„Familienaufstellung“ der Justiz im Ibiza U-Ausschuss

Vor der Sommerpause waren Verwerfungen zwischen den einzelnen Behörden das Thema.

Die beiden letzten Tage im Ibiza-U-Ausschuss vor der Sommerpause haben einer Familienaufstellung der Justiz geglichen. Schließlich haben die Ermittlungen gezeigt, dass sich die einzelnen Behörden – Staatsanwaltschaft Wien, Wirtschafts- und Korruptionsanwaltschaft und Polizei, aber auch Justizministerium – teils nicht grün sind. Und das wurde am Mittwoch und Donnerstag thematisiert.

Am Donnerstag wurde zunächst die Leiterin der Staatsanwaltschaft Wien Maria-Luisa Nittel befragt, gefolgt von Gregor Adamovic von der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA). „Das Puzzle ist komplex, aber wir haben schon sehr viele Teile zusammengefügt“, sagte der Ermittler. Politische Angriffe auf seine Behörde wies er zurück. Selten zuvor sei in einem derart komplexen Sachverhalt in kurzer Zeit so viel Aufklärung erfolgt.

Nittel wiederum verteidigte, dass die Staatsanwaltschaft Wien die Kollegen von der Korruptionsstaatsanwaltschaft nicht über den Fund des Ibiza-Videos informiert hatte. Es sei nicht ihre Aufgabe, andere Dienststellen zu informieren. Sie habe vom Ermittlungserfolg Ende April erfahren. Am 25. Mai habe dann SoKo Tape-Leiter Andreas Holzer plötzlich angerufen und ein Hintergrundgespräch zu den Ermittlungen und zur Sicherstellung des Videomaterials angekündigt. „Wir alle waren nicht begeistert davon, an die Medien zu gehen, da das Ermittlungsverfahren noch im Laufen war“, betonte Nittel. Erst dann habe sie mit Sektionschef Christian Pilnacek – der war am Mittwoch im U-Ausschuss teils aggressiv aufgetreten – gesprochen. Dass der Bericht der Soko Tape so lange auf sich warten ließ, sei womöglich durch die Coronakrise bedingt gewesen.

Der parlamentarische Untersuchungsausschuss zur Causa Ibiza gönnt sich nach intensiven Wochen eine Sommerpause. Foto: APA

Adamovic übte Kritik an der SoKo Tape, schließlich habe man nach privaten Verbindungen der Ermittler gefragt. Dies sei aber bloß allgemein verneint worden. Und dann sei man nach der Sicherstellung des Handys von Ex-Vizekanzler Heinz Christian Strache auf die seltsame Nachricht von Niko R. gestoßen, in der dieser Strache schrieb: „Lieber HC, ich hoffe auf einen Rücktritt vom Rücktritt… die Politik braucht dich“. „Für uns war unverständlich, dass das von der SoKo-Leitung nicht offen gelegt wurde, obwohl die Verbindung bekannt war und wir danach gefragt haben“, so Adamovic.

Aufregung kam auf, als der WKStA-Mann selbst eine nicht öffentliche Unterlage mit ÖVP-Wasserzeichen auspackte, die seiner Behörde dieser Tage samt anonymem Schreiben auf einem USB-Stick geschickt wurde. Es handelte sich um einen Soko-Sachstandsbericht zu den Ibiza-Ermittlungen der Soko Tape vom Dezember 2019. Laut Adamovic wurde das Dokument, wenn er sich richtig erinnere, schon im Februar erstellt. Das habe die forensische Untersuchung der WKStA gezeigt.

„Die Sache ist sehr aufklärungsbedürftig“, betonte ÖVP-Fraktionschef Wolfgang Gerstl. „Warum ich mich an Sie wende?“, heißt es im Schreiben des anonymen Informanten, das der APA vorliegt: „Der Bericht wurde an Journalisten verteilt, um damit verdecktes dirty campaigning gegen die WKStA zu betreiben.“ Der Autor thematisiert dabei Ausführungen von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) über ein „rotes Netzwerk“ bei einem Hintergrundgespräch.

Vor Beginn des Befragungstages hatten die U-Ausschuss-Politiker auf Nachfragen von Journalisten Zwischenbilanzen zu den bisherigen Erkenntnissen der parlamentarischen Aufklärungsarbeit unter dem Übertitel einer mutmaßlichen Käuflichkeit der früheren ÖVP-FPÖ-Regierung gezogen. Die Grünen als kleine Regierungspartei waren hier auffällig nahe an der SPÖ, weniger bei ihrem Regierungspartner Volkspartei.

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