Über das Wollen und Wünschen im kreativen Lockdown

Peter Dörflinger schuf im Frühjahr eine Skulptur, die von seinen Träumen erzählt.

Wir alle haben den Lockdown erlebt. Er hatte sich angekündigt und uns doch überrascht. Alles war anders als sonst. Doch was war sonst?

Jeder hat die Plötzlichkeit und die Dauer dieses kollektiven Ereignisses aus seinem subjektiven Blickfeld erlebt, zumal es ihn für unabsehbare Zeit weitgehend auf ihn selbst zurückwarf. Es gibt aber eine Erfahrung, die sich in der Erinnerung vieler übereinstimmend festgesetzt hat: Man konnte nun, frei von Gewohnheit und den üblichen Zwängen etwas angehen, das man bisher verschoben oder in den unteren Etagen seines Bewusstseins archiviert hatte. Dass man daraus jedoch kein Plädoyer für die Verräumung des kulturellen Lebens ins Virtuelle ableiten kann, sei am Beispiel Peter Dörflingers illustriert.

Als Bildhauer ist Dörflinger Ein-Personen-Unternehmer. Um diesen Beruf und seinen Lebensunterhalt zu gewährleisten, arbeitet er zusätzlich beim Film. Er baut dort Kulissen und Dekorationen. Mit dem Lockdown wurde ein eben begonnenes Projekt vorerst auf Eis gelegt, und ihm blieb nichts weiter zu tun, als sich wieder auf eine schon im Oktober des Vorjahres begonnene Bildhauerarbeit zu konzentrieren. Dabei fiel ihm erneut ein verwaistes Werkstück ins Auge, stock-footage, wie es die Filmbranche nennt, etwa 50 cm hoch und seit längerer Zeit in einem Blickwinkel aufgestellt, aus dem es jetzt den Bauplan für ein monumentales Unternehmen offenbarte. In der Biologie nennt man so etwas den genetischen Code.

Die schöpferische Kraft der Natur und deren Deutung durch die schöpferische Absicht des Künstlers sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Das beharrliche Walten der Schöpfung überfordert – nicht nur – in seiner zeitlichen Dimension unsere Einbildungskraft, die ihm ein Ziel unterstellt, obwohl der rationale Verstand das verbietet. Ziele sind Sache des Menschen, der etwa vom Werden, Wachsen und Schwinden sowie von der äußeren Gestalt eines Baumes abstrahiert, um ihn als Baustoff unterschiedlichen Zwecken dienlich zu machen. Und er kann zum Bauen auch andere Stoffe verwenden, die seinen Zwecken genügen.

Dörflingers bevorzugter Werkstoff ist, neben Stein und Papier, Holz, dessen natürliches Verhalten durch mehrlagige Verleimung neutralisiert ist. Die Bau- und Möbelindustrie kennt es als Sperrholz, mit dem Dörflinger schon als Bootsbauer Erfahrung gesammelt hat. Die Platten werden mit der Stichsäge in Form gebracht, verleimt und verschraubt und dann mit der Trennscheibe und dem Fräser weiter geschliffen. Da aber das Schaffen keinen anderen Zweck erfüllt, als sich selbst und den ihm zugrundeliegenden Plan zum Ausdruck zu bringen, schwingt es permanent zwischen Machbarkeitsstrategie und sinnlichem Erleben des Tuns hin und her. Oder zwischen Traum und Albtraum, wie Dörflinger selbst sagt.

Der Traum verknüpft in seiner eigensinnigen Semantik abseits der Alltagssprache kaum Beachtetes, Unterdrücktes, Wollen und Wünschen zu Geschichten. Peter Dörflingers monumentale Skulptur wuchs während der letzten Phase in geschätzt 500 bis 600-stündiger Arbeit zwischen 15. März und 27. Mai. Ihre Formen und ihre Farbe erzählen vom Treiben auf den Wellen des Meeres, von gestrandeten Walen und einsamen Booten und von seinem Traum, einmal auf einer Yacht die Welt zu umsegeln.

Eine kleinere, in derselben Technik gearbeitete Skulptur ist zur Zeit in der Galerie der Kunstwerkstatt Lienz zu besichtigen und kann online im Artshop von dolomitenstadt.at erworben werden.

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