„Zurück in die Zukunft“: Mir träumte …

… Elisabeth Blanik regiert das Land, Franz Theurl die Stadt und Kickl ist Kanzler.

Gestern hatte ich einen beunruhigenden Traum mit dem Titel „Zurück in die Zukunft“. Regie: Sigmund Freud. Es war der 24. Mai 2022.

Herbert Kickl war Bundeskanzler, Elisabeth Blanik Tiroler Landeshauptfrau und Franz Theurl Bürgermeister von Lienz. Er hatte sich in der Stichwahl gegen Josef Blasisker behauptet, der den alles entscheidenden Stich aus Parteiräson abgelehnt hatte. Der Hochstein war, wie alle anderen Schigebiete, für immer geschlossen, und das Kontingent an Schneekanonen an den EU-Außengrenzen postiert. Erstmals in der Geschichte hatte sich die Tiroler Landesregierung gegen das Stadtoberhaupt von Lienz durchgesetzt. Wie es früher war, hätte man nur noch im Lienzer Stadtbuch nachlesen können, doch das Lienzer Stadtbuch gab es am 24. Mai 2022 noch nicht. 

Das Grandhotel Lienz war jetzt ein Studentenheim, weil Geimpfte hier keinen Zutritt mehr hatten. Dafür hatte man auf Schloss Bruck eine Seniorenresidenz eingerichtet, um all jenen, denen es vor den Neuwahlen gelungen war, einen dritten Stich zu ergattern und damit Unsterblichkeit zu erlangen, Gelegenheit zu bieten, Egger-Lienz, den Grafen von Görz und Uwe Ladstädter auf Augenhöhe zu begegnen. Und Jos Pirkner, nicht zu vergessen! Stadtmarketing und Kulturamt waren jetzt offiziell zusammengelegt und wurden von Konrad Paul Liessmann geleitet, was dem anderen Blasisker ungeahnte Einsparungspotenziale erschloss: Die Stadt Lienz musste auf ihrer Homepage nur noch den Namen, nicht aber das Foto austauschen. 

Und es gab Steuererleichterungen für die katholische Kirche. Die hatte noch der Amtsvorgänger des Kanzlers gemeinsam mit dem päpstlichen Nuntius, Kardinal Bonelli, beschlossen und die katholische Kirche um ihre Steuereinnahmen erleichtert. So konnte sich diese, ganz im Sinne der Freiburger Konzerthausrede Benedikt XVI., wieder voll auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und sich in den Werken der Barmherzigkeit üben, deren Zahl man allerdings von sieben auf zwei herabgesetzt hatte: Fremde zu beherbergen, Kranke zu besuchen, Nackte zu kleiden und Verstorbene zu bestatten konnte man sich wegen zu geringer Nachfrage sparen. 

Hungernde hingegen gab es genug, doch war man sich über deren Sättigung noch nicht einig. Der Mensch lebt schließlich nicht vom Brot allein und die Lunchpakete des Kanzlers hätten da wenig geholfen. Zum Tränken der Durstigen aber hatten sich auf ehrenamtlicher Basis Leute bereiterklärt, denen der Durst täglich am eigenen Leib widerfuhr. Wie Werner Kogler, der aus seinem eben eröffneten, als Internetcafé verschleierten Bier- und BurgerInnenlokal täglich dürstende Grußadressen an seine Parteifreundin Maurer absetzte. Blieb also nur noch der Besuch der Gefangenen, die sich zur Hauptsache ohnedies aus den Parteifreunden des Nuntius rekrutierten. 

„Ich hatte meinen DeLorean in der Beda Weber-Gasse geparkt …“ – Foto: Wikicommons/Dolomitenstadt

Ich hatte meinen DeLorean in der Beda Weber-Gasse geparkt, einen halben Kilometer von der Startrampe am Lienzer Hauptplatz entfernt. Vom 24. Mai 2021 bis zum 24. Mai 2022 sind es exakt 365 Tage mal 24 Stunden. 0,5 Kilometer dividiert durch 8760 Stunden macht knapp 0,00006 km/h. Das ist für die Beda Weber-Gasse noch immer zu schnell. Als auf der Höhe des Wohn- und Pflegeheims auch noch der Rollator eines Bewohners bei einem riskanten Überholmanöver meinen Kotflügel streifte, war sogleich ein berittener Exekutivbeamter zur Stelle. Die Klärung der Schuldfrage erinnerten sie an Matrei, schnaubten er und sein Pferd. Dort sei der Bürgermeister mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt worden, doch von der Bevölkerung wollte es nachher wieder einmal niemand gewesen sein. 

