor, die allerdings Distanz zum Thema schaffe. Für Michael Wiederstein hat sich der Text erst durch den Vortrag erschlossen: „Davor war er für mich ein blutiger Brei.“

Nora Gomringer versuchte vergeblich zu erklären, dass der Text auf eine kollektive Bedrohung hinauslaufe. Als performativen Schlussakt lieferte Haider – umringt von lautstarken Fans mit Transparenten – einen kaum verständlichen Schlussmonolog, was Kastberger zu einer bissigen Zusammenfassung verleitete: „Der Text ist im eigenen Jubel untergegangen.“

Laura Freudenthaler zählt seit ihrem Vortrag beim diesjährigen Bachmann-Preis zu den Favoritinnen. Foto: APA

Die 1984 in Salzburg geborene und seit ihrem Studium (Germanistik, Philosophie und Gender Studies) in Wien lebende Autorin Laura Freudenthaler („Die Königin schweigt“, „Geistergeschichte“) bildete mit ihrem ruhigen Vortrag von „Der heißeste Sommer“ schließlich einen deutlichen Kontrast zur vorherigen Lesung. Ihre Erzählerin beobachtet mit mysteriösen, blutigen Lippen das Aufkommen einer Feldmaus-Plage in einem Dorf sowie das langsame Voranschreiten von Erdfeuern, die aufgrund der Trockenheit um sich greifen. „Erdfeuer verbinden Oberwelt und Unterwelt. Sie verbrennen, was dem Erdreich angehört, und atmen den Sauerstoff der Atmosphäre. Zum Einschlafen frage ich mich, ob man, wenn das Feuer im Schlaf kommt, von der Wärme wach wird, vom Geruch oder von den Geräuschen.“

Schnell wurde deutlich, dass sich Freudenthaler damit an die Spitze der potenziellen Preisträgerinnen geschrieben hat. Insa Wilke lobte die Nüchternheit, mit der Freudenthaler beschreibt, wie Dinge außer Kontrolle geraten: „Der Text hat eine unglaubliche Wucht.“ Für Kastberger war es heuer der erste Text, der an die Namensgeberin des Bachmann-Preises herankomme. Gäbe es eine Aktie, würde er „wetten, dass das eine der aufkommenden Kräfte der deutschsprachigen Literatur sein wird“. Freudenthaler könnte „eine aus tausend sein, die bleiben wird“.

Selbst Tingler hielt sich für seine Verhältnisse mit negativer Kritik zurück, allerdings vermisste er eine „narrative Struktur“ im Text. Winkels zeigte sich zwar von der „atmosphärischen Dichte“ erreicht, kritisierte aber die vielen losen Fäden. Für Schwens-Harrant, die die Autorin nominiert hatte, ist der Text „ein Meisterwerk der Literatur“.

Am Nachmittag folgt um 12.30 Uhr Katja Schönherr, ehe um 13.30 Uhr Meral Kureyshi den dritten und letzten Lesungstag abschließt. 3sat überträgt wie jedes Jahr die Lesungen und Diskussionen sowie die sonntägige Preisverleihung live. Der Bewerb wird auch im Internet gestreamt.

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