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Auto braucht die Familie Kacetl keines. Trotzdem sind die vier unglaublich mobil, zu Fuß, mit dem Fahrrad – und zwar ohne Elektroantrieb! – und mit den Öffis. Fotos: Dolomitenstadt/Wagner

Auto braucht die Familie Kacetl keines. Trotzdem sind die vier unglaublich mobil, zu Fuß, mit dem Fahrrad – und zwar ohne Elektroantrieb! – und mit den Öffis. Fotos: Dolomitenstadt/Wagner

„Für unsere Kinder“ – Über ein autofreies Leben

Seit neun Jahren sind die Kacetls ohne Auto mobil. Wie sich ein ganz normaler, manchmal auch chaotischer Familienalltag ohne benzin- oder dieselbetriebenes Vehikel managen lässt. Und was man alles mit dem Fahrrad transportieren kann.

Ein Leben ohne Auto? Für viele Menschen heute kaum vorstellbar. Vor allem im ländlichen Raum. „Da fährt ja nicht alle 5 Minuten eine Straßenbahn vorbei“, heißt es oft.

Auf 8,9 Millionen Einwohner oder knapp 4 Millionen Privathaushalte in Österreich kommen rund 5 Millionen zugelassene Personenkraftwägen. Über den Daumen gerechnet hat also jeder Haushalt etwas mehr als ein Auto vor der Haustüre stehen.

Nicht so die Familie Kacetl aus Lienz. Die vierköpfige Familie – das sind Papa Gernot, Mama Katharina und ihre beiden Töchter Tabea und Mirjam – ist seit neun Jahren autofrei unterwegs. Wir treffen die lebenslustige und unglaublich mobile Familie im Café Bittersüß – ihrem Stammcafé, wie wir später erfahren, als die beiden Mädchen sich jeweils einen „Hausbecher“ wünschen. Und: Die vier kommen zu Fuß.

Wir treffen Mama Katharina, die beiden Töchter Tabea und Mirjam und Papa Gernot in ihrem Lieblingscafé in Lienz.

Warum bei ihnen kein Auto vor der Haustür steht? „Wir brauchen einfach keines“, schmunzelt Katharina. Sie wissen zwar um den Luxus eines eigenen Autos – früher haben Gernot und Katharina jeweils einen eigenen Pkw besessen – doch irgendwann wurde ihnen bewusst, dass das gar nicht notwendig ist. „Wir wohnten damals im Stadtzentrum in Lienz und ich fuhr bei schönstem Wetter zum Hofer einkaufen, als mir klar wurde, dass ich die Strecke doch ganz leicht mit dem Fahrrad hätte bewältigen können“, erzählt Katharina. Zuerst wurde ein Auto verkauft, später folgte das Zweite. Inzwischen ist der Tiefgaragenparkplatz des Eigenheimes in Stadtnähe vermietet.

Tabea und Mirjam wachsen ohne Auto auf. Derzeit sind Ferien und der Weg zur Schule bleibt ihnen „erspart“ - den würden sie sonst mit dem Bus bzw. neuerdings auch zu Fuß zurücklegen.

Doch wie managt man den Alltag einer vierköpfigen Familie ohne ein eigenes Auto? „Es bedarf ein bisschen Organisation, doch im Großen und Ganzen ist es gar nicht so schwierig“, meint Gernot. Er selbst pendelt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu seiner Arbeit, er unterrichtet an drei verschiedenen Musikschulen im Drautal – und hat an jedem Bahnhof ein Fahrrad stationiert. Katharina ist mit dem Fahrrad zu ihrer Arbeitsstätte unterwegs und die beiden Kinder fahren mit dem Bus zur Schule. Oder sind neuerdings auch zu Fuß unterwegs: „wegen der Maskenpflicht im Bus“.

„Blumenerde oder auch unseren Christbaum haben wir schon mit dem Fahrrad heimgebracht.“

Katharina Kacetl

Auch die Lebensmitteleinkäufe werden ohne Auto erledigt. „Das geht mit dem Fahrrad. Dann fahren wir halt nicht nur einmal in der Woche einkaufen, sondern zweimal oder öfter“, meint Gernot. Außerdem kaufe man dann wirklich nur das, was man auch wirklich brauche, „soviel hat in den Körben und dem Rucksack ja dann doch nicht Platz“. Und: So verdirbt auch weniger im Kühlschrank. Auch größere und sperrigere Anschaffungen lassen sich mit dem Fahrrad transportieren. Eine Waschmaschine war zum Glück noch nie dabei, schmunzeln Katharina und Gernot über meine Frage, „Blumenerde oder auch unseren Christbaum haben wir schon mit dem Fahrrad heimgebracht“.