„So, jetzt brauche ich eine Zigarette und einen hochprozentigen Schluck!“ sagte ich und stürzte in das Lokal an der gegenüberliegenden Seite. Rauchen war hier nicht nur erlaubt, als Nichtraucher durftest du gar nicht hinein. Als aber bei meinem Eintreten die Gäste die Köpfe zusammensteckten, um über mein gestriges Outfit – Maske und ungeschnittene Haare – zu tuscheln, verspürte ich ähnliches Unbehagen wie damals, als meine Eltern mich in Knickerbockern und Waldviertler Schuhen zur Firmung geschickt hatten. Meine Freunde machten mit ihren Slim Fit Anzügen und Pomadefrisuren weitaus überzeugendere Figur. Immerhin waren sie seit der Erstkommunion um einen halben Meter gewachsen. Gut, bei der Erstkommunion hatten mir meine Knickerbocker auch noch bis zu den Knöcheln gereicht. Die Haare nur bis zu den Schultern. 

„Gebt mir mein altes Leben zurück!“ rief ich verzweifelt und hielt dem Wirt mein negatives Testergebnis und meinen Impfausweis unter die Nase. Erst als er mir bedeutete, ich könne mir beides sonst wohin schieben, bemerkte ich, dass ich wieder in der Gegenwart angelangt war. 


Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker, Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt und Autor. Für uns kritzelt er Notizen einfach an den Rand der Ereignisse, also dorthin, wo die offizielle Berichterstattung ein Ende hat. Wir präsentieren in unregelmäßigen Abständen „Rudis Randnotiz“.

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10 Postings bisher
Linuss

Chapeau Hr. Ingruber! Ihre Randnotizen sind randvoll mit pointierten, feinsinnig humorvollen, tagespolitisch aktuellen Bemerkungen, die individuellen Spielraum lassen für das Lesen zwischen den Zeilen. Unterhaltung auf höchstem Niveau.

manwie

Rudi, danke, dass es dich gibt. Wenigstens noch einer, der verstanden hat, dass die aktuellen Irrungen und Verwirrungen nur mit Humor und Satire verkraftet werden können. Köstliche Szenarien, die treffend Absurdistan verkörpern Bravo Rudi

aber... Rudi gib Acht vor der Acht...

für Interessierte gemeint ist die Reichsacht

tirolerisch

Gut, dass aufgewacht sind . 🤣😂🤣.

Anthony Soprano

Glauben Sie, dass Sie zufällig mit einem Delorean gefahren sind? Immerhin ereilte John Delorean das gleiche Schicksal, das in unseren Politikerkreisen gerade sehr en vouge ist. Er fand sich auf der Anklagebank wieder! Ihn rettete damals ein Brief den er extra geschrieben hat - ganz im Gegensatz zu heute. Gegenwärtig versucht man alles, was man geschrieben hat, möglichst unauffällig zu schreddern und zu löschen...

    r.ingruber

    Gedächtnisstützen zu schreddern ist bei mir nicht nötig. Ich kann mich auch mit ihnen an nichts mehr erinnern.

Chronos

"Herbert Kickl war Bundeskanzler, Elisabeth Blanik Tiroler Landeshauptfrau und päpstlichen Nuntius, Kardinal Bonelli"

Wie kann man nur auf solche Gedanken kommen? Selbst wenn es nur ein Traum war...

Fantas(ievoll)tisch, Herr Rudi Ingruber

nikolaus

Ich schlage vor, bei diesem Szenario unser schönes Ländchen umzubenennen: in Öster-Leich'!

ozzy

Regisseur Siegmund Freud hatte da doch etwas zu viel mit dem Koks experimentiert. Super "Gschicht".

spitzeFeder

Das zeigt wieder einmal, wozu spitzeFedern fähig sind. Wenn ich einen hätte, würde ich ihn ziehen. Den Hut, nicht den Revolver.

👏

so ist es vielleicht

🤣🤣🤣 Na, sooo arg wirds wohl nicht werden, zum Glück!!! 🤭