Ein unkontrollierter Kuss und seine Folgen

Oder wie sich das Böse über die ganze Welt ausbreiten konnte.

Ich schaue mir immer wieder einmal einen alten Film an und führe Buch über die Regiefehler, die ich dabei entdecke. Klassiker aus den 1960er und 1970er Jahren, da hat man noch Zeit zum Überlegen, ohne alle paar Sekunden die Pausetaste drücken zu müssen. „Tanz der Vampire“ ist so ein Film. Die Schlussszene hat es mir angetan. Da braust zu nächtlicher Stunde ein Pferdeschlitten durch die verschneite Gebirgslandschaft, gelenkt von Professor Abronsius, einer Mischung aus Albert Einstein und Jerry Lewis. Im Fond liegt sich das barock kostümierte Liebespaar Roman Polanski und Sharon Tate in den Armen.

Einer der berühmtesten Küsse der Filmgeschichte lebt von einer Veränderung, die der Zuschauer erst bemerkt, als für den jungen Helden jede Hilfe zu spät kommt: Die Eckzähne seiner Geliebten sind seit der letzten Einstellung erstaunlich gewachsen. „In jener Nacht, auf der Flucht aus den Südkarpaten, wusste Professor Abronsius noch nicht, dass er das Böse, das er für immer zu vernichten hoffte, mit sich schleppte. Mit seiner Hilfe konnte es sich endlich über die ganze Welt ausbreiten.“ So erläutert uns, nicht ohne Pathos, die Erzählstimme aus dem Off das Geschehen.

„In jener Nacht, auf der Flucht aus den Südkarpaten“ … Foto: agefotostock

Wo aber, zum Teufel, bleiben die Grenzkontrollen, und wo steht der Testbus? Dem Cineasten aus Osttirol fällt so etwas auf – neben den schneebedeckten Dreitausendern in der Ferne, auf die die unglücklichen Reisenden zusteuern. Andererseits: Die tiefschwarzen Schatten kommen von rechts, also kann es sich nicht um Osttirol handeln. Osttirol liegt nämlich hinter dem Mond, nicht links davor! Dafür liegt Osttirol näher am Meer als andere Tiroler Bezirke. Vielleicht ist das der Grund, warum wir uns hier mit den Maßnahmen und mit dem Impfen mehr Zeit lassen können.

„Ich unterstütze die Corona-Maßnahmen, weil ich das Meer liebe, und weil ich das Meer liebe, will ich mehr – mehr Maßnahmen. Mehr Maßnahmen, mehr Meer!“ Eine gesunde Einstellung, die Tatort-Kommissarin Ulrike Folkerts alias Lena Odenthal da äußert. Allerdings geht es in ihrem Videobeitrag zur Unterstützung der deutschen Corona-Maßnahmen weniger um die Gesundheit, sondern eben mehr um das Meer. Ulrike Folkerts hat sich mittlerweile von ihren Aussagen zu #allesdichtmachen distanziert. Ihr Standpunkt wurde jedoch längst schon in einem anderen Format diskutiert: Im Forum von Dolomitenstadt.

Dort gibt es Kommentatoren, die solche Weisheiten absondern, und andere, die solche Sonderheiten abweisen. Jeder darf hier schreiben, was er will und – wenigstens in puncto Grammatik und Orthografie – auch wie er es will. Man ist tolerant. Mit dem Forum von Dolomitenstadt ist es wie mit Corona: Wer es besser weiß, darf es auch kundtun. Und wenn es keine Regie gibt, kann es auch keine Regiefehler geben. In einer offenen Gesellschaft, hat Karl Popper gesagt, hat jeder Einzelne das Recht, den Lauf der Geschichte zu steuern. Nicht hin auf die Maximierung des Glücks, sondern auf die Minimierung des Leidens.

Apropos Leiden, da fällt mir noch eine Filmszene ein. Der Rathausplatz von Delft aus der Vogelperspektive. Holzsärge liegen herum, dazwischen offene Feuerstellen und eine Ansammlung von Menschen. Wieder am Boden bleibt eine junge Frau bei einem Kapuzinermönch stehen, der im Vordergrund kniet, während sich seine Mitbrüder einem bizarren Reigen anschließen, der ein Stück weiter hinten aufgeführt wird. Die Schauspielerin Isabelle Adjani, aus anderen Filmen nicht gerade als prüde bekannt, hat Mühe, sich der Zudringlichkeiten der Passanten zu erwehren. Vorbei an ausgelassenen Musikern, Tänzern und einem Betrunkenen, der verzweifelt versucht, einen Ziegenbock zu besteigen, bahnt sie sich ihren Weg, bis sie eine üppig gedeckte Tafel erreicht.

Dort sitzen festlich gekleidete Menschen, eine Dame mit Blumen im Haar, die Männer in Frack und Zylinder. Unter dem Tisch aber hat sich ein Meer weißer Ratten versammelt. „Wollen Sie mit uns trinken? Seien Sie unser Gast! Wir haben alle die Pest. Zum ersten Mal freuen wir uns über jeden Tag, der uns bleibt.“

Erkennen Sie den Regiefehler? Den Fehler im Drehbuch? Ich auch nicht.


Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker, Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt und Autor. Für uns kritzelt er Notizen einfach an den Rand der Ereignisse, also dorthin, wo die offizielle Berichterstattung ein Ende hat. Wir präsentieren in unregelmäßigen Abständen „Rudis Randnotiz“.

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1 Posting bisher
nikolaus

Ein möglicher Fehler im Dialog (weshalb die Festmahl-Szene heute so nicht mehr stattfinden könnte):

"Wir haben alle die Pest." ...

... "Doch niemand hat einen TEST!"