„Ich kann tun, was ich will, aber nicht wollen, was ich will“

Müssen Mächtige korrupt sein? Wer lässt wem keinen Stich? Und was sagt Schopenhauer dazu?

Jetzt habe ich mit meinem vorlauten Geschreibsel doch tatsächlich einen landesweiten Skandal provoziert. Unfreiwillig, ich schwöre! In meiner letzten Randnotiz ist mir nämlich ein Fehler unterlaufen: „Das Schulpersonal wurde geimpft“, war da zu lesen. Richtig wäre gewesen: „Das Impfpersonal wurde geschult.“ Immer eins nach dem anderen, lautet in Österreich die Devise. Es ist wichtig, dass man ausreichend Fachpersonal zur Verfügung hat, bevor man an so ein monumentales Unternehmen herangeht. Oder möchtest du deine Impfung von jemandem verabreicht bekommen, der eine Spritze für eine Feuerlöschpumpe hält? Siehst du!

Deshalb haben sich jetzt in Tirol ganze Kompanien in einem beispiellosen Selbstversuch freiwillig durchgeimpft. Freiwillig muss nicht aus freiem Willen bedeuten, so wie ein Freiheitlicher – ohne jetzt Namen zu nennen – auch nicht immer in Freiheit sein muss. Mit dem freien Willen haben sich, auch abseits der katholischen Kirche, schon viele bedeutende Denker beschäftigt. „Ich kann tun, was ich will, aber nicht wollen, was ich will“, hat Arthur Schopenhauer gesagt und sich damit als Verfechter des Determinismus wie des Indeterminismus positioniert. Das klingt jetzt ein bisschen abstrakt, lässt sich aber am leichtesten an einem Beispiel erläutern:

Arthur Schopenhauer (1788-1860), fotografiert von Johann Schäfer, 1859. Copyright: Wikicommons

Man sagt, dass ein Politiker, der an die Macht kommt, anfällig für Korruption wird. Ob er will oder nicht. Häufig gewinnt man den Eindruck, dass so ein Politiker gar nicht wollen kann, was er dann tut, doch vor Gericht ist es besser, er konnte nicht tun, was er wollte. Aber das bringt uns vom Thema ab. In Österreich gibt es solche Politiker, Gott sei Dank, nicht. Unser Kanzler zum Beispiel hat sich nicht nur für das eigene Volk, sondern auch für das jener Länder ins Zeug gelegt, die bei der Beschaffung des Impfstoffs benachteiligt wurden, und es ist nichts als eine semantische Spitzfindigkeit, zu behaupten, dass er die jetzt im Stich lässt. Er lässt ihnen keinen Stich, müsste es heißen!

In Ausländerfragen hält sich der Kanzler strikt an die eigene Linie. Und damit hat er recht. Erst kürzlich wurde bekannt, dass die Hauptursache dafür, dass wir der Pandemie nicht und nicht Herr zu werden vermögen, die Migration ist. Migranten seien eben nicht in der Lage, die komplexen Maßnahmen und Verordnungen sinnerfassend zu lesen. Allerdings bin in dieser Hinsicht auch ich ein Migrant. Aber kaum war die Migration zwischen Virgen und Matrei gestoppt, verbesserte sich die Lage im ganzen Bezirk. In der 7-Tage-Inzidenz liegen wir jetzt gleich hinter Braunau am Inn.

Sinnerfassendes Lesen lernt man nicht in der Schule. Nicht mehr. Nach fünf Jahren Politik an vorderster Front hat sich kürzlich die einstige Bildungsministerin Sonja Hammerschmid aus dem Nationalrat verabschiedet, nicht ohne ihrem Nachfolger ein paar gute Ratschläge zu hinterlassen. Um die Schulen zukunftstauglich zu machen, sei endlich der von ihr postulierte Bildungskonvent einzuberufen, auf gut deutsch: mit einem Sesselkreis die eigene Ratlosigkeit zu kaschieren. Außerdem solle man den Einsatzbereich für das freiwillige Sozialjahr auf den Kulturbereich ausweiten, was aber ähnlich absurd wäre, wie in einer christlich-sozialen Partei Glaube, Liebe und Hoffnung zu suchen.

Um auf die Herausforderungen der Zukunft flexibel reagieren zu können, braucht es nicht allzu viel: ein bisschen Latein – Corona, Infektion, Inzidenz: alles lateinische Wörter – und die Bereitschaft, ständig wachsam zu bleiben, um später das Kreuz an der richtigen Stelle zu machen: In nomine Patris et Filii usw. In den Ethikunterricht setze ich da keinerlei Hoffnung. Um ethisch zu handeln muss man das, was man tut, nicht nur wollen, man muss es auch glauben!

Na, wenigstens gibt es bei uns im Westen noch Ostern. Im Osten ist das eher ein Western. Wenn bei glühender Mittagshitze ein Heubündel durch die menschenentleerte Hauptstraße rollt, an deren Ende der Sheriff mit seinen Deputies die Outlaws zum großen Showdown empfängt. Dort heißt es allerdings Lockdown. Und es heißt Polizisten und Polizisten. Bin gespannt, wann einer dem Nehammer flüstert, dass er beim Gendern auch die anderen vier Geschlechter berücksichtigen soll. Das wäre dann Science fiction.


Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker, Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt und Autor. Für uns kritzelt er Notizen einfach an den Rand der Ereignisse, also dorthin, wo die offizielle Berichterstattung ein Ende hat. Wir präsentieren in unregelmäßigen Abständen „Rudis Randnotiz“.

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2 Postings bisher
aenda

Für die monumentalen Unternehmen Österreichs ist es weiß Gott wichtig, geeignetes Personal an die Spitze zu setzen. Da hilft's durchaus, Leute aus der Familie zu nehmen, und damit alles mit rechten Dingen zugeht, lässt man sie die Ausschreibung gleich selbst verfassen.

nikolaus

Naja, der Nehammer wird wohl deshalb nicht gendern, weil er sowieso "-innen"-Minister ist (weshalb er eigentlich ja nur weibliches Personal beschäftigen dürfte).