Aktionismus in der Innsbrucker Altstadt am 25. November, dem internationalen Gedenktag für alle Frauen und Mädchen die Opfer von Gewalt wurden. Foto: Dolomitenstadt/Florence Lang

Aktionismus in der Innsbrucker Altstadt am 25. November, dem internationalen Gedenktag für alle Frauen und Mädchen die Opfer von Gewalt wurden. Foto: Dolomitenstadt/Florence Lang

29 leere Stühle zeigen: Man(n) tötet nicht aus Liebe

Ein feministisches Aktionskollektiv in Innsbruck gibt Feminizid-Opfern eine Stimme.

Eine Erklärung gleich vorweg: „Feminizid“ statt Femizid ist kein Schreibfehler, das betonen die Aktivistinnen des feministischen Aktionskollektivs in Innsbruck, während sie am 25. November in der Altstadt mit leeren Stühlen und brennenden Kerzen an 29 Frauen erinnern, die in Österreich allein in diesem Jahr männlicher Gewalt zum Opfer fielen. Zwei Frauen starben erst in den letzten Tagen in Tirol.

Das Kollektiv will aber nicht nur an diese Opfer erinnern, sondern auch auf die Gewalt gegen Lesben, nonbinäre und Transpersonen (abgekürzt „FLINT“ oder FLINTAs, für Frauen, Lesben, inter, non-binary, trans, a-binary) aufmerksam machen, also an die vielfältigen Formen von „hegemonialer Gewalt auch außerhalb von Verwandtschaftsverhältnissen“ erinnern. Deshalb der Ausdruck „Feminizid“, wie Julia und Anna erklären, zwei Freiwillige, die Dolomitenstadt einen Einblick in die Arbeit des Kollektivs geben.

Zwei Frauen wurden Ende November in Tirol von ihren Männern getötet. 29 Femizid-Opfer verzeichnet Österreich bisher im Jahr 2021. Ein feministisches Aktionskollektiv will mit stillem und mit lautem Protest die Gesellschaft wachrütteln. Foto: Dolomitenstadt/Florence Lang

„Feministische Kämpfe hatten schon immer einen Platz in Innsbruck auf der Straße. Wir führen das weiter und drücken unseren Protest als loser Zusammenschluss von betroffenen Personengruppen aus,“ so Julia. Neben öffentlichen Kundgebungen und Demonstrationen organsiert das Kollektiv auch stille Proteste wie die unübersehbare „Stuhlaktion“, die in den letzten Wochen in Innsbruck bereits auffiel und zum Nachdenken anregen sollte. Anna erklärt die Symbolik der Stühle: „Jede einzelne FLINTA, die ermordet wird, hinterlässt einen Platz, eine Leere, die nicht gefüllt werden kann. Diese Stühle sollen diese Leere symbolisieren.“

Die 40 Meter lange Stuhlreihe lässt unschwer das Ausmaß an genderbasierter Gewalt im Jahre 2021 erkennen. Die Stimme des feministischen Kollektivs wird gehört, die Aktionistengruppe wächst beständig. „Unsere Hoffnung ist, dass wir mit der nun geschaffenen Aufmerksamkeit helfen können, dass die Bevölkerung mehr auf ihre Umgebung achtet, zusammensteht und sich gegenseitig hilft,“ so Julia. „Wir erwarten nicht von irgendjemandem eine Entschuldigung für das, was man in der Vergangenheit getan hat, sondern eine Reflexion, wie es in Zukunft besser werden kann.“

Die feministische Gruppe spürt jedoch auch Gegenwind. Die jungen Frauen werden während ihrer abendlichen Demonstration auch am 25. November in Innsbruck immer wieder verbal angegriffen. Anna erzählt, was sie sich besonders oft anhören muss: „Immer wieder hören wir, das ist doch privat, was die Männer mit ihren Frauen haben. Aber wir erwidern da eindeutig: Nein! Wir müssen das Private endlich mal öffnen und nicht alles stillschweigend hinnehmen. Das Private ist politisch!“ Sie fügt hinzu: „Es geht hier auch um Unterdrückung und verbale Gewalt, die nicht sichtbar ist. Das muss genauso thematisiert werden, um Menschen zu sensibilisieren.“

Zwischen dem 25. November – dem internationalen Gedenktag für alle Frauen und Mädchen die Opfer von Gewalt wurden – und dem 10. Dezember – dem internationalen Tag der Menschenrechte, liegen 16 Tage. Dieser Aktionszeitraum wird weltweit genutzt, um das Ausmaß und die Ausprägungen von Gewalt gegen Frauen zu thematisieren und Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Gewalt gegen Frauen und Mädchen als fundamentale Menschenrechtsverletzung nachhaltige Folgen für die Betroffenen, aber auch für die Gesellschaft hat.

Mit dem Leitspruch: „Alerta Feminista. Nehmt ihr uns eine, antworten wir alle“ setzt sich das feministische Aktionskollektiv in Innsbruck auch dann noch für die Rechte von Gewaltopfern ein, wenn diese 16 Tage längst vorbei sind.

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