Woher kommt die Legende vom „bösen Schwarzen“?

Warum Platter nicht geht und wie ich als Kabinettchef mit „Kurz“ ein Zimmer teilte. 

„Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?“ So hieß ein Spiel, das unsere Eltern meinem Bruder und mir vor mehr als einem halben Jahrhundert beigebracht haben, um uns schon von Kindheit an völlig unbegründete Ängste zu nehmen. Unsere Eltern waren sehr aufgeschlossen. Streng katholisch und ÖVP. Das Spiel wurde populär, als der Österreichische Rundfunk den Kampf Muhammad Ali gegen Floyd Patterson übertrug. Floyd Patterson galt als „guter Schwarzer“, weil er das amerikanische Rassengesetz unterstützte. Deswegen war er auch schon zweimal Boxweltmeister geworden.

Beim Versuch, eine dritte Legislaturperiode anzutreten, ist er aber an Muhammad Ali gescheitert. Der machte ihn platt. „Platter geht nicht“, hat meine Mutter gesagt, und der Satz hat sich bewahrheitet – bis zum heutigen Tag. Damit war die Legende vom „bösen Schwarzen“ geboren. Unsere Eltern versicherten aber, wir hätten von ihm nichts zu befürchten, weil eben nur eine Legende. „Und wenn er aber kommt?“ Die Frage wurde zu dieser Zeit für uns immer brisanter, denn schließlich hatte die Kirche in Rom soeben das Zweite Vatikanische Konzil abgeschlossen und ihre Gläubigen in Sachen Moraltheologie mit einer ganz neuen Verfassung beschenkt.

Wir haben allerhand aufgeführt und dann alles abgestritten. (Motiv: Philipp Otto Runge, Die Hülsenbeckschen Kinder, 1805, Hamburger Kunsthalle. Foto: Angoria/Wikicommons)

Unser Zimmer grenzte an das Schlafzimmer unserer Eltern. Die Wohnung war nicht gerade der Ballhausplatz, aber einen gewissen Luxus hatten wir schon. Zimmer, Küche, Kabinett, Klo und Bad integriert. Und einen Ballspielplatz vor dem Haus. Mein jüngerer Bruder und ich bewohnten das Kabinett, und ich war der Kabinettchef. Dort haben wir allerhand aufgeführt und dann alles abgestritten. Ich war der Klügere und damals schon gut mit der katholischen Kirche vernetzt, dafür konnte er besser lügen. Deswegen hatte er auch die kürzeren Beine. Der Einfachheit halber nannten meine Eltern ihn „Kurz“.

Nicht wegen der Beine, sondern weil er das Kabinett nur zwei Jahre bewohnte. Meine Eltern setzten ihn kurzerhand vor die Tür, als dank des Konzils schon ein weiterer Mitbewohner dort Eintritt begehrte. Mein Bruder und ich waren darüber nicht sehr erfreut, und da half es auch nichts, dass unser Vater uns die Schönheit der neuen Verfassung erklärte. Mit diesem noch jüngeren Bruder bin ich nie so recht warm geworden. Der hat zwar auch nie die Wahrheit gesagt, aber das mit einer gewissen Diplomatie. Auch er musste bald ausziehen. Ins Außenamt sozusagen.

Ich hatte so sehr gehofft, dass nun der „Kurz“ wieder bei mir einziehen würde, doch daraus ist nichts mehr geworden. Als nämlich unser aller, aller jüngster Bruder zur Welt kam, musste er dessen Betreuung übernehmen. „Gar nicht gut!!! Kannst du das aufhalten?“ fragte er mich, aber ich konnte ihm nicht mehr helfen, weil ich das Geld für die staatliche Ganztagsbetreuung schon in ein anderes Projekt investiert hatte. In das Projekt Ballhausplatz.


Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker, Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt und Autor. Für uns kritzelt er Notizen einfach an den Rand der Ereignisse, also dorthin, wo die offizielle Berichterstattung ein Ende hat. Wir präsentieren in unregelmäßigen Abständen „Rudis Randnotiz“.

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4 Postings bisher
Omo

Ich habe eine Klette im Wollpullover und bekomme sie nicht mehr raus! Bei der ORF Pressestunde sah man, welchen Schmarrn der LH erzählt!

Chronos

Meisterhaft! Wieder einmal beeindruckend!

Herr_Kules

Brillante Analyse, Herr Bonelli!

arlingriese

ohne Worte 😶 ... 👍🏻😂 ... Danke Rudi