Zedlacher Lärchen schützen Ameisen vor Epidemien

Außerdem bietet das Zedlacher Paradies Platz für Weidevieh und seltene Pilzarten.

Die alten Lärchen auf den Weiden im Zedlacher Paradies bei Matrei wissen sicher einiges zu erzählen ­- die ältesten sind immerhin fast 350 Jahre alt – die jüngste ihrer Geschichten ist allerdings eine tragische: Auch das Paradies blieb von den Unwettern im Jahr 2019 nicht verschont.

Normalerweise kann man die rund 50 dort wachsenden Lärchen über einen Waldlehrpfad erreichen, dieser ist derzeit allerdings gesperrt, die Aufräumarbeiten dauern noch an. Aus menschlicher Sicht mag das unordentlich aussehen, aus biologischer Sicht freut man sich über einen Schritt Richtung Naturnähe.

Wobei es im Zedlacher Paradies an Natur und Biodiversität ohnehin nicht mangelt. Im Buch „Von Bäumen, Quellen und Wasserfällen – Naturdenkmäler in Tirol“ von den Professoren Irene und Heinz Schatz, wird das Zedlacher Paradies zu den schönsten Naturdenkmälern in Tirol gezählt. Es sind allerdings nur die imposantesten der alten Lärchen als Naturdenkmäler ausgewiesen. Der frühere Naturschutzbeauftragte des Bezirks, RR Hans Waschgler (verst. 1995) vertrat schon im Jahr 1963 den Standpunkt, „dass es nicht genüge, nur markante Bäume und Baumgruppen zu schützen“, vielmehr sei das charakteristische Landschaftsbild des Zedlacher Paradieses zu erhalten. Damals hätten sich allerdings die Waldbesitzer gegen eine Unterschutzstellung des Gebietes ausgesprochen, schreiben die „Osttiroler Heimatblätter“ im Jahr 1979.

Der Anteil der abgestorbenen Lärchen im Zedlacher Paradies ist allerdings auffallend hoch, deshalb wäre es heute umso wichtiger, das gesamte Gebiet zu schützen und auch für Nachwuchs zu sorgen. So könnte die Erhaltung des Paradieses über große Zeitspannen gesichert werden.

Einige der geschützten Bäume recken noch stolz ihre Äste in die Luft (links). Auffallend viele sind allerdings abgestorben (rechts). Alle Fotos: Legniti

Dass die alten Lärchen in dieser Form auf den Zedlacher Weiden angesiedelt sind, kommt nicht von ungefähr: Seit Jahrhunderten haben die Bauern von Zedlach immer wieder Fichten aus dem ursprünglichen Mischwald entfernt, den Wald gepflegt und die Lärchen als Schattenspender und Kratzbäume für das Weidevieh belassen. Die Nadeln, die die Lärche als einziger heimischer Nadelbaum im Winter fallen lässt, düngen außerdem den Boden. Darauf weist auch der lateinische Name der Lärche hin: „decidua“ steht für „abfallend, laubwerfend“.

Ein Schwefelporling, auch „chicken of the woods“ genannt, auf einer Lärche im Zedlacher Paradies.

Wanderer, die mit einem leeren Bauch ins Zedlacher Paradies kommen, können nicht nur auf der Woden Alm einkehren, auch an den Bäumen gibt es so manche Leckerei. Auf den Lärchen lebt das „chicken of the woods“. Um in den kulinarischen Genuss des „Hühnchens“ zu kommen, muss kein Vogel erlegt werden, es handelt sich um einen Pilz. Den englischen Beinamen hat der Schwefelporling aufgrund seines Geschmacks, der an Hühnchen erinnert. Leider sind ältere Exemplare oft sehr bitter im Geschmack und nicht mehr genießbar, einen schönen Anblick bieten sie dennoch.

Links der „Bittere Lärchen-Baumschwamm“, rechts der Mistborstling, der getreu seinem Namen auf Kuhfladen gedeiht.

Ein weiterer Pilz, der „Bittere Lärchen-Baumschwamm“ ist im Zedlacher Paradies häufig zu finden, österreichweit steht er allerdings auf der Roten Liste der gefährdeten Großpilze in Österreich. Durch seine unverwechselbare, an einen Bienenkorb erinnernde Wuchsform, ist der Schwamm leicht zu entdecken.

Die wundersame Welt der Pilze hört nicht am Waldboden oder auf Bäumen auf, auch unwirtliche Orte werden bewohnt. Für Pilze der Gattung Cheilymenia ist ein Kuhfladen durch die Feuchtigkeit und die vielen Nährstoffe ein wahrliches „Luxusapartment“. Der deutsche Name Mistborstling könnte treffender nicht sein.

Ohne „Händewaschen“ darf niemand in den Ameisenbau – das Harz der Lärchen hat eine desinfizierende Wirkung.

Über Lärchenweiden freuen sich auch Ameisenstaaten. Auf ihren dichtbewohnten Haufen muss der Ausbruch von Krankheiten verhindert werden. Sinnvoll ist es, Krankheitserreger wie Pilze und Bakterien erst gar nicht in den Bau eindringen zu lassen. Ameisen bedienen sich zum Schutz vor Keimen an einem „natürlichen Desinfektionsmittel“, dem Harz der Lärchen. Arbeiter sammeln dafür kleine Harzbröckchen ein und bedecken damit den Ameisenhaufen. Jede Ameise, die den Bau betritt, wäscht sich also vor dem Eintritt die Hände – eine Einstellung, die auch wir uns zu Herzen nehmen sollten.


Simon Legniti studiert Naturschutz und Biodiversitätsmanagement. Er schreibt an einer Masterarbeit über Osttirols Naturdenkmäler und bittet unsere Leserinnen und Leser, sich bei ihm mit Vorschlägen für mögliche Naturdenkmäler zu melden, im Idealfall mit Ortsangabe, kurzer Beschreibung und einem Foto an: simon.legniti@gmail.com.

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bb

Sehr interessant - danke!