„Ein E-Bike nehm' ich erst, wenn ich ins Altersheim gehe.“

Katharina Kacetl

E-Bikes sind dabei aber kein Thema: „das nehm' ich erst, wenn ich ins Altersheim gehe“, lacht Katharina. Genauso wenig halten die beiden von anderen elektrobetriebenen „Mobilitätshilfen“ wie E-Scooter oder Hoverboards. Auch Elektroautos stehen sie eher kritisch gegenüber: „Vor allem wegen der Herstellung und der Entsorgung der Batterien“, so Gernot. Sie hätten sich zwar schon überlegt, das E-Car-Sharing-Angebot „Flug“ zu nutzen, doch wenn die Familie ein Auto braucht, dann meistens spontan und beim Car-Sharing sind die Autos eben nicht jederzeit verfügbar. „Trotzdem ist es ein tolles Angebot“, so Gernot.

Allgemein habe sich die Mobilitätssituation im Bezirk in den letzten Jahren sehr gebessert. Auch die Lienzer „Geisterbusse“ seien seit der Umstellung des Fahrplans besser gefüllt. Und den Fahrplan hat die Familie sowieso im Kopf. „Der Bus nach Gaimberg ist leider vor acht Minuten gefahren“, lacht der Familienvater, als wir erklären, wo wir als nächstes hinmüssen.

Auch weitere Strecken legt die Familie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurück. Gernot stammt ursprünglich aus dem Ennstal in der Steiermark, Verwandtenbesuche werden mit dem Zug erledigt und in den Urlaub reisen die Kacetls ebenfalls mit den Öffis. „Wo es keine öffentlichen Anbindungen gibt, fahren wir eben nicht hin“, meint Katharina, das sei allerdings nicht weiter schlimm.

„Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.“

Gernot Kacetl

Jahresticket für die öffentlichen Verkehrsmittel hat die Familie keines, zusammen mit dem Tiroler Familienpass seien die Preise allerdings nicht sonderlich hoch. Und das meiste erledigen die vier ohnehin mit dem Rad oder zu Fuß. „Wetterfest muss man halt sein. Aber grundsätzlich gibt es kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“, erklärt Gernot. Nur an wirklich stürmischen Tagen greifen sie auf ein Taxi zurück.

„Für unsere Eltern ist ein eigenes Auto eine Selbstverständlichkeit. Sie verstehen unsere Beweggründe nicht immer“, erzählt Gernot.

„Einmal waren wir bei den Umbalfällen wandern und wollten mit dem letzten Bus nach Hause fahre, nur leider haben wir uns am falschen Fahrplan orientiert. Dann war der letzte Bus schon weg“, erzählt Katharina. In solchen Fällen kann ihre Mutter, die am Iselserg wohnt, aushelfen.

„Für unsere Eltern ist ein eigenes Auto eine Selbstverständlichkeit. Sie verstehen unsere Beweggründe nicht immer“, so Gernot. Sein Vater wollte ihnen vergangenen Herbst sogar ein Auto schenken, die beiden haben aber abgelehnt. „Es geht uns ja nicht um den finanziellen Aspekt“, erklärt Katharina, auch das würde ihnen manchmal nachgesagt werden, „aber man spart natürlich einiges an Geld.“

Gernot hat es einmal überschlagsmäßig ausgerechnet, in neun Jahren ohne Auto spart man etwa 35.000 Euro. Glaubt man diversen Internetquellen, die angeben, ein Auto koste monatlich im Durchschnitt 520 Euro, kommt man in neun Jahren sogar auf 56.000 Euro. Immerhin fallen Anschaffungskosten, Wertverlust, Reparaturen, Versicherungen, Spritkosten und vieles mehr weg. Oder auch Strafzettel – mit dem Fahrrad kommt man nur selten ins Vergnügen von der Polizei aufgehalten zu werden.

Der Nachhaltigkeitsgedanke ist bei den Kacetls präsent: „Wir müssen an unsere Kinder denken, an die nächste Generation", so Gernot.

Viel wichtiger ist den Kacetls der Zukunftsgedanke: „Wir müssen auch an unsere Kinder denken, an die nächste Generation, der Klimawandel ist präsent“, sagt Gernot mit einem Blick zu seinen Töchtern.

Menschen, die überlegen, ob sie auch ohne Auto auskommen würden, raten sie, einmal eine „Testphase“ zu machen. „Der Mensch neigt immer eher zu Bequemlichkeit, aber man kommt drauf, dass es gar nicht so schwer ist, ohne Auto zu leben“, meinen Katharina und Gernot abschließend.

Anna Maria Huber kommuniziert Neues aus der Wissenschaft für die Uni Innsbruck und schreibt als freie Autorin für dolomitenstadt.at. Ihre Stärken sind penible Recherchen und die Fähigkeit, komplexe Inhalte in klare und verständliche Artikel zu verwandeln.

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