Im Winter erkennt man die großen Bäume rund um den Bierkeller besonders gut.

Im Winter erkennt man die großen Bäume rund um den Bierkeller besonders gut.

Ein Naturdenkmal als Kühlbox für Gerstensaft?

Die geschützte „Baumgruppe beim Bierkeller in Ainet“ hatte einst eine wichtige Aufgabe.

Sie haben noch nie von einem Bierkeller in Ainet gehört? Dann lüften wir jetzt ein kleines Geheimnis. „Hopfen und Malz, Gott erhalt’s“ – auf diese göttliche Unterstützung hat man sich bei der Aufbewahrung von Bier in der Iseltaler Gemeinde früher nicht verlassen. Um das alkoholische Getränk möglichst lange zu konservieren, wurde ein Felsenkeller – die erste Aufzeichnung stammt aus dem Jahr 1883 – am Waldrand im Westen von Ainet errichtet.

Viel ist nicht mehr übrig vom ehemaligen Felsenkeller, dem Kühlraum für das Aineter Bier.

Die großen Bäume, die wir heute noch rund um den alten Bierkeller bestaunen können, sind ein Naturdenkmal. Sie waren schon damals wichtige Schattenspender, die das Bierdepot vor allzu starker Sonneneinstrahlung schützten, wie Bürgermeister Karl Poppeller erzählt. Durch die versteckte Lage ist der schöne Baumbestand beim Bierkeller in Vergessenheit geraten. Das war jedoch nicht immer so, wie in der Gemeindechronik von Ainet nachzulesen ist. Einst wurden im Schatten der Baumriesen bei kühlem Biergenuss fröhliche Feste gefeiert. Heute dient der alte Keller zur Aufbewahrung von Jungpflanzen.

Das waren noch Zeiten! Unter den Linden und Ahornbäumen beim „Bierkeller“ wurden Sommerfeste gefeiert. Fotos: Josef Obertscheider

Unter Naturdenkmalschutz stehen aktuell sechs große Linden und Ahornbäume. Ein echtes biologisches Highlight versteckt sich aber auch im Bierkeller selbst. In der Finsternis dieser Felsenhöhle wohnt die Kollars Höhlenschrecke.

Diese ungewöhnliche Heuschreckenart wurde in keinem anderen Tiroler Bezirk gesichtet. In Osttirol beschränkt sich ihre Verbreitung auf den Lienzer Raum. Mit einem grünen „Heuhupfer“ hat dieses Tier nur mehr wenig gemein. Die langen Antennen der Höhlenschrecke, die reduzierte Pigmentierung und die Flügellosigkeit sind Beispiele für die Anpassung an den extremen Lebensraum. Auf den drei Bildern unten ist ein Männchen zu sehen. Männliche Kollars Höhlenschrecken sind selten zu beobachten! In der Schweiz wurden bis dato nur weibliche Tiere gesichtet. Die Individuen dort vermehren sich über die sogenannte Jungfernzeugung und kommen somit schon lange ohne Männchen aus.

Der Bierkeller ist vermutlich schon einige hundert Jahre alt. Im hinteren Bereich haben sich sogar kleine Tropfstein-Stalaktiten gebildet.

Die sechs großen Bäume beim Bierkeller sind die letzten „Überlebenden“ einer einst großen Baumgruppe. Über die Jahrzehnte stürzten einige dieser Bäume altersbedingt um, andere wurden bei einem Felssturz 1966 geknickt. Im Sommer 2020 fiel ein weiterer Riese, der größte und älteste Baum der Gruppe, niedergestreckt vom gefürchteten Brandkrustenpilz. Laubbäume, die von diesem parasitischen Pilz befallen sind, können nicht mehr gerettet werden. Die schon stark ausgelichtete Baumgruppe rund um den Bierkeller Ainet zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, auch unter den Naturdenkmälern für „Nachwuchs“ zu sorgen.

Ein Kleiber nutzt das Höhlenangebot der alten Bäume für seinen Nachwuchs, an der knorrigen Rinde klettert der Vogel auf der Suche nach Nahrung auf und ab.
Ein Rehbock besucht den Bierkeller und ist sichtlich überrascht, dass sich auch ein Mensch dort blicken lässt.
Im Sommer 2020 fiel der größte der geschützen Bäume auf das angrenzende Feld – gefällt vom gefürchteten Brandkrustenpilz. Die Linde war rund 260 Jahre alt. Selten sieht man einen so mächtigen Baum, der von selbst umfallen darf. Im städtischen Raum wird der natürliche Prozess aus Sicherheitsgründen mit der Motorsäge beschleunigt. Fotos: Legniti

Simon Legniti studiert Naturschutz und Biodiversitätsmanagement. Er schreibt an einer Masterarbeit über Osttirols Naturdenkmäler und bittet unsere Leserinnen und Leser, sich bei ihm mit Vorschlägen für mögliche Naturdenkmäler zu melden, im Idealfall mit Ortsangabe, kurzer Beschreibung und einem Foto an: simon.legniti@gmail.com.

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