Harfenspiel 2021 – Idee für den Lienzer Hauptplatz von Bildhauer Jos Pirkner. Visualisierung: Aberjung

Harfenspiel 2021 – Idee für den Lienzer Hauptplatz von Bildhauer Jos Pirkner. Visualisierung: Aberjung

Ich reise zum Klang der Harfen durch die Zeit

„Was ist das? Auf keinen Fall ein Platz!“ meinte der Alte mit dem gewaltigen Schnauzbart.

Wäre ich vor ein paar Tagen mit meiner Zeitmaschine in das Jahr 1771 gereist und am Lienzer Hauptplatz gelandet, ich hätte mich wahrscheinlich nicht groß gewundert. Lienz war seiner Zeit schon damals um ein Vierteljahrtausend voraus. Ich war von Lavant gekommen, wo ich mir die frisch gestrichene Decke der Wallfahrtskirche angeschaut hatte, deren Stil nicht mehr ganz so neu war, aber es wäre ungerecht, die Peripherie an der innovativen Kraft einer Metropole zu messen, die Osttirols Hauptstadt nun einmal besitzt.

Ich war, wie damals üblich, durch das Spitalstor einmarschiert. Am Kopf der Brücke über die Isel war, zum Zeichen dafür, dass man diese Epoche ein für allemal hinter sich hatte, ein Wappenvogel aus der Bronzezeit eingemauert. Auf dem Hauptplatz gab es, abgesehen von dem städtebaulich verschämt ins Abseits gedrängten Antoniuskirchl, auch keinen Sakralbau, der versucht hätte, die Zeit aufzuhalten. Dafür gab es ein Schloss, das immerhin rund 50 Jahre am Buckel hatte und das Standesbewusstsein der Anrainerschaft schon damals reichlich mit Nahrung versorgte.

Der Erbauer des Schlosses, auch wenn man mir seinen Namen nicht mehr zu nennen vermochte, war als genialer Kopf in den Köpfen verankert, dessen Erfindergeist bis zum damals heutigen Tag noch immer für staunendes Kopfschütteln sorgte. Zur Veranschaulichung seiner Idee, die von der Stadtbevölkerung enthusiastisch akklamiert worden war, hatte ihm eine simple Pappschachtel genügt, flankiert von zwei abgewickelten Klopapierrollen, die er mit Gartenzwiebeln bekrönte. Wunderschön! Drinnen saß der Herrschaftsverwalter, der Stadtrichter Rost, dessen Name so gar nichts mit den von den Bürgern liebevoll lackierten Fassaden, die seine Residenz einfassten, zu tun hatte.

Auf meiner Rückreise machte ich einen Zwischenstopp im Jahr 1997. Schräg gegenüber der Liebburg hatte man kürzlich eine Baulücke notdürftig geschlossen, mit einem Etwas, das die kecke Buntheit der angrenzenden Häuser verspottete und deren munter vor sich hin oszillierenden Traufhöhen auf das Ärgerlichste neutralisierte. Und kein einziger Blumentrog vor dem Fenster!

Ich blickte nach oben und sah einen älteren Herrn, mit Schlapphut und gewaltigem Schnauzbart, der stand auf seines Daches Zinnen und schaute mit vergnügten Sinnen … „Was ist das da unten?“, rief er mir zu, und da ich ihm in meiner Verwirrung keine Auskunft geben konnte, gab er sie mir: „Auf keinen Fall ist das ein Platz! Es war nie einer und es wird auch nie einer sein!“ Die Aufklärung seines Irrtums hat der gute Mann leider nicht mehr erlebt. 2001 war er von Österreich so enttäuscht, dass er seinen Reisepass zurückgab, um sich wenige Jahre vor seinem Tod erneut einbürgern zu lassen. Als was hätte er jetzt, 2021, wohl die Architektur an dem Ort, den er verächtlich eine „Durchzugsstraße“ genannt hatte, bezeichnet? Als Verkehrshindernis?

Das Ensemble erinnert entfernt an die Kirche San Carlo alle Quattro Fontane in Rom. Ein runder Zentralbau mit seitlich ausschwingenden Flügeln, nur, wie es dem bescheidenen Funktionalismus des 21. Jahrhunderts entspricht, ganz ohne den unnützen barocken Schnickschnack. Und anstelle der vier Brunnen nur einer. Der wiederum besinnt sich der Formensprache der Fresken von Lavant, die ihre Wurzeln bis zum Manierismus des späten 16. Jahrhunderts ausstreckt. Auch andere Redundanzen wurden gestrichen. Ritsche, ratsche, voller Tücke. Dafür hätte der Künstler gegen Bäume nichts einzuwenden gehabt. Vorausgesetzt, es hätte sich dabei um Pirken gehandelt.

Harfenspiel 1771 – gemalt von Thomas Valtiner und Johann Georg Waginger in der Wallfahrtskirche von Lavant. Foto: Michael Ingruber

Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker, Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt und Autor. Für uns kritzelt er Notizen einfach an den Rand der Ereignisse, also dorthin, wo die offizielle Berichterstattung ein Ende hat. Wir präsentieren in unregelmäßigen Abständen „Rudis Randnotiz“.

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BettinaHuber

wie immer - toll geschrieben! ... und ich stimme herrn abraham übrigens zu! ;-)