Gewaltprävention für und von Menschen mit Behinderung

„Bidok“ und „Wibs“ klären Betroffene auf. Das Land fördert die Pilotprojekte.

Sexueller Missbrauch, körperliche und psychische Übergriffe: Menschen mit Behinderung sind mit einem sehr hohen Ausmaß von Gewalt betroffen. Diese Realität fordert Aufklärung und Aufmerksamkeit. Landesrätin Gabriele Fischer liest bei einem Mediengespräch in Innsbruck am 17. Dezember aus einer Studie des Sozialministeriums vor: „Mehr als acht von zehn Personen mit Behinderung berichten in ihrem Leben zumindest einmal physische oder psychische Gewalt erlebt zu haben. Knapp acht von zehn Menschen gaben an körperliche Gewalt erfahren zu haben und davon nannten vier von zehn auch eine schwere Form von körperlicher Gewalt.“

Nährboden für Gewalt sind Fremdbestimmung und Überlastung. Außerdem kommt es im Zuge eines Mordes an einem Menschen oft zu einer Täter- Opfer Umkehr. Täter wollen die Opfer von ihrem „Leid“ erlösen. Dabei kommen viele Täter aus dem häuslichen Umfeld der Betroffenen: Sie sind Mitbewohner, Familienmitglieder, Mitschüler, Betreuer und Pfleger.

Die Dunkelziffer der Gewalt an Menschen mit Behinderung ist hoch. Auch deswegen, weil viele Opfer Gewalttaten nicht erkennen und keine Sprache bzw. Ausdrucksmöglichkeit dafür haben. Ein wesentlicher Baustein der Gewaltprävention ist daher, psychische, körperliche und sexuelle Übergriffe als Gewalt wahrnehmen und benennen zu können. Auch deshalb legt Gabriele Fischer den Fokus ganz klar auf Selbstbestimmung: „Es braucht eine Steigerung des Selbstwerts und des Empowerments. Das sind die wesentlichen Schutzfaktoren gegen Gewalt. Auch müssen wir den Menschen die Möglichkeit geben, sich zu artikulieren- eine Sprache zu finden.“

Das Land Tirol widmet sich diesem Thema und schafft mit Sensibilisierungs- und Aufklärungsprojekten wie dem Landesenquete „Hinschauen, Handeln, Schutz bieten“ Meilensteine für die Sicherheit von Menschen mit Behinderung. Außerdem soll ein Fokus auf zielgruppenorientierte Gewaltprävention gelegt werden. Die Beratungsstelle „Wibs“ und die barrierefreie Bibliothek „Bidok“ geben mit zwei Projekten die exemplarische Richtung für weitere Konzepte vor.

Landesrätin Gabriele Fischer (Mitte) präsentiert gemeinsam mit Andrea Urthaler (links) und Daniela Pittl zwei Vorzeigeprojekte der Gewaltprävention für und von Menschen mit Behinderungen bzw. Personen mit Lernschwierigkeiten. Foto: Land Tirol/Dorfmann

Wibs klärt mit Plakaten in leichter Sprache über Gewalt auf

Wibs (Wir informieren beraten bestimmen selbst) ist eine Beratungsstelle von und für Menschen mit Lernschwierigkeit. Die Beratungsstelle will Menschen, welche Grenzüberschreitungen nicht einschätzen und Gewalt nicht erkennen können, helfen, übergriffiges Verhalten zu betiteln. Um Betroffene als auch Mitarbeiter von Einrichtungen auf dieses Problem aufmerksam zu machen hat eine Arbeitsgruppe, in Zusammenarbeit mit zwei Peer-Berater:innen und fünf Männern und Frauen mit Lernschwierigkeiten, zwei Plakate gestaltet.

Die Plakate informieren in leichter Sprache zum einen, welche Formen von Gewalt es gibt und zum anderen, wo sich Opfer und Beobachter von Gewalt Hilfe holen können. Diese Botschaften werden in Einrichtungen für Menschen mit Lernschwierigkeiten verteilt. Peer-Beraterin Daniela Pittl erklärt: „Wir hoffen, dass die Plakate in ganz vielen Einrichtungen hängen werden. Und dass die Plakate den Menschen mit Lernschwierigkeiten, die Gewalterfahrungen gemacht haben, helfen können.“ Das Land Tirol unterstützte die Organisation Wibs und dieses Projekt.

Bidok hilft mit einem Informations- und Sensibilisierungsprojekt gegen Gewalt

Bidok (Behinderten Inklusion und Dokumentation) ist an der Universität Innsbruck angesiedelt und ist ein Beratungsprojekt für Menschen mit Behinderung. Kernstück von Bidok ist eine barrierefreie digitale online Bibliothek, die Texte und Materialien zum Thema Inklusion, Behinderung und Disability Studies kostenlos und barrierefrei zur Verfügung stellt. Dank der Unterstützung des Landes Tirol hat Bidok das bisher erfolgreichste Projekt „Informations- und Sensibilisierungsprojekt über Gewalt an Menschen mit Behinderung in leichter Sprache“ auf die Beine gestellt. Andrea Urthaler weiß, warum das Projekt Anklang gefunden hat: „Es handelt sich um ein partizipatives Projekt. Und ich bin mir sicher darin liegt der Erfolg.“

Denn in Zusammenarbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten wurden die Informationsmedien für dieses Projekt – eine Internetseite und eine Informationsbroschüre in kleiner und großer Ausführung – auf die Bedürfnisse der Menschen angepasst. Der Inhalt dieser Medien zeigt in leichter Sprache grundlegende Informationen über Gewalt und Handlungsempfehlungen für Betroffene. Andrea Urthaler zeigt sich begeistert, wie gut das Projekt angenommen wurde: „Alle Broschüren sind mittlerweile vergriffen. Wir haben zahlreiche Anfragen aus dem In- und Ausland und viele positive Rückmeldungen erhalten“, berichtet Urthaler.

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